Witkoff in MoskauDealmaker gegen Weltverdreher

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Wladimir Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew (links) und Steve Witkoff, Sondergesandter von US-Präsident Donald Trump, sollen Gespräche über die Ukraine führen. Hier sind die beiden bei einem Treffen im April 2025 in Sankt Petersburg zu sehen.
Wladimir Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew (links) und Steve Witkoff, Sondergesandter von US-Präsident Donald Trump, sollen Gespräche über die Ukraine führen. Hier sind die beiden bei einem Treffen im April 2025 in Sankt Petersburg zu sehen. (Foto: Vyacheslav Prokofyev/Sputnik/AP/dpa)
  • In den Beziehungen zwischen USA und Russland prallen zwei diplomatische Welten aufeinander: Trumps unerfahrene Geschäftemacher treffen auf Putins erfahrene Karriere-Diplomaten.
  • Putin klagt, er verstehe Trump oft nicht, da dieser nach scheinbar guten Gesprächen plötzlich Sanktionen verhängt.
  • Russlands Diplomaten werden am MGIMO systematisch darin geschult, Stärke zu demonstrieren und künstlich Krisen herbeizuführen, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen.
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Vor dem Besuch des US-Sondergesandten Steve Witkoff in Moskau wird eines deutlich: Zwischen den USA und Russland prallen zwei diplomatische Welten aufeinander, die verschiedener kaum sein könnten.

Von Silke Bigalke und Frank Nienhuysen, Berlin, München

Wladimir Putin äußerte sich ungewöhnlich ausführlich über die Kommunikationspannen der vergangenen Wochen. Er war gerade zu Besuch in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, wo sich Mitglieder eines von Russland angeführten Verteidigungsbundes versammelt hatten. Bei der Pressekonferenz ging es trotzdem um Amerika und Donald Trump.

Trumps Sondergesandter Steve Witkoff stehe derzeit ja besonders unter Beschuss, holte ein Reporter des staatlichen Mediums RT aus. Was Putin über das abgehörte Telefongespräch zwischen Witkoff und Putins Berater Juri Uschakow denke, wollte er wissen. Witkoff, der in diesen Tagen zu Gesprächen über die Ukraine nach Moskau kommt, wird schon länger vorgeworfen, allzu empfänglich für die russischen Wünsche zu sein. In dem Telefonat gab der amerikanische Immobilienunternehmer und Diplomatie-Amateur einem der erfahrensten Diplomaten Russlands freimütig Ratschläge, wie mit Trump zu reden sei.

Putin und Trump verbindet die hohe Kunst des Missverstehens

Putin sprach erst mal darüber, dass er Trump manchmal einfach nicht verstehe. Er, Putin, habe doch mit Witkoff und Trump in Alaska über alles gesprochen, „und zack – gerade als die neu entstehenden Beziehungen in bester Verfassung waren, werden Sanktionen verhängt“, klagte er jetzt. Es habe also keinen Sinn, Witkoff vorzuwerfen, Russland gegenüber übermäßig freundschaftlich gesinnt zu sein.

Natürlich passte es dem Kreml, einen Mann wie Witkoff in Trumps Team zu wissen, unerfahren im Umgang mit Russland, aber mit offensichtlicher Sympathie für das Land. An den Sanktionen gegen russische Ölfirmen, die Trump im Oktober verhängte, änderte auch er nichts. „Ich wiederhole, wir verstehen überhaupt nicht, was für ein Zeichen das sein soll“, klagte Putin jetzt in Bischkek. Als seien die Sanktionen aus dem Nichts gekommen.

Überhaupt treffen da gerade zwei diplomatische Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Oft scheint es Trump zu sein, der Putins Zeichen missversteht – oder absichtlich in die Irre geführt wird. Zum Beispiel in Alaska: Putins Team brachte insgesamt fast 100 Jahre Amerika-Erfahrung mit zum Gipfel, schrieb damals Toby Gati, frühere Unterstaatssekretärin für Nachrichtendienste in den USA. Allein Juri Uschakow, der praktisch die Ukraine-Verhandlungen für Moskau leitet, war zehn Jahre lang Botschafter in den USA. Sergej Lawrow ist Außenminister seit 21 Jahren. Karriere-Diplomaten treffen da auf Geschäftemacher, Unternehmer auf Taktiker, die jahrelang in einer bestimmten Weltsicht geschult wurden. Und wie viel Russland-Erfahrung hat Trumps Team überhaupt?

Niemand weiß, was Trump und Putin in Alaska besprochen haben

Das Trump-Lager muss sich nach Alaska ordentlich über den Tisch gezogen gefühlt haben. Niemand weiß zwar, was Trump dort genau mit Putin besprochen hat. Danach hielt der US-Präsident einen Waffenstillstand, zuvor seine wichtigste Forderung, aber plötzlich nicht mehr für notwendig. Und Putin verbreitete fortan, er sei sich mit Trump darin einig, dass die Ursachen des Konflikts beseitigt werden müssten. Für Putin ist das die Formel dafür, dass es Frieden nur geben kann, wenn seine Forderungen erfüllt werden. Aber Trump hatte wohl einfach nur gehört, dass auch Putin Frieden will. „Jedes Mal, wenn ich mit Wladimir spreche, habe ich gute Konversationen und dann führen sie zu nichts“, sagte Trump im Oktober, als er Sanktionen gegen Russland ankündigte.

Ob es Methode hat, dass die Präsidenten aneinander vorbeireden, oder nicht – ihre Teams stellt es vor Herausforderungen. Trumps Mitarbeiter müssen sich mit den Details befassen, für die Trump die Geduld zu fehlen scheint. Putins Mitarbeiter müssen die Forderungen ausformulieren, die Putin hinter butterweichen Formulierungen versteckt. „Moskau steht vor einem ernsthaften strukturellen Problem“, schrieb kürzlich die im Exil lebende Kremlbeobachterin Tatjana Stanowaja auf X. „Mit wem auf US-Seite soll es eigentlich sprechen?“ Witkoff sei Moskau gegenüber zwar aufgeschlossen, in Washington aber politisch schwach. Und Außenminister Marco Rubio sei wenig begeistert vom russischen Input. Ihm falle es schwer, eine gemeinsame Basis mit seinem russischen Kollegen Lawrow zu finden.

MeinungRussland
:Putin spielt nur mit den USA

SZ PlusKommentar von Silke Bigalke
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Lawrow steht für die alte sowjetische Diplomatenschule, die schon vielen westlichen Delegationen zu schaffen gemacht hat. Im Kern gilt: Es geht nicht in erster Linie darum, einen Kompromiss zu suchen, sondern Stärke zu demonstrieren. Die sechs Jahre zwischen 1985 und 1991, in denen Michail Gorbatschow die Welt verändert hat, sind eher eine Ausnahme gewesen und gelten im heutigen Russland unter Putin als eine Zeit großer Schwäche.

Kaderschmiede für die sowjetische und nun die russische Diplomatie ist das Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Lawrow hat sie absolviert, genauso wie Putins außenpolitischer Berater Uschakow und der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Wassili Nebensja. 2010 wurde das MGIMO in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen, weil dort 53 Fremdsprachen gelehrt wurden, mehr als an jeder anderen Hochschule der Welt. Wer dort studiert hat und eine Diplomatenkarriere macht, gilt als kontrolliert, akribisch vorbereitet, geschult darin, mit Gegenvorschlägen andere zu erschöpfen, in Verhandlungen Zeit zu gewinnen.

Drohungen gegen den Westen gehören zu Moskaus Mitteln

Auch die russische Menschenrechtsaktivistin Inna Bondarenko hat an dieser Diplomaten-Uni studiert. Als der russische Gesandte Kirill Dmitrijew den USA bei einem Besuch im April wirtschaftliche Zusammenarbeit anbot, trotz des Kriegs gegen die Ukraine, trotz der US-Sanktionen gegen Russland, schrieb sie, dies sei ihr „unheimlich bekannt“ vorgekommen: „Schmeichle dem Westen mit Handel. Drohe im Hintergrund den Nachbarn. Sprich in Diplomatie, praktiziere mit Zwang.“ Dies sei keine Heuchelei, schrieb Bondarenko in der Moscow Times, sondern Strategie: „Es ist die Art von Realpolitik, die zu glauben und auszuführen uns antrainiert wurde.“ Als sei der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen.

Drohungen gegen den Westen gehören auch heute wieder zu Moskaus Mitteln, im Oktober etwa eskalierte die Lage schnell. Dabei lief es zunächst wieder mal ganz gut für Putin: Er hatte Trump angerufen und ihn offenbar davon überzeugen können, Putin zu einem zweiten Gipfel in Budapest zu treffen, anstatt der Ukraine Tomahawks zu liefern. Es war das Telefonat, zu dem Witkoff dem Putin-Berater Uschakow zuvor Tipps gegeben hatte.

Nun sollten die Außenminister den Gipfel vorbereiten, Rubio telefonierte mit Lawrow. Am nächsten Tag war das Treffen vom Tisch, Lawrow habe es mit seiner harten Haltung verspielt, hieß es damals. Vermutlich wollte Rubio über einen Waffenstillstand sprechen, Lawrow über die Ursachen des Konflikts aus russischer Sicht. Er wird das in seiner unversöhnlichen, herablassenden Weise getan haben. Überlegenheit zu demonstrieren und sich als Opfer darzustellen, gehört zu Lawrows Job. Die USA beschlossen daraufhin, es sei zu früh für ein Treffen.

Es folgten Sanktionen, dann kündigten beide Seiten Atomwaffentests an. Das Scheitern des Budapester Gipfels, schrieb Alexander Baunow vom Carnegie Center in Berlin, sei nicht Lawrows Schuld gewesen, sondern das „unvermeidliche Ergebnis des russischen Systems, künstlich eine außenpolitische Krise herbeizuführen“, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Wenn die Krise dann nicht ausreiche, um „den Feind einzuschüchtern“, so Baunow, dann müsse eine neue Krise her – „und je größer die Krise, desto größer das Ergebnis“. Problematisch ist das nur, wenn auf der anderen Seite ein US-Präsident sitzt, der nicht einlenkt, sondern selbst gern eskaliert.

Moskau hat verstanden, worauf es Trump ankommt

Damit man die russische Diplomatie verstehe, müsse man verstehen, wie die russischen Diplomaten gemacht würden, schreibt die Menschenrechtlerin Bondarenko. Das MGIMO sei das „Hogwarts der russischen Außenpolitik-Elite“. Sie meint offensichtlich: wo man allerlei diplomatische Tricks lernt. Vom ersten Tag an würde den Studierenden beigebracht, dass Russland eine Großmacht ist. Sie habe dort gelernt, „internationales Recht zu zitieren und zugleich dessen Geist zu verletzen, Normen zu verteidigen und sie währenddessen zu demontieren, von Frieden zu reden und zugleich Kriege zu rechtfertigen“. All dies sei exakt zugeschnitten auf die Weltsicht von Putin.

Während sich diese Weltsicht kaum ändert, hat Moskau seine Methoden immer wieder angepasst und ausgeweitet. Es hat sich in US-Wahlkämpfe eingemischt, verstärkt auf Falschbehauptungen gesetzt, vor allem gegen die USA. Schon in Trumps erster Amtszeit hat Moskau verstanden, dass der neue US-Präsident vor allem an Amerikas Vorteil und ans Geschäft denkt.

Eine Antwort darauf ist Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew, der mit Witkoff Gespräche über die Ukraine führen soll. Dmitrijew wurde nicht am MGIMO ausgebildet, sondern in Stanford und Harvard, er ist ein ehemaliger Investmentbanker, der bei Goldman Sachs gearbeitet hat. Vor 14 Jahren wurde er Chef des neu gegründeten, staatlichen Direktinvestitionsfonds RDIF, er sollte ausländische Investitionen nach Russland zu holen. Damit bedient er perfekt Trumps Gier nach Deals und Geschäften mit Russland. Was Dmitrijew nicht ist: Zeichen eines neuen außenpolitischen Stils. Da bleibt Moskau so hart wie die Mauern von Hogwarts.

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