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Russland:Sankt Petersburg ist gelähmt durch den Terror

  • In einer U-Bahn in der russischen Metropole Sankt Petersburg ist eine Bombe explodiert. Es gibt mindestens elf Tote und etwa 40 Verletzte.
  • Präsident Wladimir Putin befand sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Stadt.
  • Russische Medien melden, dass es sich entgegen erster Annahmen um ein Selbstmordattentat gehandelt haben könnte.
  • Nach bislang unbestätigten Angaben soll der Täter 23 Jahre alt sein und radikal-islamistische Verbindungen haben.

Von Tim Neshitov und Frank Nienhuysen

Auch im Moment des größten Leids, der Furcht und der Unsicherheit braucht es einen Rahmen an Ordnung und Orientierung, und der kam mit einer nüchternen Durchsage für jene, die es vielleicht noch nicht glauben wollten. "Verehrte Passagiere, auf Anordnung der Metro-Leitung wird die Metro geschlossen." Rauchschwaden hatten da längst die Bahnhöfe der Stationen Sennaja Ploschtschad und Technologisches Institut in Sankt Petersburg gefüllt, wo die, die es noch schafften, blutend über den Bahnsteig taumelten.

Es wirkte seltsam, wie Experten sogleich die Kraft des Sprengsatzes einordneten und für gar nicht mal extrem befanden. "Nicht sehr mächtig", wurden sie früh in Russlands Medien zitiert. Aber wie will man das den Menschen erklären, die gerade da waren? Die Wucht der Detonation hatte die Tür eines der altehrwürdigen Metro-Waggons der Stadt zerstört - und das Leben vieler Menschen. Mindestens elf Tote, bisher etwa 45 Verletzte, mitten am Tag wurde mit einem grausamen Knall Sankt Petersburg erschüttert.

Zehntausende fahren täglich mit der U-Bahnlinie zur Arbeit, zum Beispiel die Ärzte des onkologischen Uni-Klinikums auf der Petrograder Seite, einer großen Insel nur zwei U-Bahn-Stationen vom Tatort entfernt. Das Krankenhaus ist nach der verstorbenen Ehefrau Raissa von Michail Gorbatschow benannt, die an Leukämie starb. Eine Viertelstunde nach dem Anschlag, in der kleinen Halle vor den Fahrstühlen leuchten viele Handybildschirme. Eine Mutter (die krebskranke Tochter mit Kopftuch im Rollstuhl): "Das hat uns noch gefehlt!". Eine Ärztin: "Hier der Tod, draußen der Tod. Schönen Feierabend auch." Eine andere Ärztin: "Haben die nicht in den vergangen Tagen wie verrückt kontrolliert in der U-Bahn? Alle Taschen, alle Koffer, die haben doch auf irgendwas gewartet! Und jetzt?"

Spekulationen, mal wieder, wie so oft nach Anschlägen in Russland: Stecken Islamisten dahinter? Kriminelle? Oder sind es gar die eigenen Geheimdienste, die auf diese Art versuchen, von der jüngsten Protestwelle im Land abzulenken? Ist das ein Startschuss gewesen, wie einer auf Facebook schreibt, für den abermaligen Wahlkampf des ewigen Wladimir Putin? Alle sollen sich mal wieder hinter dem Staatschef scharen?

Erst einmal scharen sich alle um die wenigen Busse und Sammeltaxen, die noch Sitz- oder wenigstens Stehplätze haben; der Verkehr bricht für einige Stunden zusammen. Alle U-Bahn-Stationen werden gesperrt, vom Tatort posten Zeitzeugen Fotos des zerschmetterten Waggons, von Leichen, vom Rauch. Tausende Menschen werden nur langsam aus der U-Bahn-Unterwelt hinaus ans Tageslicht gebracht; viele können erst Stunden später ihre Familien erreichen, weil zeitweilig auch der Handyempfang zusammenbricht. Uber und lokale Taxidienste sind hoffnungslos ausgebucht. Die Stadt stellt Busse und Straßenbahnen auf kostenlos um.

Im überfüllten Sammeltaxi von der Petrograder Seite auf die Wassili-Insel unterhalten sich zwei junge Frauen:

Sag mal, Putin ist in town?

Was? So schnell? Will er sich persönlich kümmern?

Ich denke eher, der Anschlag galt ihm.

Wie denn das? Fährt er jetzt U-Bahn oder was?

Ach, was weiß ich. Ich will nach Hause.

Ich denke, es hat ihn eher angepisst, was auf dem Marsfeld los war.

Auf dem Marsfeld im Herzen Sankt Petersburgs kamen vor etwas mehr als einer Woche Tausende vor allem junge Menschen zusammen, um gegen Putins Herrschaft zu demonstrieren.

Nun ist doch von einem Selbstmordattentäter die Rede

Aber dass der russische Präsident gerade in der Stadt war, seiner Heimatstadt Petersburg, hatte den Grund, dass er an einem Medienforum teilnahm und den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko traf. Über Frieden wollten sie gerade reden, über Frieden zwischen Russland und Weißrussland, die sich in den vergangenen Monaten zu einem schweren Konflikt hochgestritten haben. Aber das alles zählte natürlich nun erst einmal nicht mehr. Jetzt ging es um Aufklärung, und um Trauer.

Solidarität bildete sich schnell, nicht nur in den Petersburger Taxi-Unternehmen. In Moskau, direkt neben der mächtigen Kremlmauer, legten einige an der Allee der Heldenstädte rote Nelken auf den Stein von Leningrad, wie Sankt Petersburg im Krieg noch hieß. Andere wurden aufgerufen, mit Blumen zur Petersburger Vertretung zu ziehen. In Moskau weiß man, wie sich ein solcher Schock anfühlt. 40 Menschen starben vor sieben Jahren, als zwei Tschetscheninnen sich in die Luft sprengten.

Aber diesmal war von einem solchen Selbstmordkommando zunächst nicht die Rede. Kein Sprengstoff, platziert im Gürtel, sondern ein Täter, der die Bombe in einem Aktenkoffer abstellte und sich davonmachte, so hieß es. Sogar ein Video von der Tat soll es geben, aber das war zu einer Zeit, in der Gerüchte so schnell entstehen, wie sie in sich zusammenfallen. War eine rote Dose, die auf der Internetseite russischer Medien zu sehen war, an einer Wand im Petersburger U-Bahnhof, eine weitere Bombe? Eine entschärfte, hieß es.

Noch am Abend zitierte die Zeitung Iswestija einen Veteranen mit dem Hinweis, dass die Art, wie die Waggontür eingerissen sei, doch auf einen Selbstmordgürtel schließen lasse. Später kamen ähnliche Informationen aus Sicherheitskreisen: "Es gibt eine Version, nach der die Bombe von einem Selbstmordattentäter getragen wurde", sagte eine Quelle innerhalb der Sicherheitsbehörden der Agentur Interfax am späten Montagabend. Nach bisherigen Kenntnisstand soll der Mann 23 Jahre alt sein und radikal-islamistische Verbindungen haben.

Aber offiziell bestätigen konnte das niemand.

© SZ vom 04.04.2017/vbol/cat
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