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Russland:In Russland wird der Krieg in Syrien totgeschwiegen

Russia's PM Medvedev gives an interview to Russian TV channels in Moscow

In seiner Jahresbilanz erwähnt der russische Premier Dmitrij Medwedjew die Bombardements in Aleppo mit keinem Wort.

(Foto: REUTERS)
  • Die Vereinten Nationen und westliche Regierungsvertreter kritisieren Russlands Vorgehen in Syrien regelmäßig heftig.
  • In Russland dagegen wird das Grauen kaum wahrgenommen.
  • Staatlich kontrollierte Medien übernehmen die Rede von der "Befreiung" Aleppos. Selbst ansonsten kritische Medien hinterfragen das kaum.

Eineinhalb Stunden stand Dmitrij Medwedjew am Donnerstag Rede und Antwort. Fünf Fernsehsender hatten ihre besten Leute geschickt, um den russischen Premierminister zu seiner Jahresbilanz zu befragen. Doch das Wort, das international in den vergangenen Monaten zum Synonym für das Grauen mit russischer Beteiligung geworden ist, fiel nicht ein einziges Mal: Aleppo.

Stattdessen sprach Medwedjew über die Hoffnung auf ein kleines Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr und eine mögliche Steuerreform. Über Vor- und Nachteile sozialer Netzwerke, Selfies am Arbeitsplatz und über Donald Trump und die Aussichten auf bessere Beziehungen zu den USA.

Erst ganz am Ende des live im Fernsehen übertragenen Gesprächs, als Medwedjew nach den Höhepunkten in 2016 gefragt wurde, nannte er neben "unserer erfolgreichen Teilnahme an den olympischen Spielen in Rio" auch die Befreiung der Stadt Palmyra. Die allerdings wurde erst vor wenigen Tagen von der Terrormiliz IS zurückerobert. Nicht einmal die Journalisten der kritischen Sender Doschd und RBC, die der im Vergleich zum Präsidenten Wladimir Putin als liberal geltende Medwedjew eingeladen hatte, stellten eine Frage dazu.

Staatlich kontrollierte Medien feiern den Fall Aleppos als Befreiung. Sie zeigen jubelnde Menschen, die die Soldaten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad dankbar begrüßen, und Lastwagen der russischen Armee, die Hilfsgüter in die monatelang belagerte Stadt bringen. Berichtet wird von Folterkellern der Assad-Gegner.

Die Vorwürfe aus den Vereinten Nationen, von westlichen Regierungsvertretern und internationalen Hilfsorganisationen kommen nur in Dementis vor. Am Donnerstagabend in Brüssel bezeichnet auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel das russische Vorgehen als "Verbrechen". In Russland interessiert das kaum. Nein, heißt es regelmäßig aus dem russischen Verteidigungsministerium, Berichte über Massaker an Zivilisten entsprächen nicht der Wirklichkeit.

Kreml-Sender berichten steril über den Einsatz der russischen Luftwaffe

Anders als im Ukraine-Konflikt korrigieren kritische Medien in Russland dieses Bild kaum. Die liberalen Wirtschaftszeitungen Wedomosti und RBC widmen Aleppo nur nachgeordnete Aufmerksamkeit, das gleiche Bild bietet sich in der oppositionellen Nowaja Gaseta. Auch im russischsprachigen Internet - sonst Ort heftiger Debatten - gibt es kaum Diskussionen über Russlands Rolle in Syrien.

Zum Nachbarland Ukraine gibt es viele persönliche Kontakte, Journalisten können vergleichsweise einfach dort arbeiten. Alle politischen Lager in Russland erlebten die Proteste auf dem Maidan und den darauf folgenden Krieg als mögliches Szenario für das eigene Land. Der Nahe Osten dagegen ist weit weg.

Während die Kreml-Sender die Emotionen zur Ukraine hochpeitschten, zeigen sie den Einsatz der russischen Luftwaffe in Syrien in chirurgischer Sterilität. Nur 18 Prozent der Bevölkerung gaben in einer Umfrage des Levada-Instituts im Oktober an, die Ereignisse in Syrien zu verfolgen. In einem sind sich Kreml-Gegner wie Kreml-Unterstützer offenbar einig. Sie deuten den Krieg als einen weiteren Schauplatz, auf dem die Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen ausgetragen wird: 48 Prozent äußerten im Oktober die Sorge, er könne sich zu einem Dritten Weltkrieg ausweiten. Das Schicksal der Syrer rückt dabei in den Hintergrund.

© SZ vom 16.12.2016/jly
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Beide Länder seien mitverantwortlich für Angriffe auf Zivilisten und Krankenhäuser in Aleppo. Diese müssten geahndet werden.

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