G36 bei der Bundeswehr:Gewehr mit zu viel Kunststoff

A WOMAN SOLDIER CARRYING A  G36 ASSAULT RIFLE AT ATRAINING CAMP  IN DUELMEN

Nicht immer zufriedenstellend: Das Sturmgewehr G36

(Foto: REUTERS)
  • In der Krisenregion Kundus klagten Soldaten, dass die Munition des G36 nicht durchschlagend sei und die Zielgenauigkeit über mittlere Distanz rasch nachlasse.
  • Eine systematische Auswertung der benannten Mängel erfolgte nicht.
  • Hersteller Heckler&Koch widerspricht den Vorwürfen.
  • Die Bauweise des G36 gilt als einfach, das Gewehr lässt sich leicht zerlegen und warten. Bei den Auslandseinsätzen vom Balkan bis zum Hindukusch waren die meisten Soldaten damit ausgerüstet.

Von Joachim Käppner

Soldaten vieler Nationen waren bis Ende 2014 auf dem großen Nato-Stützpunkt von Masar-i-Sharif stationiert, dem deutsch geführten Nato-Hauptquartier für Nordafghanistan. Zum Beispiel die Mongolen, die eine Weile lang auf Respekt gebietende Weise die Zugangskontrolle übernahmen.

Diese Nachfahren eines kriegerischen Weltreichs trugen ein älteres Schnellfeuergewehr, das robuste deutsche G3, keine Elektronik, viel Metall. Zur Zeit des Kalten Krieges war es, seit 1959, die Standardwaffe der Bundeswehr und vieler anderer Armeen. Es konnte vorkommen, dass deutsche Soldaten bei der Rückkehr nach Masar ihre mongolischen Partner mit einem Anflug von Neid betrachteten: Diese verfügten, wie ein Offizier sagte, "noch über ein richtiges Gewehr".

Es gab mehrmals Beschwerden

Die Deutschen sind dagegen mit dem neueren G36 ausgerüstet. Im Einsatz - etwa bei Feuergefechten in Hinterhalten der Taliban - gab es mehrmals Beschwerden über diese Waffe, die für solche Szenarien nicht gebaut worden sei. In der Krisenregion Kundus, wo es besonders zwischen 2008 und 2011 zu Überfällen durch islamistische Aufständische kam, klagten Soldaten, dass die Munition nicht durchschlagend sei und die Zielgenauigkeit über mittlere Distanz rasch nachlasse. Eine systematische Auswertung erfolgte nicht.

Bei nicht wenigen in der Truppe stand das G36 aber im Ruf, nicht zuverlässig genug und zu störanfällig zu sein. Genau das hat sich jetzt de facto erwiesen. Das Infanteriegewehr der Bundeswehr schießt bei hohen Temperaturen nicht mehr präzise, erst recht, wenn es etwa bei einem Feuergefecht heiß wird.

Die Bundeswehr führte das G36 als Nachfolger des G3 ab Mitte der Neunzigerjahre ein. Das neue Gewehr war leichter, enthielt weniger Metall, dafür glasfaserverstärkten Kunststoff und je nach Variante viel Elektronik wie ein Reflexvisier, ein optisches Visier sowie eine Nachtsichtoptik. Derlei erlaube den Soldaten, so die Bundeswehr in ihrer offiziellen Darstellung, "überraschend auftauchende Ziele reaktionsschnell in kürzester Zeit sicher zu bekämpfen sowie Ziele in größerer Entfernung mit hoher Treffsicherheit auszuschalten".

Leichte Bauweise - einfach zu warten

Das fest montierte Visier wurde schon früher bemängelt, da es verhältnismäßig leicht verkratzt oder beschädigt werden kann. Trotzdem gilt die Bauweise als einfach, das Gewehr lässt sich leicht zerlegen und warten. Bei den Auslandseinsätzen vom Balkan bis zum Hindukusch waren die meisten Soldaten damit ausgerüstet.

Es wird außerdem in vielen weiteren Streitkräften weltweit benutzt, neuerdings auch bei den kurdischen Peschmerga im Nordirak. Deren Kämpfer unterstützt die Bundeswehr mit Waffen und Ausbildern gegen die IS-Terrormilizen.

Der Hersteller Heckler&Koch teilte am Montagabend mit, die Vorwürfe deckten sich nicht mit eigenen Prüfungen. Man erkenne "keine durch die Bundeswehr ermittelten Negativergebnisse zum G36 an, die sich auf eine vermeintlich fehlende Tauglichkeit des Sturmgewehrs zum vorgesehenen Gebrauch beziehen".

© SZ vom 31.03.2015/anri
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