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Russland:Die Siegesfeier muss warten

Moskau am 9. Mai 2019: Tausende Menschen beteiligten sich an der traditionellen Siegesfeier. Zum 75. Jahrestag sollten es sogar noch mehr werden.

(Foto: Denis Tyrin/AP)

Putin sagt die große Parade vom 9. Mai schweren Herzens wegen der Corona-Krise ab.

Lange hatte der Kreml an der Siegesparade festgehalten. Versammlungsverbot in Moskau, Ausgangssperre; Schulen, Restaurants, Geschäfte schlossen, aber das Militär probte weiter für den großen Tag. Die Parade am 9. Mai sollte aufwendiger werden als sonst, der Sieg jährt sich zum 75. Mal. Erst am Donnerstag gab sich Präsident Wladimir Putin angesichts der Pandemie geschlagen. Die Feierlichkeiten werden verschoben, erklärte er bei einem Treffen des Sicherheitsrats. Eine "schwere Wahl", so Putin. "Das Datum des 9. Mai ist uns heilig."

Das Datum ist seit Monaten allgegenwärtig, im Fernsehen, auf Plakaten, in den Ansprachen des Präsidenten. Bei der Parade sollten 15 000 Teilnehmer marschieren, 375 Panzer, Flugabwehrraketen, Kampfjets und anderes Rüstungsgerät zu sehen sein. Seit Monaten streckt das Verteidigungsministerium die Erinnerung an den Sieg über verschiedene Projekte, ließ etwa Erde von hundert Orten der Welt sammeln, an denen sowjetische Soldaten gefallen sind, organisierte einen Staffellauf entlang der damaligen Grenze der Sowjetunion, baute den Streitkräften eine Kathedrale bei Moskau. Diese sollte als Denkmal für die Veteranen eigentlich am 9. Mai eröffnet werden.

Während das Vertrauen in den Kreml bröckelt, versöhnte und einigte bisher der Siegestag

Bereits seit Februar blendet das Staatsfernsehen rund um die Uhr Namen von Kriegsteilnehmern ein, insgesamt mehr als zwölfeinhalb Millionen. "Wir erinnern uns an jeden", heißt die Aktion. Die Sowjetunion hat 27 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg verloren, wohl jede Familie war betroffen. Die Erinnerung ist den meisten Russen wichtig, der 9. Mai ein besonderer Feiertag. Mehr als zwei Drittel schauen sich die Parade laut Umfragen jedes Jahr im Fernsehen an. Während das Vertrauen in den Kreml bröckelt, versöhnt und einigt der Siegestag.

Deswegen ist er für Putin so wertvoll, gerade in diesem Jahr. Grund dafür ist die Verfassungsreform des Präsidenten, die er im Januar angekündigt und eilig umgesetzt hat. Sie erlaubt es Putin nach Ende seiner Amtszeit im Jahr 2024 erneut als Präsident anzutreten und bis 2036 zu bleiben. Damit die Verfassungsänderung weniger nach Coup aussieht, sollte die Bevölkerung am 22. April darüber abstimmen, noch vor dem Siegestag. Das Votum ist nicht bindend, sollte aber Putins Position stärken. Es mitten in die Vorbereitungen für den Feiertag zu legen, erschien logisch. Nun aber sind Krisenzeiten statt Jubelzeiten, und bisher hat Putin als Krisenmanager keine gute Figur gemacht. Die Abstimmung musste er wegen der Pandemie verschieben. Laut Umfragen ist die Unterstützung für die Reform niedriger als es dem Kreml lieb sein kann. Die Zustimmungsraten für Putin fallen ohnehin seit einiger Zeit.

Das eine Thema, bei dem Putin jedoch scheinbar nichts falsch machen kann, ist der "Große Vaterländische Krieg". Seit Monaten spricht er deshalb bei jeder Gelegenheit von der "Erinnerung an die Helden", die "ihr Leben geopfert haben" im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Putin hat diese Erinnerung im Zuge der Reform sogar in die Verfassung schreiben lassen: Die sichert nun "den Schutz der historischen Wahrheit" und verbietet es, die "Bedeutung der Heldentat" der Vaterlandsverteidiger zu mindern. Putin macht sich sozusagen zu deren Verteidiger, auch gegenüber westlichen Staaten. Kritik an Stalins Rolle im zweiten Weltkrieg wird in Moskau als Versuch verstanden, den sowjetischen Sieg zu schmälern und den Nationalsozialismus zu relativieren. Im Januar drohte Putin, "denjenigen das Maul zu stopfen", die versuchten, die Geschichte umzudeuten, und "die Rolle unserer Väter, unserer Großväter, unserer Helden herabzusetzen". Er stellt sicher, dass sich alle angesprochen fühlen.

Der Siegestag werde auch diesmal "für das ganze Land ein Vereinigungstag sein", sagte Putin vor dem Sicherheitsrat. Die Parade auf dem Roten Platz will er noch 2020 nachholen.

© SZ vom 18.04.2020

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