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Russische Gesellschaft:"Macht mit uns, was immer ihr mögt"

Außerdem hätte die Gesellschaft verlangt, solche Verhandlungen aufzunehmen. Jede beliebige Regierung, die nicht alles versucht hätte, um Kinder auf friedlichem Weg zu befreien, hätte zurücktreten müssen. In Russland dagegen musste nach Beslan nicht ein einziger Verantwortlicher auf nationaler Ebene sein Amt abgeben. Außerdem gab es, außer in Beslan selbst, keine einzige Massendemonstration mit der Forderung, Gespräche aufzunehmen.

Wie ist das möglich? Der zweite Tschetschenienkrieg hatte den Ruf nach einer starken Führung geweckt. Unabhängige Fernsehsender wurden dichtgemacht. Bei den Wahlen 2003 kamen keine wirklichen Oppositionsparteien ins russische Parlament - und sie bekamen seither nie mehr den nötigen Prozentsatz an Stimmen.

Nichts und niemand kann die Regierung aufhalten

Die Ereignisse in Beslan zeigten der russischen Elite und dem Präsidenten, wie wenig ihre Handlungen kontrolliert werden und wie viel die Wähler ihnen nachsehen. Auch die Gesellschaft lernte ihre Lektion: Nichts und niemand kann die Regierung bei der Verfolgung ihrer Interessen aufhalten. Sie geht sogar über Kinderleichen, wenn es unumgänglich erscheint. Diese Lektion hat jeder verinnerlicht.

Nur ein Jahr nach dem Terroranschlag fand in Moskau eine Gedenkveranstaltung statt unter dem Motto "Ohne Worte". Über den Roten Platz marschierte man mit einer schwarzen Fahne, auf der "Ohne Worte" geschrieben stand, und junge Leute der regierungsnahen Jugendorganisation Naschi (Die Unsrigen) standen in schwarzen T-Shirts mit der gleichen Aufschrift auf einem anderen Platz im Zentrum Moskaus. Es schlug eine Glocke, und alle schwiegen.

Einige Eltern, deren Kinder getötet worden waren, hatten sich dagegen in der Vereinigung "Stimme Beslans" zusammengetan und schrieben zur gleichen Zeit: "Wir sind gezwungen, in einem Land zu leben, wo die Staatsanwaltschaft lügt und Gesetzesbrüche begeht, wo Beamte falsches Zeugnis geben vor Gericht und selbst der Präsident am Gedenktag öffentlich die Mütter und Väter der ums Leben gekommenen und der verletzten Kinder hintergeht. Die Lüge aufrechtzuerhalten, es seien 354 Geiseln gewesen, das ist die Entscheidung unseres Präsidenten. Ihm fällt es leichter, seine Ignoranz zu zeigen, als seine Sicherheitskräfte für ihre totale Inkompetenz und Korruptheit zu bestrafen."

Doch das Land wählte das Schweigen. Recherchen von Journalisten, Untersuchungen unabhängiger Expertenkommissionen interessierten keinen. Aber die oben zitierte Verlautbarung der "Stimme Beslans" wurde in die nationale "Liste extremistischer Materialien" aufgenommen.

Um die Tragödie von Beslan entstand eine Zone des Schweigens. Die Trauer und der Respekt vor den Toten dienen als Erklärung dafür, warum man keine Fragen zu stellen hatte. Das Gedenken an die Toten dient als Entschuldigung dafür, die Überlebenden zu vergessen, die darauf brennen, endlich die wahre Antwort zu erfahren auf ihre Frage: Wie konnte das passieren?

Deshalb braucht man sich nicht über das zu wundern, was heute geschieht. Die Gesellschaft hat der Regierung schon vor langer Zeit die Carte blanche gegeben: "Macht mit uns oder in unserem Namen, was immer ihr mögt."

Aus dem Russischen von Tamina Kutscher/n-ost

© SZ vom 02.09.2014/fued
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