Süddeutsche Zeitung

Russland:Doppelte Chance

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Putin oder Medwedjew - wer wird nächster russischer Präsident? Unter Putin würde Modernisierung ein leeres Schlagwort bleiben. Medwedjew hingegen könnte in einer zweiten Amtszeit seine Versprechen einlösen. Das würde nicht nur Russland gut tun.

Daniel Brössler

Im Rahmen des diplomatisch Vertretbaren hat Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Hannover russischen Wahlkampf betrieben. Noch steht nicht fest, ob Wladimir Putin 2012 aus dem Amt des Ministerpräsidenten zurückkehren will in den Kreml - oder ob Dmitrij Medwedjew Präsident bleiben kann.

Merkels Favorit aber heißt Medwedjew. Das konnte keiner übersehen, der die Kanzlerin im Umgang mit ihrem Gast beobachtet hat. Medwedjew trägt Russlands sympathisches Gesicht. Nicht nur Merkel, der ganze Westen würde es ungern verlieren.

Zwar ist aus Medwedjews schönen Reden über die Freiheiten der Bürger, die Segnungen des Rechtsstaates und den Wert der Demokratie bislang wenig Greifbares entstanden. Allerdings gilt für Putin, dass dessen brutalen Worten immer auch Taten gefolgt sind. Die Opposition in Russland weiß davon zu berichten. Es ist also ernst zu nehmen, wenn der Ministerpräsident für die Zeit nach der Wahl Säuberungen androht. Nach Lage der Dinge verspricht Putin Angst - und Medwedjew Hoffnung.

Gerade deshalb war es dummdreist, ausgerechnet in diesen Zeiten Putin mit einem deutschen Preis ehren zu wollen. Über die Absage der Ehrung durch die Quadriga hat sich Medwedjew in Hannover zwar pflichtschuldig empört. Tatsächlich aber könnte ihm die Affäre entgegenkommen. Sie offenbart den Machtzirkeln in Moskau, vor welcher Wahl Russland steht.

Mit Putin an der Spitze wird es sich weiter vom Westen entfernen. Modernisierung wird ein leeres Schlagwort bleiben. Medwedjew hingegen könnte in einer zweiten Amtszeit damit beginnen, Versprechen einzulösen. Das wäre eine Chance - für den Westen und für Russland.

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Quelle:
SZ vom 20.07.2011/liv
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