Russland:Nawalny in neues Straflager verlegt

Lesezeit: 2 min

Russland: Bisher hatte Alexej Nawalny in Pokrow eingesessen, das Bild vom 24. Mai zeigt ihn dort während einer Videoschaltung in eine Gerichtsanhörung. Nun wurde er in eine andere Strafkolonie verlegt.

Bisher hatte Alexej Nawalny in Pokrow eingesessen, das Bild vom 24. Mai zeigt ihn dort während einer Videoschaltung in eine Gerichtsanhörung. Nun wurde er in eine andere Strafkolonie verlegt.

(Foto: EVGENIA NOVOZHENINA/REUTERS)

In der Strafkolonie 6 in Melechowo gelten härtere Bedingungen, auch ist das Lager weiter von Moskau entfernt. Der russische Oppositionelle scherzt auf Instagram über seine Lage, doch bald könnte ihm ein neues Verfahren drohen.

Von Silke Bigalke, Moskau

Alexej Nawalny ist unfreiwillig umgezogen, seine Bücher hat er mitgenommen. In Plastiktüten habe er sie in den Gefangentransporter geschleppt, schreibt der Oppositionelle mit seinem üblichen Humor auf Instagram. "Ich war beinahe kaputt", so Nawalny, dabei habe er schon 50 Bücher der Gefängnisbibliothek gespendet. Nawalny ist in ein Straflager für Wiederholungstäter verlegt worden, mit deutlich härteren Bedingungen.

Bisher hatte Nawalny in Pokrow eingesessen, 120 Kilometer östlich von Moskau. Als ihn einer seiner Anwälte dort besuchen wollte und am Montag nach Nawalny fragte, sagte man ihm: "Es gibt keinen solchen Gefangenen hier." Weder seine Anwälte noch seine Familie wussten von Nawalnys Verlegung. "Solange wir nicht wissen, wo Alexej ist", schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch am Montag auf Twitter, "ist er allein mit dem System, das schon einmal versucht hat, ihn umzubringen."

Nun ist Nawalny in der Strafkolonie 6 in Melechowo wieder aufgetaucht, das liegt weiter im Osten und mehr als doppelt so weit von Moskau entfernt wie sein bisheriges Gefängnis. Nicht nur deswegen wird es nun schwieriger, ihn zu erreichen: In Melechowo dürfen Gefangene deutlich seltener Besuche empfangen, Pakete oder Briefe erhalten. Während die Gefangenen in Pokrow in Schlafsälen untergebracht werden, können sie in der Strafkolonie "mit strengem Regime" auch in Einzelzellen gesteckt werden. Für Regelverstöße drohen härtere Strafen.

Nawalny ist seit seiner Rückkehr nach Moskau mit Strafprozessen regelrecht überzogen worden. Im Januar 2021 wurde er zu zweieinhalb Jahren verurteilt, weil er gegen eine alte Bewährungsauflage aus einem schon damals politisch motivierten Fall verstoßen haben soll. Seit Juni 2021 gelten Nawalnys Organisationen als "extremistisch", viele seiner Unterstützer verließen das Land. Im März 2022 kam ein weiteres Urteil dazu: neun Jahre Gefängnis unter härteren Haftbedingungen, weil Nawalny angeblich Spendengelder veruntreut haben soll. Der Oppositionelle durfte nicht mal für den Prozess die Strafkolonie verlassen, stattdessen wurde dort ein provisorischer Gerichtssaal eingerichtet - selbst in Russland gilt das als außergewöhnlich.

Der Oppositionelle versucht, seinen Humor nicht zu verlieren

"Die Weltraumreise geht weiter - ich habe das Schiff gewechselt", schreibt Nawalny nun auf Instagram. Laut der russischen Zeitung Kommersant werden in der neuen Strafkolonie unter anderem Uniformen hergestellt. Die Zeitung schreibt aber auch, dass dort 2018 und 2019 zwei Häftlinge gestorben seien, einer offiziell an Lungenentzündung, der andere soll sich umgebracht haben. Im ersten Fall hatten Angehörige über Misshandlungen berichtet, der zweite Gefangene hatte vor seinem Tod über Folter geklagt.

"Apropos Gesetzlosigkeit", schreibt Nawalny, der zunächst in Quarantäne bleiben muss. Er habe Aushänge über die Berufe gesehen, die man in der Strafkolonie erlernen könne: "Man kann wie ich eine Näherin werden - diese Elite der Arbeiterklasse, die sofort eine Leinennaht von einer Nähnaht unterscheiden kann", schreibt er scherzend. Doch nicht nur Näherinnen, sondern auch "Panierer für Geflügelstücke" erhielten im Knast drei Monate Ausbildung, schreibt Nawalny und fragt, wozu. "Rollen sie diese Kadaver etwa in Strasssteinen?"

Während der Oppositionelle versucht, seinen Humor nicht zu verlieren, droht ihm bereits das nächste Verfahren. Ende Mai schrieb er selbst, er werde nun auch noch wegen Extremismus angeklagt, dafür drohen bis zu 15 Jahre. Den letzten Prozess im Frühjahr nutzte Nawalny für eine flammende Rede gegen Putins Krieg in der Ukraine, der in Russland nur "militärische Spezialoperation" genannt werden darf. "Dieser Krieg ist zu hundert Prozent auf Lügen aufgebaut", sagte er. "Wir haben gerade vierzig Millionen Menschen eingenommen und erklärt: 'Das sind Nazis!' und fingen an, sie zu bombardieren. Was sollten sie tun, damit man sie in Ruhe lässt?" Womöglich hat Nawalny damit schon die nächste Anklage riskiert. Wer sich in Russland negativ über die Armee äußert, dem droht Gefängnis.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusRussische Opposition
:Trage ich Mitschuld?

Es ist nicht Putin allein. Damit es zum Krieg kommt, muss sich der Wille vieler summieren: Wie es ist, jetzt gerade Russe zu sein.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB