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Russland:Gedankenleser im Kreml

Russlands Sicherheitsapparat macht Politik mit gefälschten Zitaten. So will man angeblich das Unterbewusstsein der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright angezapft haben, um ihr Imperialismus vorwerfen zu können.

Von Julian Hans, Moskau

Nikolaj Patruschew ist kein geschwätziger Mann. Der Chef des Nationalen Sicherheitsrats gibt selten Interviews. Meist spricht er hinter verschlossenen Türen mit anderen Männern aus dem Geheimdienst, mit Generälen der Armee oder mit dem Präsidenten. Patruschew obliegt die verantwortungsvolle Aufgabe, den Staat zu schützen. Doch seitdem er am Montag eine seiner seltenen Ausnahmen machte und den Lesern der Zeitung Kommersant von den Gefahren berichtete, die ihr Land bedrohten, steht die Frage im Raum, ob der oberste Staatsschützer eine Bedrohung nicht nur frei erfunden hat, sondern ob er auch selbst daran glaubt.

Die USA "wünschten sich sehr, dass Russland aufhöre, als Staat zu existieren", behauptete Patruschew. Die Amerikaner seien der Ansicht, dass Russland die enormen Reichtümer, mit denen das Land gesegnet sei, nicht verdient habe, weil es sie nicht richtig nutze. Als Kronzeugin für diese Theorie zitierte der ehemalige KGB-Mann die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright. Diese habe gesagt, dass Russland "weder der ferne Osten des Landes noch Sibirien gehört". Allerdings: Für diese Aussage gibt es keinen Beleg.

Albright selbst hat sie sogar wiederholt dementiert. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig. Die Genese haben russische Journalisten schon vor längerer Zeit rekonstruiert. Nachdem das angebliche Zitat vor zehn Jahren erstmals in anonymen Internet-Foren verbreitet worden war, griff es der Fernsehjournalist Alexej Puschkow auf. "Sibirien ist ein viel zu großes Territorium, um nur einem Land zu gehören." Diese Worte würden "Madeleine Albright zugeschrieben", sagte er in einer Sendung im Juli 2005. Seit 2011 ist Puschkow Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in der Duma und einer der schärfsten Polemiker gegen den Westen.

Am 22. Dezember 2006 erschien in der Ausgabe der Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta ein Artikel mit der Überschrift: "Tschekisten haben Albrights Gehirn gescannt". Darin erzählt ein Mann, der als General-Major des Präsidialen Sicherheitsdienstes FSO vorgestellt wird, seine Spezialabteilung befasse sich mit Gedankenlesen. In einer Séance habe man "das Unterbewusstsein von Außenministerin Albright angezapft" und darin "pathologischen Hass auf Slawen" festgestellt.

Sie sei der Ansicht, "in Zukunft sollten die Vorräte Russlands nicht mehr einem Land gehören, sondern allen - unter der Aufsicht der USA natürlich." Im Jahr darauf fragte ein Mechaniker aus Nowosibirsk während der jährlichen Fernsehsprechstunde Präsident Wladimir Putin nach seiner Meinung zu den angeblichen Thesen Albrights. Putin gab sich ahnungslos, aber der Mythos war damit im ganzen Land verbreitet.

Auch Bismarck werden Sätze untergejubelt, um Deutschlands Machthunger zu belegen

Im Dezember 2014 schließlich brachte Putin während seiner ebenfalls live im Fernsehen übertragenen Jahrespressekonferenz von selbst die Sprache darauf: Der Westen arbeite nicht erst sei der Annexion der Krim daran, Russland zu schwächen. "Wir haben sogar aus dem Mund hoher Staatsvertreter gehört, dass es ungerecht ist, dass ganz Sibirien mit seinen immensen Ressourcen ganz zu Russland gehört". Im Interview mit dem Kommersant nannte Putins Sicherheitsratschef nun erstmals die angebliche Quelle der ausgedachten Gefahr beim Namen.

Ein anderes Beispiel erhärtet den Verdacht, dass russische Dienste mit erfundenen Zitaten die öffentliche Meinung manipulieren. Als sich der Konflikt um die Ukraine im vergangenen Jahr seinem ersten Höhepunkt näherte, tauchte in Internet-Foren plötzlich ein angebliches Zitat des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck auf: "Die Macht Russlands kann nur durch die Abtrennung der Ukraine untergraben werden. Man muss die zwei Teile dieses einigen Volkes gegeneinander aufbringen und zuschauen, wie Brüder ihre Brüder töten werden", lautet es.

Die Sätze, die belegen sollten, dass Deutschland schon immer auf die Ukraine gezielt habe, um Russland zu schwächen, tauchten sogar in einem Film über den Konflikt auf, den die staatlichen Propaganda-Agentur Rossiya Segodnj im Juni 2014 im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin vorstellte. Doch Bismarck-Experten ist das Zitat nicht nur unbekannt, Wissenschaftler der Bismarck-Stiftung betonten sogar, dass es überhaupt nicht zu den Überzeugungen des Reichskanzlers passe.

Sie habe sich immer gefragt, ob die Reliquienhändler im Mittelalter eigentlich an die Heiligengebeine glaubten, die sie selbst gefälscht haben, schrieb die scharfzüngige Kolumnistin Julia Latynina am Montag in einem Beitrag für die Nowaja Gaseta. "Jetzt bin ich sicher: sie haben."

© SZ vom 24.06.2015
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