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Russland:Triumph mit Verspätung

Die Parade zum 75. Jahrestag des sowjetischen Weltkriegs-Sieges musste verschoben werden, jetzt ließ Präsident Putin Panzer und Raketenwerfer auffahren - pünktlich zum Referendum über eine Verfassungsreform.

Es waren weniger Leute auf der Straße als sonst zur jährlichen Siegesparade, doch nicht alle Moskauer haben auf den Bürgermeister gehört. Der hatte ihnen geraten, zu Hause zu bleiben. Die Soldaten und Panzer sollten sie sich besser im Fernsehen ansehen, sagte Sergej Sobjanin bereits vor zwei Wochen. Die Innenstadt war ohnehin weiträumig abgesperrt. Doch an einigen Ecken konnten die Schaulustigen das schwere Militärgerät am Mittwoch zum Roten Platz fahren sehen.

Am Wladimir-Denkmal direkt vor den Kremlmauern etwa warteten einige hundert Menschen auf ihre kleine Parade. Eine Frau im weißen Kostüm verteilte Mundschutzmasken, ohne die in Moskau eigentlich niemand draußen herumlaufen darf. Sie holte sie aus einer Stofftasche mit der Aufschrift "75 Pobeda" darauf. Pobeda heißt Sieg. Doch fast niemand zog die Masken an - als wäre auch der Sieg über das Virus bereits ausgemacht.

Es hätte ein besonderes Gedenken werden sollen, 75 Jahre nach dem sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg. Die Militärparade am 9. Mai sollte besonders lang werden, besonders viele ausländische Gäste sollten ihr zuschauen. Dann zwang das Virus Wladimir Putin, seine Pläne zu verschieben. Dass er die Parade nun eilig nachholt, hat auch mit der Verfassungsreform zu tun, über die die Russen bereits von Donnerstag an abstimmen können. Sichtbare Abstriche hat der Präsident bei der Parade nicht gemacht, 14000 Soldaten marschierten am Mittwoch Schulter an Schulter über den Roten Platz, darunter Einheiten aus Indien, China, Serbien und mehreren früheren Sowjetrepubliken. Ihnen folgten mehr als 230 Panzer und Raketenwerfer.

Die Veteranen waren zuvor in Quarantäne, sie sollten ja den Staatschef nicht anstecken

Wladimir Putin sah von der Tribüne aus zu. Wie in früheren Jahren saß er umrahmt von Veteranen. Die vergangenen beiden Wochen haben die hochbetagten Kriegsteilnehmer in Sanatorien und Kurheimen verbracht. Sie waren dort in Quarantäne, schließlich sollten sie den Präsidenten und einander auf der Tribüne nicht anstecken. Diese sei der "sicherste Ort auf dem Planeten", sagte Gennadij Onischtschenko, früher Chef der russischen Gesundheitsbehörde, schließlich sei jeder Zuschauer überprüft worden. Viele internationale Gäste blieben der Parade dennoch fern. Bevor die Pandemie ausbrach, hatten etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Chinas Staatschef Xi Jinping für den 9. Mai zugesagt. Nun saßen hauptsächlich Präsidenten aus ehemaligen Sowjetrepubliken mit Putin auf der Tribüne.

"Es war unser Volk, dem es gelang, das furchtbare, absolute Böse zu besiegen", sagte der Präsident, bevor es losging. Man müsse die Wahrheit über den Krieg "schützen und verteidigen". Die "Wahrheit über den Krieg" ist ein Thema, das Putin in den vergangenen Monaten häufiger angesprochen hat. Er wirft dabei dem Westen vor, die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu verzerren. Erst am Freitag erschien ein langer Artikel des Präsidenten, in dem er das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts relativiert und die Besetzung der baltischen Staaten verteidigt. Am Montag, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941, besuchte Putin gemeinsam mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu die neue Militärkathedrale im "Park Patriot" bei Moskau. Der Durchmesser der Hauptkuppel beträgt 19,45 Meter, in Anlehnung an das Jahr des Sieges. Der Glockenturm daneben ist 75 Meter hoch, zu Ehren des Jubiläums. Putin erinnerte an die Gefallenen des Weltkrieges, Patriarch Kirill, Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, dankte Putin für seine Dienste als Oberbefehlshaber.

Die Erinnerung an den Sieg von 1945 ist der Mehrheit der Russen besonders wichtig, deswegen nützt sie Putin politisch. Nicht umsonst hat er die Tage vor den Verfassungsabstimmungen mit Rückblicken auf den Krieg verbracht. Von der Parade selbst erhofft sich der Kreml wohl den größten Mobilisierungseffekt. Bis einschließlich 1. Juli können die Russen über die Reform abstimmen, die Putin unter anderem zwei weitere Amtszeiten erlaubt. Moskaus Bürgermeister Sobjanin war dabei nicht der einzige, der die Feierlichkeiten zumindest ein wenig ausbremste. Andere Regionalchefs haben die Parade in ihren Städten wegen der Ansteckungsgefahr erst gar nicht nachgeholt, die Abstimmung müssen sie trotzdem abhalten.

Am Wladimir-Denkmal kommen die Panzer erst auf dem Rückweg vom Roten Platz vorbei. Als die ersten T-34-Panzer aus Weltkriegszeiten zu sehen sind, drängen sich die Menschen vor die Absperrung und jubeln. An die 607 000 Coronafälle im Land, die offiziell rund 8500 Toten denken sie in dem Moment wohl kaum. Zum Schluss ziehen Kampfjets und Hubschrauber über den Kreml, insgesamt 75 Stück. Die Flieger malen weiße, blaue und rote Rauchstreifen in die Luft. Ein Vater hebt seinen Sohn auf die Schultern und zeigt nach oben. "Das ist Russland", sagt er.

© SZ vom 25.06.2020

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