Süddeutsche Zeitung

Rumänien:Unbemannte Flugobjekte

Lesezeit: 3 min

In Rumänien und Kroatien stürzen russische Drohnen ab. Eine Provokation? Wichtiger ist die Frage: Warum konnten sie so weit in den Luftraum der Nato eindringen?

Von Tobias Zick, München

Es sah ein bisschen aus wie ein Spielzeug, was Kinder in einem Dorf namens Răchițele im Nordwesten von Rumänien am Sonntagabend fanden. Zwei Tragflächen mit gut einen Meter Spannweite, ein Propeller, ein paar Kabel. Doch die Sicherheitsbehörden, die das Fluggerät später unter die Lupe nahmen, identifizierten es als Überwachungsdrohne, Typ Orlan-10, russisches Fabrikat. "Keine besonders große Drohne", erklärte Rumäniens Verteidigungsminister Vasile Dîncu am Montagabend, und Sprengstoff habe sie auch nicht an Bord gehabt.

Man habe mit den Behörden in der benachbarten Ukraine Kontakt aufgenommen, so der Minister, um herauszufinden, von wo aus genau das Flugobjekt gestartet war und wer es auf rumänisches Territorium gesteuert hatte. Einen Verdacht äußerte Dîncu jedenfalls schon: Es sei nicht auszuschließen, dass der Drohnenabsturz von Russland gezielt eingesetzt worden sei, als Teil einer Kampagne, "um Nachbarländer von einer Unterstützung der Ukraine abzubringen": Schließlich sei es ein bekanntes Ziel "russischer Propaganda, Solidarität zu zerstören und die Menschen in dieser Region in Angst zu versetzen".

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Die Schockwellen des Krieges sind ohnehin längst spürbar in Rumänien, dem südlichen Nachbarland, das mit der Ukraine mehr als 600 Kilometer gemeinsame Grenze hat. Selbst aus der weit im Süden gelegenen Hauptstadt Bukarest gibt es Berichte von Menschen, die sich Notfallrucksäcke packen und Pläne schmieden, wohin sie im Ernstfall fliehen würden. Die Zahl der Anträge auf Reisepässe bei den zuständigen Behörden ist zuletzt in die Höhe geschnellt.

Das Misstrauen gegenüber Moskau ist in Rumänien traditionell viel ausgeprägter als in den Nachbarländern Bulgarien und Serbien, die sprachlich, kulturell und politisch eine größere Nähe zu Russland pflegen. In ihrer nationalen Verteidigungsstrategie von 2020 hat die Regierung in Bukarest mögliche "Aggressionen" und "Verletzungen internationalen Rechts" durch Moskau unter den größten Sicherheitsrisiken gelistet.

Vergangene Woche war US-Vizepräsidentin Harris in Bukarest

Und in der jetzigen Krise bekennt sich Rumänien unzweideutig zu seinem Status als Nato-Mitglied - und wird von den Partnern in dem Verteidigungsbündnis, angesichts seiner Nachbarschaft zur Ukraine und auch seiner Schwarzmeerküste, als strategisch wichtiger Posten an der Ostflanke entsprechend aufgerüstet. Vergangene Woche war die US-Vizepräsidentin Kamala Harris in Bukarest zu Besuch und sagte: "Wir werden jeden Zoll an Nato-Boden verteidigen, und ich bin hier, um diese Verpflichtung zu bekräftigen." Man nehme Artikel 5 des Abkommens ernst, so Harris: "Der Angriff gegen einen ist ein Angriff gegen alle."

Zu den bereits im Land stationierten 1000 US-Soldaten sollen weitere 1000 hinzukommen, zudem schicken die USA zusätzliche Kampfjets und Abfangjäger sowie ein Raketenabwehrsystem. Unter französischer Führung baut die Nato in Rumänien eine neue multinationale Kampftruppe auf, Frankreich und Belgien verstärken ihre Truppen im Land, Deutschland und Italien sichern mit zusätzlichen Eurofightern den rumänischen Luftraum. Rumäniens Präsident Klaus Iohannis sagte an der Seite der US-Vizepräsidentin, er sei "dankbar für diese unerschütterlichen Sicherheitsgarantien"; deretwegen könne "jeder rumänische Bürger ruhig schlafen, ohne sich um seine Sicherheit und die seiner Familie sorgen zu müssen".

Andererseits ist es gerade diese eindeutige Positionierung als Frontstaat, die manchen Rumänen unruhige Nächte beschert. Russland hat zudem erklärt, es betrachte jene Länder, durch die Militärhilfe an die ukrainische Armee geliefert wird, als Kriegsteilnehmer. Ukrainische Kampfjets seien in Rumänien auf einer Nato-Basis gelandet, hieß es vergangene Woche aus dem Moskauer Verteidigungsministerium; dort seien sie versorgt worden und anschließend zurückgeflogen, um gegen russische Truppen zu kämpfen; aus Moskauer Sicht ein "Kriegsakt".

Auch in Kroatien ist eine Drohne abgestürzt

Dass also die im Dorf Răchițele abgestürzte Aufklärungsdrohne ein Instrument russischer Provokationen gewesen wäre, um die Reaktionen an der Nato-Ostflanke auszutesten, erschiene in dem Kontext durchaus als plausibel - zumal auch in Kroatien vergangene Woche eine Drohne abgestürzt war, in der Nähe eines Studentenwohnheims in der Hauptstadt Zagreb. In dem Fall war es ein wesentlich größeres Modell, sowjetische Bauart, 14 Meter lang und sechs Tonnen schwer; nach Aussage von Zagrebs Bürgermeister Tomislav Tomašević sei es "ein Wunder, dass niemand verletzt wurde". Dem Verteidigungsministerium zufolge wurden am Absturzort Spuren von Sprengstoff gefunden, wobei unklar blieb, ob die Drohne bewaffnet war, wie die Behörden zunächst erklärt hatten, oder vielmehr mit einem Selbstzerstörungsmechanismus ausgestattet war.

Ebenso unklar war, ob die Drohne, die offenbar aus der Ukraine kam, von ukrainischen oder russischen Truppen lanciert worden war. Kroatiens Premierminister Andrej Plenković äußerte sich jedenfalls irritiert darüber, dass die Drohne auf ihrem Weg nach Zagreb offenbar zwei andere Nato-Länder - Rumänien und Ungarn - überfliegen konnte. Das Verteidigungsministerium in Bukarest erklärte dazu, man habe das Objekt bei seinem etwa dreiminütigen Überflug über rumänisches Territorium zwar geortet, doch die "hohe Geschwindigkeit und die niedrige Flughöhe" habe es in Verbindung mit den Wetterbedingungen unmöglich gemacht, weitere Maßnahmen zur Identifizierung einzuleiten.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagt am Dienstag in Brüssel, bisherigen Ermittlungen zufolge sei die Drohne vom Kurs abgekommen und dann mangels Treibstoffs abgestürzt. Der Vorfall zeige, wie wichtig es sei, den Informationsaustausch zwischen den Verbündeten zu verbessern und mehr in Radar- und Luftabwehrsysteme zu investieren.

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