Russland Eine Stadt wird geöffnet

Am Zaun von Schichany: die Wolga-Siedlung mit dem Wissenschaftszentrum, wo angeblich auch an Nowitschok geforscht wurde.

(Foto: Wojtek Laski/Getty Images)

Präsident Putin beendet den Sonderstatus von Schichany, wo angeblich auch an Nowitschok geforscht wurde. Es ist einer von 40 geschlossenen Orten.

Von Julian Hans, Moskau

Es muss ein gespenstischer Anblick gewesen sein an jenem Oktobertag im Jahr 1987 im kleinen Ort Schichany an der Wolga. Mit Gasmasken über den Gesichtern sahen Abrüstungsexperten und Journalisten aus 45 Staaten zu, wie ein weißes Kaninchen einen Tropfen des Nervengifts Sarin aus einer 250-Kilo-Bombe verabreicht bekam und zuckend verendete. Michail Gorbatschow hatte die Besucher in das hoch geheime Chemiewaffen-Zentrum eingeladen, um der Welt zu demonstrieren, dass es der sowjetischen Führung ernst war mit Offenheit und Abrüstung. Nach dem Kaninchentrick wurde der Rest der giftigen Bombe vor den Augen der Gäste in einem Spezialofen vernichtet.

Als fünf Jahre später die Teilnehmer der Genfer Abrüstungskonferenz die Ächtung von Chemiewaffen beschlossen, konnte die Menschheit erleichtert aufatmen. Für die Menschen in Schichany aber war das Abkommen eine Katastrophe. Der Ort, gut 700 Kilometer südöstlich von Moskau an der Wolga gelegen, war eine jener Inseln im sozialistischen Raum, in der eine Elite in bescheidenem Wohlstand und ohne Mangel leben konnte. Forscher und Assistenten wurden von den besten Hochschulen des Landes angeworben, sie bekamen Wohnung und Lebensmittel, die es anderorts nur an Feiertagen gab. Aus dem 140 Kilometer flussabwärts gelegenen Saratow kamen die Menschen, um in Schichany Würste zu kaufen. Doch mit der Abrüstung begann der Niedergang.

Vielleicht hätte die Welt den Ort an der Wolga bald endgültig vergessen, wären nicht der ehemalige Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia am 4. März bewusstlos auf einer Bank im englischen Salisbury gefunden worden - vergiftet mit einer Variante von Nowitschok, von der die Briten sagen, sie stamme aus einem Labor in Schichany. Ehemalige Mitarbeiter haben bestätigt, dort in einer Außenstelle des Staatlichen Forschungsinstituts für organische Chemie und Technologie an dem binären Kampfstoff geforscht zu haben. Die russische Regierung bestreitet, dass es je ein Nowitschok-Programm gab. Am vergangenen Dienstag schließlich beschied Russlands Präsident Wladimir Putin per Erlass, den Sonderstatus des Ortes zum 1. Januar 2019 aufzuheben.

Eine Erklärung für diese Entscheidung gab der Kreml nicht. Boris Jelzin hatte Schichany 1997 zur geschlossenen Siedlung erklärt. Die Zufahrtsstraßen wurden bewacht, wer hinein wollte, brauchte einen Passierschein. 40 solcher geschlossener Orte gibt es bis heute in Russland. Der Status soll die Rüstungsindustrie vor Spionage schützen, gleichzeitig gibt er den Bewohnern das Gefühl, privilegiert zu sein. Hotel California in der Militärversion. Umgerechnet je 400 000 Euro hat Putin der Verwaltung in seinem Dekret für die nächsten zwei Jahre zugeteilt, um die Härten des Wandels abzufedern.

Nach der Verabschiedung der Chemiewaffenkonvention hatten die Bewohner darauf gehofft, etwas von den Mitteln abzubekommen, die für die Vernichtung der Kampfstoffe zugeteilt wurden. Aber von dem Geld kam an der Wolga nur ein Teil an, dazu noch mit Verspätung. Die Zahl der Mitarbeiter im Staatlichen Forschungsinstitut für organische Chemie und Technologie sank von 3500 auf 500. Bald berichteten russische Medien, dass die Angestellten sich ihre Löhne auf dem Gerichtsweg einklagen mussten. Wissenschaftler und Angestellte, die ihr Leben lang mit hochgefährlichen Stoffen hantiert hatten, bekamen nur Minimalrenten, weil das Institut ihre Beiträge zur Pensionskasse unterschlagen hatte.

Dutzende Experten für chemische Kampfstoffe mit Zugang zu geheimen Laboren, die nicht wissen, wovon sie leben sollen und sich von ihrem Staat im Stich gelassen fühlen sind ein Albtraum für Sicherheitsexperten. Mitte der 1990er Jahre erwarb der deutsche Bundesnachrichtendienst eine Probe des Kampfstoffs Nowitschok, der bisher nur aus Berichten ehemaliger Mitarbeiter bekannt war. Die Bundesregierung ließ das Gift in Schweden untersuchen und informierte den russischen Präsidenten Jelzin diskret.

In den 2000er Jahren, als andere Regionen des Landes Dank des steigenden Ölpreises einen Aufschwung erlebten, protestierten die Bewohner von Schichany immer wieder, weil ihre Löhne nicht ausgezahlt wurden. Sie traten in Hungerstreiks und planten einen Protestmarsch nach Moskau. Spezialisten mit Hochschulabschluss arbeiteten als Krankenpfleger oder Nachtwächter, um über die Runden zu kommen. In den Laboren werden jetzt Insektenvernichtungsmittel, Industrie-Chemikalien und Reizgas hergestellt, aber die Produkte können sich auf dem zivilen Markt nicht durchsetzen. Gerade einmal ein Fünftel ihres Haushalts kann die Verwaltung heute aus eigenen Mitteln aufbringen, der Rest sind Subventionen.

Ob der aufgehobene Sonderstatus der Geschichte vom Giftgas in Schichany ein Ende setzen wird, ist unklar. Bekannt ist aber ihr Anfang. Es war die Deutsche Reichswehr, die hier 1927 in Kooperation mit der Roten Armee einen Übungsplatz für chemische Waffen eingerichtet hatte. Es war eines von drei Geheimprojekten. Der Vertrag von Versailles verbat dem Deutschen Reich solche Kampfeinheiten. Die Sowjetunion war am deutschen Know How interessiert.