Der Polizeibus steht schon da mit offener Tür, aber die Festgenommenen werden nicht einfach hineingebracht. Sie stehen vor einer weißen Gebäudewand nebeneinander, ein Kameramann geht die Reihe ab und filmt sie, junge Männer, Russen. Sie tragen T-Shirts bei der Hitze, einige haben kurze weiße Shorts an. In einer anderen Videosequenz gehen sie hintereinander, die Hände auf die Schultern des Vordermanns gelegt, wie bei einer Polonaise. Schnitt. Jetzt müssen die Männer tief im Gänseschritt gehen, die Hände im Nacken. Einer hat Schwellungen im Gesicht.
Ein weiterer Ausschnitt zeigt, wie sie auf dem Boden liegen, maskierte aserbaidschanische Polizisten legen ihnen Handschellen an. Dann werden die Festgenommenen in den Bus geführt, das Gesicht nach unten gedrückt.
Ein Video zeigt die Massenfestnahme mutmaßlicher russischer Krimineller
Die aserbaidschanische Zeitung Report hat das Video am Dienstag veröffentlicht. Es soll Mitglieder zweier russischer Gruppen der organisierten Kriminalität zeigen, Cyberkriminelle, Schmuggler von Drogen aus Iran. Sie müssen in Aserbaidschan nun erst einmal für vier Monate in Haft. Wer eine Massenfestnahme so in Szene setzt und veröffentlicht, will damit eine Botschaft senden. Vermutlich die, wie aserbaidschanische Behörden gerade gegen Menschen aus Russland durchgreifen. Es sieht allerdings aus, als sei diese Festnahme vor allem die Reaktion auf das, was in den vergangenen Tagen vorgefallen ist, auf beiden Seiten. Innerhalb von nur einer Woche hat sich das Verhältnis zwischen Russland und Aserbaidschan radikal verschlechtert. Es ist jetzt eine schwere Krise.
Angefangen hat sie am vergangenen Freitag, 27. Juni. Russische Behörden nahmen an dem Tag in der Uralstadt Jekaterinburg etwa 50 Menschen fest, unter ihnen viele Aserbaidschaner. Die russischen Ermittler gehen nach Angaben der Behörden alten Mordfällen nach, einige liegen schon mehr als 20 Jahre zurück. Zwei aserbaidschanische Hauptverdächtige, ein Brüderpaar, kamen bei der Razzia in Russland ums Leben.
Die russischen Behörden sagen, einer von ihnen sei an Herzversagen gestorben. Bei der Autopsie der Leichen in Aserbaidschan stellten Mediziner jedoch gebrochene Rippen fest, schwere Blutergüsse, Prellungen, eine gebrochene Nase, Schürfwunden. Die aserbaidschanische Generalstaatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet, Baku machte Russland Foltervorwürfe. Und das war nur der Beginn.
Aserbaidschans Präsident ist nicht zur Siegesparade am 9. Mai in Moskau erschienen
Die aserbaidschanische Regierung sagte im eigenen Land alle russischen Kulturveranstaltungen ab, lud die Popsängerin Anschelika Warum aus, strich Besuche von Abgeordneten in Moskau. Der russische Vizepremier wiederum reiste nicht wie geplant in den Kaukasus.
Am Montag eskalierte der Streit der Länder. Polizisten durchsuchten in Aserbaidschans Hauptstadt Baku das Büro des russischen Auslandssenders Sputnik. Sie nahmen zwei Russen fest, unter ihnen den Redaktionsleiter. Aserbaidschan behauptet, es seien tatsächlich Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB. Russland sagt, das sei absurd. Es seien Journalisten. Proteste auf allen Seiten. Moskau bestellte den aserbaidschanischen Botschafter ein, Baku wiederum hatte wegen der tödlichen Massenfestnahme in Jekaterinburg bereits den russischen Botschafter einbestellt.
Kremlsprecher Dmitrij Peskow warf Aserbaidschan vor, „sehr emotional“ zu reagieren. Das alles entspreche auch nicht dem „Geist der russisch-aserbaidschanischen Beziehungen“. Aber dieser Geist ist schon länger nicht mehr so wie in früheren Jahren. Und jetzt erinnern russische Medien auch wieder daran, dass der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew nicht zur Siegesparade am 9. Mai in Moskau gekommen ist. Eine Einladung zum 80. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland abzusagen, ist aus russischer Sicht vermutlich ein diplomatischer Affront gewesen.
Kremlchef Putin bedauerte die Katastrophe
Aserbaidschan traut sich was. Das Land im Südkaukasus hat große Ölreserven, eine Menge Geld und es versucht seit Jahren, mit Russland, der befreundeten Türkei und Europa zugleich ein ausgeglichenes Verhältnis zu haben. Anders als etwa das benachbarte Armenien ist Aserbaidschan energiepolitisch unabhängig von Russland. Als sich Aserbaidschan vor zwei Jahren militärisch die Kontrolle über das von Armeniern bewohnte Bergkarabach zurückholte, griff Russland, bis dahin Schutzmacht Armeniens, nicht ein. Die Beziehungen zwischen Baku und Moskau waren gut. Bis ein Flugzeugabsturz alles änderte.
Am 25. Dezember vorigen Jahres stürzte eine Passagiermaschine der Azerbaijan Airlines ab, auf kasachischem Gebiet. Sie war auf dem Weg von Baku nach Grosny im russischen Tschetschenien. 38 der 67 Passagiere kamen ums Leben. Die Maschine wurde vermutlich versehentlich von einer Einheit der russischen Raketenabwehr getroffen. Kremlchef Wladimir Putin bedauerte die Katastrophe, und nach einer Weile sah es aus, als sei der Konflikt ausgeräumt.
Russische und aserbaidschanische Medien berichten jedoch, dass Aserbaidschan seit Monaten vergeblich versucht, Russland dazu zu bringen, die volle Verantwortung zu übernehmen. Die aus dem Exil arbeitende russische Zeitung Nowaja Gaseta Europa berichtete jetzt, dass der andauernde Streit über den Abschuss des Flugzeugs „der wahre Grund für die verschärfte Rhetorik“ sei. Aserbaidschans Regierung habe in den sechs Monaten „nicht aufgehört, ein Schuldeingeständnis und eine Bestrafung der Verantwortlichen zu fordern“. Die tödliche Razzia in Jekaterinburg hat demnach die Spannungen jetzt also verschärft.
Und so geht es nun täglich weiter mit Vorwürfen. Am Montag berichtete die russische Zeitung RBK, einige der in Russland festgenommenen Aserbaidschaner seien vor vier Jahren an einer Massenvergiftung mit geschmuggeltem Alkohol beteiligt gewesen. Am Dienstag folgte ein Angriff aus Aserbaidschan. Die Agentur Minval veröffentlichte ein Dokument, aus dem angeblich der Abschuss des aserbaidschanischen Flugzeugs durch eine russische Flugabwehrrakete hervorgeht. Die auf den Kaukasus spezialisierte Nachrichtenplattform Jam News fragt bereits: „Wie wird Russland antworten?“

