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Russischer Bericht zum Kaczynski-Absturz:Promille im Cockpit

20.000 Seiten umfasst der Abschlussbericht zum Flugzeugabsturz des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski. Für die russischen Ermittler ist die Lage klar, sie haben einen Schuldigen gefunden. Kaczynskis Bruder Jaroslaw bezeichnet den Bericht als "Hohn für Polen".

Warum ist die polnische Präsidentenmaschine im April 2010 über dem russischen Smolensk abgestürzt? Gleich nach dem Unglück gab es zahlreiche Spekulationen um die Ursache des Unglücks, bei dem 96 Menschen ums Leben kamen. Im Wesentlichen waren es vier Hypothesen: ein technischer Defekt am Flugzeug, das Verhalten der Besatzung, eine mangelhafte Vorbereitung der Landung oder der Einfluss Dritter.

Jahresrueckblick April 2010: Polens Praesident Kaczynski stirbt bei Flugzeugabsturz

Neun Monate nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine geben russische Ermittler dem Chef der Luftwaffe die Schuld an dem Unglück.

(Foto: dapd)

Außerdem gab es Mutmaßungen, wonach der bei dem Absturz getötete Präsident Lech Kaczynski die Tragödie selbst verursacht habe. Der Präsident habe die Piloten zur Landung gedrängt, um rechtzeitig zu einer Gedenkfeier für die Opfer des sowjetischen Massakers in Katyn zu kommen.

Nun wollen russische Ermittler den Schuldigen ausfindig gemacht haben: Aus ihrem 20.000 Seiten starken Abschlussbericht geht hervor, dass tatsächlich massiv Druck auf die Piloten ausgeübt worden sei. Allerdings nicht vom verunglückten Präsidenten, sondern vom Chef der polnischen Luftwaffe. Andrzej Blasik sei mit 0,6 Promille Alkohol im Blut ins Cockpit gegangen und habe trotz der Warnungen der russischen Flugüberwachung die Piloten zur Landung genötigt.

Der Tower auf dem Flughafen im westrussischen Smolensk habe wegen schlechten Wetters ausdrücklich einen Ausweich-Landeplatz angeboten. "Eine Landeerlaubnis für die Piloten des Flugzeugs hat es nicht gegeben", sagte die Leiterin des Luftfahrtamtes MAK, Tatjana Anodina. Auch eine zweite Hypothese bekräftigen die russischen Ermittler in ihrem Bericht: Die Besatzung sei auf den Flug nach Russland und die dort herrschenden Wetterverhältnisse unzureichend vorbereitet gewesen.

Russland und Polen, deren Beziehungen durch die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg historisch belastet sind, näherten sich in ihrer gemeinsamen Trauer anlässlich des Unglücks an. Allerdings wuchs später die Kritik Polens an den russischen Ermittlungen zur Absturzursache. Ministerpräsident Donald Tusk bezeichnete die vorläufigen Ermittlungsergebnisse kürzlich als inakzeptabel und fehlerhaft. Der Abschlussbericht könnte zu neuen Spannungen führen.

Inzwischen hat sich der polnische Oppositionsführer und Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, zu dem russischen Bericht geäußert - und die Absturzursachen zurückgewiesen. Für diese "Spekulationen" gebe es keine Beweise, der Bericht sei ein "Hohn für Polen", sagte Kaczynski.

Die Vorwürfe gegen die polnischen Piloten seien "völlig einseitig". Kaczynski beschuldigte Regierungschef Donald Tusk, die Ermittlungen zur Katastrophe an die russische Seite abgegeben zu haben und eine Beteiligung der EU am Verfahren verhindert zu haben. Kaczynski verwies auf angebliche Fehler russischer Fluglotsen auf dem Flughafen in Smolensk.

Zu diesem Ergebnis waren polnische Ermittler im vergangenen Jahres gekommen: Sie wiesen die Hauptverantwortung am Absturz den olnischen Militärpiloten die Hauptverantwortung zu. Diese sollen nur über geringe Erfahrung auf der Unglücksmaschine des sowjetischen Typs Tupolew Tu-154 verfügt haben. Außerdem seien sie fünf Mal vor dichtem Nebel in Smolensk gewarnt worden, auch von polnischen Kollegen, die 40 Minuten vor dem Unglück in Smolensk gelandet seien.

© dpa/woja/hai

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