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Russland:Schwere Zeiten für Satiriker

Life size puppets of Russian political leaders 'Kukly'

Längst aus dem Programm genommen: "Kukly", die Sendung mit der Putin-Puppe.

(Foto: Oleg Nikishin/Getty Images)

Witzemachen ist riskanter geworden. Das musste etwa ein junger Komiker feststellen, der sich aus Angst absetzte. Andere Kollegen suchen nach "neuen Formen der Beleidigung".

Alexander Dolgopolow hatte eine Vermutung: Sicher waren es seine Witze über Wladimir Putin, weshalb die Behörden sich für ihn interessierten. Bei einem Auftritt in einem Sankt Petersburger Klub hatte er im vorigen Jahr gegen die Anhänger des Präsidenten gescherzt, einer ging so: "Die Bevölkerung ist in zwei Lager gespalten", sagte Dolgopolow - "auf der einen Seite sind die, die Putin unterstützen, auf der anderen jene, die lesen, schreiben und logische Schlüsse ziehen können".

Dolgopolow ist Mitte 20 und das, was man im Russischen einen "Stendap-Komiker" nennt, kyrillisch geschrieben mit "e" und mit "a", damit es auch richtig ausgesprochen wird. Als er erfuhr, dass sich Ermittler nach ihm erkundigten, dachte er, das geschehe, weil er sich über den Präsidenten lustig machte. Das war es aber nicht. Es war die Religion. Dolgopolow machte Späße, die ein Bürger als Beleidigung der Gefühle von Gläubigen empfand.

Dafür gibt es seit dem Pussy-Riot-Tumult von 2013 einen neuen Strafparagrafen. Dolgopolow findet das Gesetz ungerecht und nannte es "eine Diskriminierung der Atheisten". Fürs Erste hat er Russland im Januar lieber mal verlassen. Kürzlich trat er in Israel auf, für diese Woche hat er sich in einem Berliner Comedy-Club angekündigt. Versteht man in Russland keinen Spaß? Schon, aber das Witzeln ist ein bisschen riskanter geworden.

Die Auswahl an Gesetzen, die Witze sanktionieren, ist größer geworden

Ende Januar entschuldigte sich der Fernsehmoderator Iwan Urgant "zutiefst" vor Gläubigen, denen beim Neujahrsauftritt eine Collage nicht gepasst hatte. Einige Zuschauer forderten, dass Urgants Abendshow aus dem Programm genommen und sogar seine Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte. Ein Duma-Abgeordneter regte ein Verfahren gegen den Moderator an. Die Auswahl an Gesetzesartikeln, die Witze sanktionieren, ist größer geworden.

Im Spätherbst schrieb der Leiter eines Theater-Studios, Alexander Tattari, auf Facebook, dass die Moskauer Kulturbehörde eine Aufführung verboten habe. Sie habe an "Chipollino" erinnert, ein Märchen über politische Unterdrückung. So etwas könne man doch nicht in einer staatlichen Einrichtung zeigen, habe man ihm gesagt. Woraufhin Tattari fragend schrieb: "Mir scheint, dass die politische Satire als Genre doch bisher nicht verboten ist?" Als Genre nicht, aber der Bannstrahl traf etwa die Filmsatire "Death of Stalin". Im Dezember entschied der Unterhaltungssender TNT, nach nur einer Episode die Sitcom des jetzigen ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij abzusetzen. Als daraufhin der Kreml gefragt wurde, ob Zensur im russischen Fernsehen verstärkt und Putin-Witze verbannt worden seien, sagte Sprecher Dmitrij Peskow: "Die Antwort auf beide Teile der Frage ist negativ."

Satire nähert sich immer einem Grenzbereich an, und die Toleranzschwelle hat sich im nachsowjetischen Russland mal mehr, mal weniger gedehnt. In den Präsidentschaftsjahren Boris Jelzins flogen die Fetzen auf allen Seiten. Hinter den Medien steckten damals die unterschiedlichsten Wirtschafts- und Politikinteressen. Eine böse und beliebte Satiresendung war nach Art von "Spitting Image" aufgemacht und hieß "Kukly", Puppen. Die Sendung mit der Putin-Puppe wurde dann aus dem Programm genommen. Ihr Macher Wiktor Schenderowitsch sagte später: "Wenn die politische Satire verschwindet, ist das immer ein schlechtes Signal. Solch ein Land hat keine Beziehung zur Demokratie."

Im Protestwinter 2011/2012 erlebt die Satire eine Renaissance, nicht im staatlichen Fernsehen, sondern in den Zeitungen, auch großen Blättern wie Moskowskij Komsomolez. Und es gab nun das Internet. Erfolgreich war die Gruppe Rabfak und ihr Satire-Song "Unser Irrenhaus stimmt für Putin", eine Anspielung auf atemberaubende Ergebnisse in psychiatrischen Instituten, die als Wahllokale genutzt wurden.

Und nun, in Zeiten verstärkter Kontrolle von Gesellschaft und Internet, angesichts verschärfter Gesetze? Es klingt nach schwierigen Zeiten für Satiriker, da nun auch bestraft werden kann, wer staatliche Institutionen nicht wertschätzt. Dmitrij Bykow ist einer dieser Humoristen, ganz Defätist schrieb er am Silvestertag in der Nowaja Gaseta: "1999 verschwanden die Münzen für die Metro. 1992 verschwanden die Wertmarken für Wodka. 2019 verschwanden die Witze." Nirgends gebe es einen Ort und jemanden, dem man sie erzählen könne. Es sei gerade die "Zeit des Pathos". Noch in Sowjetzeiten sei der große Teil der Bevölkerung gegenüber dem Staat kritisch eingestellt gewesen, "Witze erschienen wie Eisblumen an den Fenstern des Treibhauses", schreibt Bykow.

Andererseits: Jetzt erscheinen sie auf Youtube-Kanälen, auf den Bühnen Petersburger und Moskauer Klubs. "Der Agonie des Fernsehens widersteht das Aufblühen des Netzes", schrieb, ebenfalls in der Nowaja Gaseta, die Publizistin Slawa Taroschtschina. "Dort brodeln neue Namen, Ideen, Formate." Und sogar bekannte. Maxim Galkin, der jahrelang die russische Version von "Wer wird Millionär?" moderierte, tritt mit Präsidentenwitzen auf Provinzbühnen auf. Und es gibt nun auch eine Nachfolgeausgabe des "Bürgerpoeten", der vielleicht erfolgreichsten Satireshow in Russland.

Als im Frühjahr das Gesetz gebilligt wurde, das fehlende Wertschätzung staatlicher Organe bestrafen kann, sagte der Produzent Alexander Newsorow: "Jetzt muss man eben eine neue Form der Beleidigung suchen." Er meinte wohl eine feinere. Etwa diesen Dialog zwischen Staatsvertreter und Bürgeranwalt, der im Petersburger Kulturpalast gespielt wurde: "Was, du verehrst mich nicht?" - "Und wie ich dich verehre, das ist doch Gesetz." - "Sag, verehrst du wirklich oder aus Geiz, um keine Strafe zahlen zu müssen?" - "Ich verehre nicht, ich liebe innigst. Aber vor dem Schlaf, kaum dass ich das Licht ausgemacht habe, steigen mir solche Worte in den Kopf, dass man die Polizei rufen könnte."

© SZ vom 15.02.2020