Rüstungsindustrie Die Kolumbien-Connection des Sig-Sauer-Chefs

Waffen von Sig Sauer hat auch Frankreichs Gendarmarie - ganz legal.

(Foto: Jack Guez/AFP)
  • Der Chef der US-Niederlassung des deutschen Waffenherstellers Sig Sauer ist verhaftet und aufgrund einer Kaution von mehreren Millionen Euro wieder freigelassen worden.
  • Das Landgericht Kiel wollte verhindern, dass sich der in den USA lebende Rüstungsmanager Ron Cohen einem Prozess gegen ihn und vier weitere Sig-Sauer-Verantwortliche entzieht.
  • Die Staatsanwaltschaft Kiel hat Anklage erhoben und wirft den Beklagten vor, mehr als 30 000 Pistolen ohne entsprechende Genehmigung zunächst in die USA und von dort nach Kolumbien geliefert zu haben.
Von Volkmar Kabisch, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer

Bei der Einreise am Flughafen Frankfurt klickten die Handschellen: Ron Cohen, Chef der US-Niederlassung des ältesten deutschen Waffenkonzerns Sig Sauer, wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft Kiel verhaftet. Gegen den 57-jährigen Waffenhändler bestand seit August 2018 ein europaweit ausgeschriebener Haftbefehl.

Eine Sprecherin des Landgerichts Kiel bestätigte, dass ein Sig-Sauer-Manager Mitte Oktober verhaftet und anschließend nach Kiel überstellt worden sei. Ende Oktober soll der Mann, bei dem es sich nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung um Ron Cohen handelt, dann aus der Untersuchungshaft entlassen worden sein und dafür eine Kaution in Höhe von mehreren Millionen Euro als Sicherheitsleistung hinterlegt haben.

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Das Landgericht Kiel wollte verhindern, dass sich der in den USA lebende Rüstungsmanager einem Prozess gegen ihn und vier weitere Sig-Sauer-Verantwortliche entzieht. Wann und ob es zu dem Prozess kommen wird, ist weiter unklar. Derzeit ist das Hauptverfahren gegen Cohen sowie die beiden in Deutschland lebenden Eigentümer der Sig-Sauer Gruppe, Michael Lüke und Thomas Ortmeier, und weitere Verantwortliche noch nicht eröffnet.

Zeitweise bestand gegen Sig Sauer aufgrund der Affäre sogar ein Exportstopp

Die Staatsanwaltschaft Kiel hat im April dieses Jahres Anklage erhoben und wirft den Beklagten vor, mehr als 30 000 Pistolen ohne entsprechende Genehmigung zunächst in die USA und von dort ins damalige Bürgerkriegsland Kolumbien geliefert zu haben. Dabei handele es sich um einen Verstoß gegen die Außenwirtschaftsverordnung, die mit Haftstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe geahndet würde. Die Pistolen vom Typ SP 2022 werden heute von der kolumbianischen Nationalpolizei eingesetzt. Der Anklage waren jahrelange Ermittlungen und mehrere Durchsuchungen bei Sig Sauer und in Privaträumen vorausgegangen.

Im Sommer 2014 hatten NDR, WDR und SZ berichtet, dass Tausende Sig-Sauer-Pistolen ohne behördliche Genehmigung nach Kolumbien gelangt waren, und der Skandal nahm seinen Lauf. Aufgrund der Berichterstattung nahm die Staatsanwaltschaft Kiel die Ermittlungen wegen jener Lieferungen auf. In Zusammenarbeit mit Behörden aus den USA und Kolumbien rekonstruierten Zollfahnder, wie und für welche Pistolen die Genehmigungsbehörden offenbar wissentlich über den wahren Bestimmungsort getäuscht worden waren. Denn genehmigt waren ausschließlich Lieferungen für den US-Markt - nicht aber für einen Weitertransport nach Kolumbien. Gegenstand der Berichterstattung damals war auch, dass hochrangigen Managern bei Sig Sauer sehr wohl bewusst war, für welches Zielland die Waffen letztendlich bestimmt waren. Zeitweise bestand gegen Sig Sauer aufgrund der Affäre sogar ein Exportstopp, der inzwischen wieder aufgehoben wurde.

Der nun im Fokus stehende Ron Cohen nahm bei der Lieferung als Geschäftsführer der US-Niederlassung Sig Sauer Inc. eine Schlüsselrolle ein. Denn mit dem US-Schwesterunternehmen bestand ein Vertrag des amerikanischen Militärs zur Ausrüstung der befreundeten kolumbianischen Polizei mit Sig-Sauer-Pistolen. Cohens Anwalt wollte sich auf eine kurzfristige Anfrage zum Vorfall nicht äußern.

Ein Sprecher von Sig Sauer sagte im April dieses Jahres zur Anklage der Staatsanwaltschaft Kiel, man habe die Waffen auf Basis eines Rahmenvertrags an die US-Regierung geliefert, die wiederum mit der kolumbianischen Polizei zusammengearbeitet habe. "Nach wie vor sind wir fest davon überzeugt, dass unsere Ausfuhren in die USA stets rechtskonform erfolgten", versicherte er weiter.

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