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Russische Revolution:Deutsche und bolschewistische Propaganda beschleunigten den Zusammenbruch des Zarenreichs

Aber für die eigene Partei hieß diese Losung zunächst, dass "die Niederlage der Zarenmonarchie, der reaktionärsten und barbarischsten Regierung, das kleinere Übel wäre." Und dies galt selbst gegenüber einem zeitweiligen deutschen Sieg.

Unmittelbar nach dem Treffen sandte Lenin Jakub Fürstenberg-Hanecki, den für alle finanziellen Transaktionen Zuständigen seines Zürcher Hausstaats, in ein von Helphand gegründetes Kopenhagener Handelskontor, wo er Hand in Hand mit einem Kommissionär des Berliner Reichskriegsamtes arbeitete, um mittels des hoch lukrativen Blockadehandels über die Ostsee Kontakte mit den wenigen, noch in Petrograd operativen bolschewistischen Parteikader aufrechtzuerhalten und sie mit Geldmitteln zu versorgen.

Wirkliche Bedeutung gewann das Zusammenspiel der deutschen Reichsleitung mit den Leninisten aber erst nach der russischen Februarrevolution und nach der Durchschleusung Lenins im "plombierten Waggon" im April 1917 ins heutige Sankt Petersburg.

Als die Provisorische Regierung unter Alexander Kerenski im Mai und Juni mit einer letzten Offensive die Mittelmächte, wie vom Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat gefordert, zu einem Frieden ohne Annexionen und Kontributionen zwingen wollte, griffen die "defaitistische" Propaganda der Bolschewiki und die deutschen Zersetzungsbemühungen eng ineinander und trugen wesentlich zum Zusammenbruch der Armee des republikanischen Russland und Auseinanderbrechen des gesamten Vielvölkerreichs bei. Nur inmitten dieses Machtvakuums konnte die von Lenin und Trotzki geleitete Kampfpartei der Bolschewiki im Oktober/November 1917 fast kampflos die Macht erobern.

Ein Akt des "Friedens" war der sofortige Waffenstillstand und die Unterzeichnung des Separatfriedens in Brest im Februar 1918 nicht, im Gegenteil: Der Weltkrieg ging damit in eine letzte, mörderische Runde; und der russische Bürgerkrieg entbrannte erst jetzt in voller Breite.

Zugleich eröffnete dies den Mittelmächten die Möglichkeit, sich zu Garanten einer ukrainischen, finnischen, baltischen oder auch georgischen Unabhängigkeit aufzuwerfen und sie als Druckmittel gegen die Räteregierung einzusetzen.

Als Gegenleistung für deren Unterschrift unter das Diktat wurde Lenins Regime dann von Berlin formell anerkannt und (mit Vorbehalten) unterstützt - während die deutsch-österreichischen Okkupanten sich in der Ukraine und Südrussland die Ressourcen für die Entscheidungsschlachten im Westen fast kampflos zusammenrauben konnten.

Als der mächtige General Erich von Ludendorff Ende September 1918 das Spiel um die Weltmacht plötzlich verloren gab, spielten die Ängste vor einem Übergreifen revolutionärer Stimmungen auf die deutschen Truppen eine wesentliche Rolle. Die Lenin'sche Frage "Wer wen", also wer da wen für seine Zwecke eingespannt hatte, stellt sich jetzt ganz anders herum.

Hitler agitierte auf dem Weg nach oben gegen die KPD, aber nicht gegen Stalins Sowjetunion

So stand auch für die sozialdemokratischen Konkursverwalter des Kaiserreichs bei der Ausrufung der demokratischen Republik im November und angesichts der "spartakistischen" Aufstandsversuche im Dezember und Januar 1918/19 das Gespenst eines Übergreifens des Bolschewismus auf Deutschland einen Moment lang beklemmend im Raum.

Allerdings dienten diese Alarmrufe auch dazu, vor den Versailler Friedensverhandlungen den westlichen Siegermächten möglichst milde Konditionen abzunötigen. Schon die ersten Andeutungen über das bevorstehende harte Diktat im Juni 1919 ließen die Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit kippen. Im "Moabiter Salon" des offiziell gefangengesetzten Emissärs der Sowjetregierung Karl Radek gaben sich die Industriellen und Militärs das Jahr hindurch die Klinke in die Hand. Hier wurden neue Verbindungen geknüpft.

Ab 1920 bildeten der deutsche wie der sowjetrussischen Revisionismus gegenüber der "Versailler Weltordnung" eine starke, informelle Klammer. Die Reichswehr, aber auch Teile der Industrie (speziell die Rüstungsfirmen) betrieben eine konspirativ abgeschirmte Nebenpolitik mit Sowjetrussland, die über die Vereinbarungen der Verträge von Rapallo (1922) und Berlin (1926) weit hinausgriff und in Krisensituationen wie der Ruhrbesetzung 1923 gesprächsweise Züge eines potenziellen Kriegsbündnisses annahm.

Wo dieser deutsch-bolschewistische Nexus Hitlers Weg zur Macht geebnet haben sollte, geschah dies eher durch die permanente Frustrierung übersteigerter Erwartungen an eine scheinbar jederzeit mögliche "Ostorientierung". Erst dies gab der antibolschewistischen Wendung Hitlers 1926 und seinen futuristischen "Ostraum"-Plänen einen Anschein von Realismus.

In der Phase von Hitlers Aufstiegs zur Macht nach 1930 richtete sich seine Agitation allerdings fast ausschließlich gegen die KPD als Bürgerkriegspartei, kaum gegen die Sowjetunion Stalins, die den "jüdischen Bolschewismus" eines Trotzki ja gerade erst zerschlagen hatte und sich inmitten der Weltwirtschaftskrise zu einer gepanzerten Großmacht neuen Typs erhob.

Weit entfernt, einen "neuen Germanenzug" gen Osten wie in "Mein Kampf" zu empfehlen, nutzte Hitler nach 1933 diesen Machtaufbau seines östlichen Rivalen, um sich den Westmächten als Bollwerk zu empfehlen und so erfolgreich die "Fesseln von Versailles" abzustreifen - nur um am 1. September 1939 im Zeichen der beiderseits wieder beschworenen "traditionellen deutsch-russischen Waffenbrüderschaft" den Weltkrieg zu eröffnen.

Stalin erklärte Tage später dem Chef der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitroff, es sei schließlich "nicht schlecht, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte" und "wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und Bevölkerung ausdehnen" können. Die Folgen dieser katastrophalen Fehlspekulation zeigten sich im Juni 1941. Daran laboriert die Welt bis heute.

Gerd Koenen, geboren 1944 in Marburg, ist Publizist und Historiker. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" (Verlag C.H. Beck).

© SZ vom 07.11.2017/odg
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