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Russland:Reliquien fürs Volk

Russian President Vladimir Putin visits Christ the Saviour Cathedral in Moscow

Russlands Präsident (links) beim Rippen-Besuch in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

(Foto: Aleksey Nikolskyi/Kreml/Reuters)

Dubiose Mäzene fördern mit dem Segen des Kreml den Bund von Staat und Kirche. Der jüngste Coup: Eine Rippe des heiligen Nikolaus wurde nach Moskau geholt.

Wenn Wladimir Putin am kommenden Montag in Paris landet, hat er eine lange Reise zu den Wurzeln der russischen Kultur und des russischen Staates hinter sich. Oder zumindest zu den Wurzeln, auf die sich die russische Führung heute gern beruft. Die Eröffnung einer Ausstellung über Peter den Großen in der französischen Hauptstadt setzt einen vorläufigen Schlusspunkt und ist mehr als nur ein Vorwand, um den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu treffen.

Seit einer Woche windet sich eine lange Schlange entlang der Moskwa bis zur Christ-Erlöser-Kathedrale. 75 000 Gläubige sollen laut Angaben der orthodoxen Kirche bereits die zwei Stunden Wartezeit in Kauf genommen haben, um ihr Haupt vor einer Rippe des Heiligen Nikolaus zu neigen, die zum ersten Mal seit 930 Jahren den italienischen Wallfahrtsort Bari verlassen hat, um in Moskau vor den orthodoxen Glaubensbrüdern ausgestellt zu werden. Der Besuch der Reliquie ist seit Tagen eines der Hauptthemen der russischen Staatssender. Am Mittwoch senkte auch der Präsident sein Haupt, um den Schrein mit dem Heiligtum zu küssen. Es sei ein "großes Ereignis", dass die Reliquie nach Russland gekommen sei, sagte er nach einem Treffen mit dem Patriarchen Kyrill I. "Wir sind dem Papst und dem Heiligen Stuhl sehr dankbar, dass er der Bitte des Patriarchen nachgekommen ist."

Nur leise erinnerten kundige Christen daran, dass durchaus schon früher die Möglichkeit bestanden habe, Nikolaus von Myra näher zu kommen: In ganzen 25 Kirchen in Moskau sollen laut dem Portal "Die Orthodoxie und die Welt" ebenfalls Reliquien des Heiligen aufbewahrt werden. Die könnte man täglich besuchen, ganz ohne Schlangestehen. Bisweilen ist es aber wohl das Event, das zählt. Patriarch Kyrill äußerte die Hoffnung, der Besuch der Reliquie werde "den Glauben unseres Volkes weiter stärken", gerade auch, wenn in den Medien berichtet und darüber gesprochen werde.

Unabhängige Kultureinrichtungen wie das Moskauer Gogol-Zentrum haben es dagegen schwer

Das Prinzip hat sich offenbar bewährt. Es ist bereits die dritte Reliquien-Tournee nach Moskau in Folge: 2011 standen die Menschen Schlange, um den Gürtel der Jungfrau Maria zu sehen. 2014 wurden die Gaben der Heiligen drei Könige in der Christ-Erlöser-Kathedrale ausgestellt. Nun ist es Nikolaus. Die Leihgabe der Heiligen Gaben aus einem Kloster am Berg Athos in Griechenland hatte der reaktionär-orthodoxe Investor und Milliardär Konstantin Malofejew organisiert, aus dessen Umfeld die ersten Kämpfer stammten, die sich später dazu bekannten, den Krieg in der Ostukraine begonnen zu haben. Malofejew selbst unterstützte das Projekt eines "Neurusslands" auf ukrainischem Staatsgebiet offen. Diesmal tragen das Chemieunternehmen Fosagro und der Milliardär Andrej Gurjew die meisten Kosten.

Am Donnerstag nahm Putin an der Einweihung einer neuen Kirche im Moskauer Sretenskij-Kloster teil. Sie ist den Märtyrern gewidmet, die während der Kirchenverfolgung im Kommunismus getötet wurden. Russland sei ohne die Orthodoxie nicht denkbar, sagte der Präsident. Die Eröffnung der Kirche einhundert Jahre nach den Revolutionen 1917 sei symbolisch. Nur wenn man sich an "die lichten und die tragischen Seiten der Geschichte" erinnere, könne man Lehren aus ihr ziehen.

Der Vorsteher des Sretenskij-Klosters, Bischof Tichon, wird immer wieder als "Beichtvater Putins" bezeichnet. Als Leiter der Kulturabteilung des Patriarchats ist er verantwortlich für patriotische Großprojekte wie die Ausstellung "Russland - meine Geschichte", die sich bemüht, eine bruchlose Linie vom herrlichen Zarenreich zur mächtigen Sowjetunion zu ziehen.

Unabhängige Kultureinrichtungen müssen derweil schwere Prüfungen überstehen. Am Dienstag rückten Ermittler in schwarzen Sturmhauben an und durchsuchten das Moskauer Gogol-Zentrum und die Wohnung seines Intendanten Kririll Serebrennikov. Es geht um Unterschlagung von Fördergeldern von insgesamt mehr als 30 Millionen Euro. Kulturschaffende im ganzen Land erklärten sich mit Serebrennikov solidarisch, der in den vergangenen Jahren das spannendste Theater im ganzen Land gemacht hat und international gefragt ist. Derzeit inszeniert Serebrennikov an der Oper Stuttgart. Selbst Wladimir Urin, der Direktor des Bolschoi-Theaters, setzte sich für Serebrennikov ein. Das staatstragende Haus steht in der Moskauer Kulturszene eigentlich am anderen Ende des Spektrums.