Russische Ansprüche:In einem Punkt sind sich alle einig

Vermutlich wird Washington aber irgendwann nachziehen und dann in den großen Wettstreit um den Nordpol einsteigen. Wobei das Wort "Wettstreit" einen wichtigen Aspekt ausblendet. In einem zentralen Punkt sind sich die fünf Arktisstaaten nämlich einig: Sie wollen das Eismeer unter sich aufteilen. In Frage gestellt wird dieses Prinzip derzeit vor allem von Nichtregierungsorganisationen, etwa von Greenpeace. Sie warnen, der Wettstreit um die Ressourcen im Eis sei eine fatale Fehlentwicklung und gefährde das Ökosystem am Nordpol. Eigentlich, so ihr Argument, sei das Gebiet Eigentum der gesamten Menschheit - und sollte deshalb zu einer internationalen Schutzzone erklärt werden. So wie man das im Antarktisabkommen mit dem Polargebiet im Süden getan hat. Am Südpol dürfen keine Rohstoffe ausgebeutet werden.

Es gibt gute Argumente gegen die Idee einer internationalen Schutzzone.

  • Die Situation am Nordpol ist anders als Südpol: Die Arktis ist anders als die Antarktis zum Teil besiedelt, wirtschaftliche Nutzung findet dort schon lange statt. Man könnte sie nicht einfach stoppen, ohne zum Beispiel die Entwicklungschancen indigener Völker zu beschneiden. Außerdem gibt es vereinzelt Schifffahrtsrouten durchs Eismeer.
  • All das muss kontrolliert und geschützt werden, und dazu braucht es klare Zuständigkeiten, die bei der Aufteilung des Gebietes unter den Staaten gegeben wäre. Aber wer sollte eine internationale Schutzzone dieser Größe sichern?

Trotz dieser Einwände: Der Vorschlag der Umweltschützer verdient mehr Beachtung. Denn der "Wettlauf um die Arktis", den die Anrainerstaaten seit Jahren betreiben, ist in mehrfacher Hinsicht absurd.

  • Erstens widerspricht das Vorhaben, in der Arktis große Mengen fossiler Brennstoffe zu fördern, den Klimaschutzbestrebungen. Statt immer neue Öl- und Gasquellen zu suchen, wäre es besser, auf alternative Energien zu setzen, so das Argument der Umweltschützer.
  • Zweitens wird beim Wettstreit um die Arktis um etwas gestritten, was es bis jetzt nur auf dem Papier gibt. Die Staaten verteilen das Fell nicht nur, bevor der Bär erlegt ist. Sie wissen außerdem noch nicht mal genau, ob es sich um einen großen Eisbären oder eher um einen Teddy handelt. Bislang basieren alle Zahlen zu den angeblich gigantischen Rohstoffvorkommen nämlich nur auf Schätzungen. Ob die zutreffen, muss man erst sehen.
  • Drittens: Selbst wenn unter dem Eis große Öl- und Gasreserven schlummern, ist noch nicht sicher, ob sich die Förderung lohnt. Die Technologie für arktische Ölabenteuer muss erst noch entwickelt werden. Sicher ist schon jetzt: Sie wird sehr teuer sein. Derzeit erscheinen Alternativen wie Fracking als lohnendere Alternative.

Die vielen Fragezeichen sind letztlich eine gute Nachricht. Solange in der Arktis nur um potenzielle Reichtümer und nicht um echtes Geld gestritten wird, bietet die Region nur sehr begrenzten Stoff für gefährliche Konflikte zwischen den Staaten, die aus dem diplomatischen Spiel kriegerischen Ernst machen könnten. Außerdem: Solange der große Wettlauf zum Nordpol nur mit Geodaten und Juristen, nicht aber mit Bohrplattformen und Tankern ausgetragen wird, bleibt der arktischen Natur noch eine Schonfrist. Nicht nur die fünf Anrainerstaaten, auch die anderen Länder der Welt sollten diese Frist nutzen, um gemeinsam eine Lösung zu finden, die möglichst alle Interessen - die wirtschaftlichen wie auch die ökologischen - in Einklang bringt. Damit eine der letzten unberührten Gegenden der Erde wenigsten zum Teil erhalten werden kann.

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