Russland:Einzigartige Solidarität

Russland: Obdachlose in Moskau werden während der Corona-Krise in einem Zelt mit Essen und Getränken versorgt.

Obdachlose in Moskau werden während der Corona-Krise in einem Zelt mit Essen und Getränken versorgt.

(Foto: Dimitar Dilkoff/AFP)

Freiwillige springen für den Staat ein. Das mündet in einem absurden Wettbewerb darum, wer den Leuten besser hilft.

Von Silke Bigalke, Moskau

Das Misstrauen bleibt für die Aktivistin Alexandra Krylenkowa die größte Hürde. "In unserer Gesellschaft ist man einfach nicht daran gewöhnt, sich auf andere zu verlassen", sagt sie. In einer Zeit, in der die meisten Russen zu Hause bleiben sollen, wird das zum Problem. Die Menschen vertrauen ungern auf den Staat, die Gesellschaft, auf Freiwilligenorganisationen oder Lieferdienste. Statt um Hilfe zu bitten, sagt Krylenkowa, gingen sie lieber raus, sorgten für sich selbst, entgegen aller Empfehlungen. Für Senioren ist das gefährlich, für Infizierte verboten. Alexandra Krylenkowa hatte deswegen die Idee mit der Nachbarschaftshilfe. Vielleicht, dachte sie, fällt es den Menschen leichter, denen zu vertrauen, die in der Nähe wohnen, "die man im Aufzug sieht". Krylenkowa, die sich sonst als Menschenrechtsaktivistin engagiert, gründete im März die Gruppe "Covidarnost", der Name mischt Covid-19 mit dem russischen Wort für Solidarität. Die Internetseite der Gruppe gibt eine Anleitung dazu, wie man anderen Hilfe anbietet. Außerdem kann man dort Juristen und Psychologen um Rat fragen. Insgesamt machen knapp 1000 Menschen bei Covidarnost mit. In Russland passiert, was man während der Pandemie überall beobachten kann: Menschen suchen Wege, einander zu helfen. Sie schicken Spenden an Restaurants, damit die für Ärzte und Krankenschwestern kochen, hängen Tüten für Obdachlose an Brückengelände, lassen Lebensmittel für Senioren in den Hausfluren stehen. Dahinter stehen viele kleine Ideen, die aber etwas Grundlegendes verändern könnten. Sie zeigen den wachsenden Wunsch nach Solidarität, die es so nicht immer gab. "Das Maß an zwischenmenschlichem Vertrauen ist traditionell sehr gering in Russland", sagt Grigorij Judin, Soziologe an der Moskauer Higher School of Economics, unter Präsident Wladimir Putin habe sich das noch verstärkt. Das erscheint logisch: Wo die Menschen einander misstrauen, kooperieren sie nicht, wachsen auch keine politischen Bewegungen. Seit einigen Jahren beobachtet Judin jedoch einen Gegentrend, kleine Initiativen, Graswurzelbewegungen wie die Nachbarschaftshilfe, die "Inseln des gegenseitigen Vertrauens" werden. Die Corona-Pandemie wird damit auch zu einer Gelegenheit. "Wo es die Möglichkeit für selbst organisierte, kollektive Aktionen gibt, da ergreifen die Leute sie", sagt der Soziologe. Er kann Beispiele aufzählen, etwa die Proteste gegen manipulierte Wahlen in Moskau, in Jekaterinburg gegen einen Kirchbau, gegen die Mülldeponie in Schijes. Jetzt organisieren die Menschen Hilfe, obwohl sie eigentlich zu Hause bleiben und alles andere den Behörden überlassen sollten. Der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung, das sei das eine, sagt Judin. "Das andere ist die Lücke in der staatlichen Fürsorge." Die Hilfe für Nachbarn, Angehörige und Hilfsbedürftige mobilisiere die Leute.

Diesen Zulauf merken auch bestehende Netzwerke wie die Obdachlosenhilfe Notschleschka. Weil viele Essensausgaben in Moskau und Sankt Petersburg unter Quarantäne stehen, verteilt sie jetzt Plastiktüten mit dem Nötigsten: Konserven, Zahnbürste, manchmal Desinfizierspray. Jeder kann mitmachen, eine Tüte packen und daran den Flyer der Organisation heften, auf dem steht: "Du bist nicht allein". Die Menschen sollen die Tüten auf dem Weg zum Supermarkt verteilen, keinesfalls extra die Wohnung verlassen. "Wir sehen schon Ergebnisse", schreibt Darja Baibakowa, die Projektleiterin, per Email. Viele Leute veröffentlichten Fotos von selbstgepackten Hilfstüten im Internet. Sie beobachtet, dass insgesamt die Hilfsbereitschaft wächst. "Viele Menschen sehen, dass die Hauptanstrengung der Behörden auf die medizinische Versorgung gerichtet ist", sagt sie. Also helfen sie mit, indem sie sich um Ältere kümmern, um Obdachlose oder um Krankenhauspersonal.

In Moskau ist das zu einem Trend geworden: Zahlreiche Restaurants springen ein, um Essen in Kliniken zu liefern, wo Krankenschwestern und Ärzte kaum Zeit haben, ihre Schutzkleidung abzulegen und in die Kantine zu gehen. Also bringen Freiwillige ihnen kostenlose Snacks und Kaffee bis an die Quarantänezone. Anastasia Engelhardt koordiniert mit ihrer Stiftung Dostup, die in normalen Zeiten junge Mediziner unterstützt, die Lieferungen. Im Moment sei es leichter, Menschen um Hilfe zu bitten als sonst, sagt sie. "Ich muss nicht mal fragen, sie fragen mich. Sie wollen mitmachen."

Der Kreml nehme jede Art von kollektivem Engagement als Bedrohung war, sagt der Soziologe Judin. Er hat in der Vergangenheit beobachtet, dass dann die Behörden gesellschaftlichen Initiativen mit staatlich unterstützten Hilfsorganisationen Konkurrenz machen. "Das mündet manchmal in dem absurden Wettbewerb darum, wer auf eine radikalere oder entschiedener Weise Gutes tut." Nun bietet beispielsweise die "Gesamtrussische Volksfront" mit der Aktion "Wir zusammen 2020" ganz ähnliche Dinge an wie Covidarnost in Sankt Petersburg, aber in größerem Rahmen. Die Organisation ist auf Initiative von Putin gegründet worden und kooperiert mit der Regierungspartei Einiges Russland.

© SZ vom 30.04.2020
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