Russische Soldaten, Militärblogger und kriegsbefürwortende Kommentatoren sind wütend auf die Regierung von Wladimir Putin. Grund für die Empörung sind Maßnahmen des Kreml zur Verlangsamung und Einschränkung des Messengerdienstes Telegram, wie das ukrainische Portal Kyiv Independent schreibt. Die Soldaten und Blogger warnten davor, dass diese Entscheidung die Operationen an der Front im Krieg Moskaus gegen die Ukraine untergraben könnte, heißt es in dem Bericht. Für viele russische Soldaten sei Telegram nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern ein zentrales Einsatzinstrument.
Kontrolle und Zensur im Internet gibt es in Russland schon länger, seit der Großinvasion in die Ukraine 2022 wurden die Regeln immer wieder verschärft. Im Sommer 2025 sperrte die russische Telekom-Aufsichtsbehörde Roskomnadsor Anrufe über Whatsapp und Telegram, diese sind in Russland seitdem nur noch mit Hilfe eines Virtual Private Network (VPN) möglich. Vor einigen Tagen hatte Roskomnadsor dann weitere Beschränkungen gegen verschiedene Messenger-Dienste angekündigt, darunter auch Telegram. Die Anbieter verstießen weiterhin gegen russische Gesetze, ließen Personendaten ungeschützt und unternähmen nichts gegen Betrug und die Nutzung ihres Services für kriminelle und terroristische Ziele, teilte die Behörde der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge mit.
„Die Front ist geschockt. Starlink ist weg, jetzt stören sie auch Telegram. Wie sollen wir kämpfen? Mit Brieftauben?“, zitiert Kyiv Independent einen Soldaten in einer Nachricht, die in Pro-Kriegs-Kanälen kursierte. Hintergrund der Äußerung ist, dass sich russische Kämpfer zuletzt schon über den Verlust des Starlink-Internetzugangs an der Front beschwert hatten.
Wie sollen wir kämpfen? Mit Brieftauben?Ein russischer Soldat laut „Kyiv Independent“
Ein anderer Soldat wird mit den Worten zitiert: „Im Moment brauchen wir ein Tool wie Telegram. Bremsen Sie es nicht aus, blockieren Sie es nicht. Es ermöglicht uns einen schnellen Informationsaustausch, um Drohnen abzufangen.“ Das Portal verweist zudem auf die kriegsbefürwortende Gruppe DShRG Rusich. Diese bezeichnete die Entscheidung als „eine weitere Dummheit nach dem Motto ‚Lasst uns einfach alles verbieten‘“.
Eine Warnung kommt auch von Wjatscheslaw Gladkow, Gouverneur der russischen Region Belgorod, die an die Ukraine grenzt. Eine Verlangsamung von Telegram könne den Zugang zu dringenden Sicherheitsinformationen für die Bewohner der von ihm als Frontregion bezeichneten Region beeinträchtigen, teilt er laut Kyiv Independent mit. Gladkow rät, auf den Messenger Max auszuweichen. Dieser wurde 2025 in Russland als Alternative für Whatsapp entwickelt. In vielen staatlichen Institutionen ist die Max-Nutzung bereits vorgeschrieben. Doch die App war in Russland von Anfang an umstritten, es gab viel Kritik und Spott. Und Whatsapp bezeichnete Max als staatliche Überwachungs-App, in die die russische Regierung die Nutzer drängen wolle.
Im Zusammenhang mit der neuesten Telegram-Einschränkung gibt es unterdessen auch kremlfreundliche Kommentatoren, die die Schuld bei anderen suchen. Wie Kyiv Independent schreibt, habe der Moderator des staatlichen Fernsehens, Boris Kortschewnikow, Telegram-Gründer Pawel Durow vorgeworfen, sich hinter der Rhetorik der „Meinungsfreiheit“ zu verstecken, anstatt zu verhindern, dass die Plattform zur Verbreitung von, wie er es nannte, feindseligen Narrativen genutzt werde.
Der Konflikt zwischen Telegram und den russischen Behörden hat eine lange Geschichte. Durow selbst lebt aber seit 2014 nicht mehr in Russland. Seine Ausreise soll mit der Weigerung zusammenhängen, persönliche Daten von Telegram nutzenden Demonstranten in der Ukraine an den russischen Geheimdienst weiterzugeben. Später gab es wegen des Streits um den Zugang zu Nutzerdaten mehrere Anläufe russischer Behörden, Telegram auszubremsen.
(Mit Material von dpa)

