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Russland:Nawalny ist krank in der Strafkolonie

Russische Polizisten bewachen den Eingang zur Strafkolonie in Pokrow.

(Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP)

Der in den Hungerstreik getretene Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hat Fieber, Husten und klagt über die Haftbedingungen. Tausend russische Mediziner fordern eine unabhängige ärztliche Untersuchung.

Von Silke Bigalke, Moskau

Ausgerechnet der russische Staatssender RT hat Bilder aus der berüchtigten Strafkolonie in Pokrow veröffentlicht, in der Alexej Nawalny einsitzt. Das war am Freitag, und sie sollten zeigen, dass dort alles gar nicht so schlimm, sondern das berüchtigte Straflager tatsächlich "eines der besten" Russlands sei - so beschrieb es eine RT-Mitarbeiterin.

Alles Lügen, entgegnete Nawalny. Die Bedingungen in der Kolonie seien unhygienisch, das Essen ein Albtraum, es fehlten Medikamente. Er berichtete über seine Anwälte, dass von den 15 Häftlingen aus seiner Gruppe bereits drei mit Tuberkulose auf die Krankenstation gebracht worden seien. Er lade die Korrespondenten "von Putins Sender" ein, eine Nacht im Gefängnis zu verbringen - mit einem "hustenden Sträfling" im Nachbarbett. Sie könnten sich dann eigentlich auch neben ihn legen, schrieb der Oppositionelle und zitierte das Ergebnis des täglichen Fiebermessens: "Nawalny A. A., starker Husten, Temperatur 38,1".⠀

Am Montag berichtete die Zeitung Iswestia, Nawalny sei ebenfalls auf die Krankenstation verlegt worden. Die Strafvollzugsbehörde habe dies mit Atemwegserkrankungen und hohem Fieber begründet. Er sei auf Covid-19 getestet worden. Den Ausbruch von Tuberkulose wollte die Behörde laut Bericht nicht bestätigen. Nawalnys Anwältin Olga Michailowa sagte dem unabhängigen TV-Sender Doschd, sie habe bisher nur aus den Medien von Nawalnys Verlegung erfahren.

Der 44-jährige Oppositionelle befindet sich seit vergangenem Mittwoch zudem im Hungerstreik. Nawalny fordert einen Arzt zu sehen, dem er vertraut. Er leidet seit Wochen unter starken Rückenschmerzen und berichtet von einem Taubheitsgefühl in beiden Beinen. Wegen angeblich verletzter Bewährungsauflagen nach einem politisch motivierten Betrugsprozess muss Nawalny mindestens zweieinhalb Jahre absitzen. Weil er als fluchtgefährdet eingestuft wurde, wird er nachts jede Stunde von einem Wachmann geweckt. Dieser kontrolliert, ob Nawalny noch in seinem Bett liegt.

Amnesty International befürchtet einen "langsamen Tod"

Von derartigem Schlafentzug werde schon "ein Gesunder verrückt", schrieb seine Frau Julia Nawalnaja, "ganz zu schweigen von einem Menschen, der vor einem halben Jahr eine tödliche Vergiftung überlebt hat". Alexej Nawalny war vergangenen August mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden. In Deutschland hatte er sich von dem Anschlag erholt, bei seiner Rückkehr nach Moskau im Januar war er verhaftet worden. Den Gefängnisärzten traut er auch deswegen nicht, weil russische Mediziner nach dem Anschlag keine Vergiftung festgestellt haben wollten. Den Hungerstreik möchte er trotz Husten und Fieber fortsetzen. Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International, erklärte über Twitter, sie habe Präsident Wladimir Putin geschrieben, Nawalny müsse freigelassen werden. "Es besteht die reale Aussicht, dass Russland ihn einem langsamen Tod aussetzt."

Inzwischen fordern mehr als 1000 russische Mediziner in einem offenen Brief, dass der Oppositionelle von einem zivilen Arzt behandelt wird. Die Gewerkschaft "Allianz der Ärzte" kündigte einen Protest vor der Strafkolonie in Pokrow an. Am Dienstag wurde dort die Leiterin der Ärzteallianz und Nawalnys Vertrauensärztin Anastasia Wassiljewa festgenommen. Kremlsprecher Dmitrij Peskow erklärte am Dienstag, es könne keine "besonderen Bedingungen" für einzelne Häftlinge geben. Schließlich herrschten Regeln für die Behandlung kranker Gefangener.

© SZ/nien
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