Sprache und Politik:Coffee? Njet!

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In den Neunzigerjahren begannen Geschäfte in Russland, englische Wörter auf Schilder und Scheiben zu schreiben - hier in der Pokrowka-Straße in Moskau. (Foto: Mikhail Sinitsyn/IMAGO/ITAR-TASS)

Russlands Regierungspartei will englische Wörter verbannen.

Von Frank Nienhuysen, München

Gerade war in Russland ein westlicher Zeitgeist zu sehen, der so beliebt geworden ist, dass er sich wohl nur noch mit politischen Zwangsmitteln wieder aus dem Land vertreiben ließe. Viele Zeitungen wie die Komsomolskaja Prawda servierten ihren Leserinnen und Lesern sogar Kürbisrezepte und Kostümtipps für ein gelungenes Halloween-Fest, das in Russland - natürlich kyrillisch Хэллоуин - Chällouin genannt wird. Halloween kam in den Neunzigerjahren nach Russland. Damals begannen Geschäfte damit, "shop", "coffee", "sale" oder "open" an ihre Scheiben zu schreiben, hübsche Häuschen wurden zum "Taun-Chaus" russifiziert und Einkaufszentren zu "Malls" mit "Fud-kort". Russland ging mit der Zeit. Aber die hat sich ja nun wieder geändert.

Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland haben vor knapp zwei Wochen einen Gesetzentwurf in die Duma eingebracht, der ausländische Wörter aus der Öffentlichkeit verbannen soll. "Beauty Studios" würden damit verschwinden, Geschäfte wären dann nicht mehr "open", sondern nur noch "otkryto". Betroffen wären Werbung, Warenverkauf, Dienstleistungen, Medien und der Städtebau (Stichwort "Townhouse"). Die Abgeordneten begründen ihre Initiative mit dem "Schutz der russischen Sprache". Sie seien beunruhigt über den "aggressiven Gebrauch von Ladenschildern, Inschriften, Infos über Aktionen, Preisnachlässe und Ausverkäufen in ausländischer Sprache".

In manchen Orten gibt es bereits Verbote

Während das Parlament über das Gesetz berät, haben einige russische Städte schon entschieden. Der Stadtrat der Wolgastadt Saratow hat laut einem Bericht von Uralskij Meridian vor wenigen Tagen beschlossen, dass Unternehmer vom September kommenden Jahres an ihre Geschäfte nur noch russischsprachig beschriften dürfen. Die Saratower Wissenschaftsdozentin Alexandra Landerowa sagt auf der Internetseite des Stadtrats: "Die Gesellschaft hat ein Verlangen danach, um sich herum die kyrillische Schrift, bekannte und verständliche Wörter zu sehen." Der russische Rapper Artjom Sagrada beklagte in der Iswestija, dass für seine Ohren der in Russland etablierte Begriff "Gender-Pati" (Party) schon ziemlich monströs klinge. Dabei ist es gerade die Kürze englischsprachiger Wörter, die sich durchsetzt.

Auch bei der Sprache will sich Russland aber jetzt also vom Westen entflechten. Präsident Wladimir Putin hat schon Anfang des Jahres ein Gesetz unterzeichnet, das im offiziellen Amtsgebrauch ausländische Begriffe nur noch erlaubt, wenn es keine russische Alternative gibt, Internet etwa, oder Computer. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass eine Verbannung ausländischer Wörter internationale Touristen und Geschäftsleute verstören könnte, und zwar auch aus China, die meistens Englisch, aber selten Russisch sprechen.

Etwas überraschend hat gegen den eigenen Trend ausgerechnet die russische Duma Ende September bekannt gegeben, dass ihre offizielle Website jetzt auch auf Spanisch erscheine. Es sei die Muttersprache in 19 Ländern, und die meisten, so Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin, seien freundlich zu Russland. Unerfreut ist Russland dagegen über die Entwicklung in den Ländern Zentralasiens. Dort wird das Russische mehr und mehr zurückgedrängt - durch Kasachisch etwa und Kirgisisch.

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