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Russland:Im Schatten des Terrors

PETROZAVODSK RUSSIA APRIL 5 2018 Yuri Dmitriyev the head of the Karelia Memorial historical so

Die Anklage fordert 15 Jahre Straflager für Jurij Dimitrijew.

(Foto: Igor Podgorny/imago/ITAR-TASS)

Der Historiker Jurij Dmitrijew forscht zu Massen­hin­richt­ungen unter Stalin. Jetzt steht er erneut vor Gericht - ihm droht eine lange Haftstrafe.

Von Silke Bigalke, Moskau

Er bekam nur eine kurze Atempause nach dem Freispruch vor zwei Jahren. Damals erinnerte sich Jurij Dmitrijew an die 13 Monate im Untersuchungsgefängnis von Petrosawodsk, als lägen sie für immer hinter ihm. "Ich weiß sehr viel über dieses Gefängnis", erzählte er in einem Interview. Er kannte sogar die Schicksale einzelner Gefangener, die Ende der Dreißigerjahre "durch diese Korridore gingen, in diesen Zellen gehalten wurden, auch in der Zelle, in der ich saß". Der bekannte Historiker nutzte die Zeit, um seinen Mithäftlingen und den Wärtern davon zu erzählen.

Nun sitzt er selbst wieder. Nach dem Freispruch im April ist er im Juni 2018 gleich wieder festgenommen worden. Das Urteil des Stadtgerichts von Petrosawodsk wurde aufgehoben. Die Vorwürfe wiegen dieses Mal noch schwerer, der Staatsanwalt fordert 15 Jahre Straflager. Jurij Dmitrijew werden "gewaltsame sexuelle Handlungen" an seiner minderjährigen Adoptivtochter vorgeworfen. Im Verfahren zuvor ging es noch um angeblich pornografische Fotografien von dem Mädchen.

Dmitrijew hat alle Vorwürfe von Anfang an bestritten. Diese zielten eindeutig darauf ab, nicht nur seinen Ruf zu stören, sagt die Menschenrechtsorganisation Memorial, für die er arbeitet. Sie sollten auch seine Arbeit der letzten Jahrzehnte diskreditieren, in denen er Repressionen und Massenhinrichtungen unter Josef Stalin erforscht hat. Es war Jurij Dmitrijew, der vor 23 Jahren Massengräber im Wald von Sandarmoch entdeckte. Die Opfer waren in den Jahren 1937 und 1938 hingerichtet worden. 7000 von ihnen konnte Dmitrijew laut Memorial in den folgenden Jahren identifizieren. Er dokumentiere ihre Geschichte, recherchierte ihre Herkunft. Sie kamen nicht nur aus Karelien, sondern hatte mehr als 50 verschieden Nationalitäten, viele kamen etwa aus Finnland und der Ukraine. Jurij Dmitrijew gab ihren Nachkommen einen Ort des Gedenkens, in Sandarmoch und einer weiteren Gedenkstätte in Krasnyj Bor.

Sie sind Opfer einer Gewaltherrschaft, die in Russland heute gerne verdrängt oder verklärt wird. 70 Prozent der russischen Bevölkerung bewerten Stalins Rolle für Russland positiv, ergab vergangenes Jahr eine Lewada-Umfrage. Seit die russische Regierung Memorial zum "Ausländischen Agenten" erklärt und damit quasi geächtet hat, landeten mehrere Mitarbeiter durch zweifelhafte Anschuldigungen vor Gericht. Memorial beklagt zudem, der Staat versuche, die Kontrolle über einige Gedenkorte zu übernehmen. Auf dem Gebiet der Gedenkstätte Sandarmoch etwa begann die russische Gesellschaft für Militärgeschichte nach den Überresten gefallener Rotarmisten zu graben, die von finnischen Truppen in den Vierzigerjahren erschossen worden sein sollen. Eine Gedenkstätte für Kriegsveteranen würde der Erinnerungspolitik des Kreml deutlich mehr nützen als eine für Opfer Stalinschen Terrors.

Noch während er in Haft saß, veröffentlichte er weiter Bücher und erhielt Preise

Jurij Dmitrijew war womöglich besonders unbequem: er organisierte in Sandarmoch jährlich Gedenkveranstaltungen, zu denen auch viele internationale Gäste kamen. Noch während er in Haft saß, veröffentlichte Jurij Dmitrijew weiterhin Bücher, erhielt Preise für sein Engagement.

Bis heute ist nicht öffentlich, wer den Ermittlern Ende 2016 jenen Brief mit den Fotos schickte. Sie zeigten Dmitrijews damals elfjährige Pflegetochter ohne Kleidung. Die Ermittler durchsuchten daraufhin seine Wohnung. Tatsächlich hatte der Historiker das Mädchen fotografiert, nach eigener Aussage, um für das Jugendamt zu dokumentieren, dass es ihr gut bei ihm geht. Er hatte das Mädchen als Kleinkind unterernährt aus einem Heim geholt. Mehrere Experten konnten während des Gerichtsverfahrens nichts Pornografisches an den Bildern erkennen. Gutachter befragten das Mädchen, stellten kein auffälliges Verhalten fest. Auch Dmitrijew wurde mehrfach psychologisch untersucht, stets mit dem Ergebnis, dass er nicht pädophil ist und keinerlei ungewöhnlichen Neigungen hat. Im April 2018 wurde er dann lediglich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt. Die Ermittler hatten bei einer Hausdurchsuchung Teile eines Jagdgewehrs bei ihm gefunden.

Seine Adoptivtochter hat er seither nicht wiedergesehen. Weil es um eine Minderjährige geht, ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen. Im April sagte der Anwalt von Dmitrijew in einem Interview mit der Nachrichtenseite Meduza, sein Mandant sei sehr belastbar. "Er hat die Ergebnisse des Großen Terrors in seinen Händen gehalten und mit eigenen Augen gesehen. Er hat viel gesehen." Gerade deshalb habe er keine Illusionen über das Land, in dem er lebe. "Aber er hofft immer noch auf Gerechtigkeit."

© SZ vom 20.07.2020

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