Rückschau:Das Jahr 2015: Gar nicht so schlecht

Das Jahr 2015 wirkt auf viele sehr düster, als eine Zeit der Kriege, des Terrors und der Angst. Dabei vergisst man schnell, dass sich auch vieles zum Guten gewendet hat.

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München heißt willkommen

Flüchtlinge kommen aus Ungarn am HBF München an

Quelle: Florian Peljak

Als die Polizei via Twitter die Bürger bittet, doch keine Hilfsgüter mehr zu bringen, weil genügend vorrätig sei an Wasser und Windeln und Süßigkeiten, da ist der Münchner Hauptbahnhof schon von einer simplen Zugstation zum Symbol geworden. Zum Ort des warmen Willkommens für Zehntausende Flüchtlinge, die allein Anfang September hier ankommen. Die viel Kälte erlebt haben auf der Route über den Balkan, und jetzt mit Applaus empfangen werden. "Welcome" steht auf einem Plakat. "Thank you Germany!", rufen die Ankommenden. Hunderte Freiwillige organisieren sich selbst, reichen den erschöpften Menschen Tee und Brot, die Behörden lernen das Improvisieren, und die Linken von der Antifa arbeiten Hand in Hand mit der Polizei. Die hat die Devise "Wasserflaschen statt Wasserwerfer" ausgeben. Ein junger Beamter setzt einem Flüchtlingsjungen seine grüne Polizistenmütze auf, beide strahlen sich an; das Foto dieser Szene geht um die Welt. Es geschieht Weltbewegendes, im Wortsinne, rund um den Hauptbahnhof. Die Stadt steigert sich in einen Rausch der Solidarität. Helfen macht glücklich. Bernd Kastner

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Atomwaffenfreies Iran

Everyday life in Iran

Quelle: dpa

Mehr als einmal war der Konflikt um das iranische Atomprogramm bis an den Rand eines Krieges eskaliert. Am 14. Juli wurde er in Wien durch ein Abkommen zwischen der Islamischen Republik und den fünf UN-Vetomächten sowie Deutschland (P5+1) nach 13 Jahren beigelegt. Es sieht strikte Begrenzungen für die iranische Atomindustrie vor, die verhindern sollen, dass Teheran sich Atomwaffen verschaffen kann; das Land hatte mindestens bis ins Jahr 2003 an deren Entwicklung gearbeitet. Ermöglicht wurde dieser Sieg der Diplomatie durch die strikten Wirtschaftssanktionen des Westens gegen Iran - und durch den Erfolg des moderaten Klerikers Hassan Rohani bei den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2013 in Iran. Er war mit dem Versprechen angetreten, die Aufhebung der Sanktionen zu erreichen. Sein Außenminister Mohammad Dschawad Sarif erhielt ein Mandat für ernsthafte Verhandlungen und baute trotz des feindseligen Verhältnisses zu den USA Vertrauen zu seinem US-Kollegen John Kerry auf. Im Frühjahr sollen die ersten Sanktionen gegen Iran ausgesetzt werden. Paul-Anton Krüger

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Dynamo Dresden

Dynamo-Fans rollen Europas größte Blockfahne aus

Quelle: Ruben Gläser/dpa

Die Erinnerung und die Archive besagen, dass Dynamo Dresden bis vor Kurzem wirklich dieser überschuldete Ronny-Verein war, für dessen Trainer man besser gleich Halbjahresverträge geschlossen hätte und dessen Nachlatscher den Sitzschalen im Stadion regelmäßig Flugunterricht gaben. Nun ist zu vermelden: Der Verein hat ein 15 Jahre altes Darlehen getilgt und will im Sommer schuldenfrei sein. Der Verein führt die Tabelle der 3. Liga mit elf Punkten Vorsprung an, nur ein Spiel ging bislang verloren. Der Verein erreichte zuletzt im Schnitt 27 500 Zuschauer - und festigt damit Platz eins im natürlich völlig egalen Vergleich unter Europas Drittligisten. Unter den Zuschauern waren es übrigens die Ultras, die das schönste neue Gewand von Dynamo schneiderten. Mehr als zwei Jahre lang nähten sie mit mehr als 70 Kilometern Garn an der größten Blockfahne Europas, am 31. Oktober wurde diese im Stadion aufgezogen - 35 Meter hoch, 350 Meter lang. An diesem Tag gab es auch eine der wenigen schlechten Dynamo-Nachrichten in diesem Jahr: Acht Nähmaschinen ließen bei der Produktion der Fahne ihr Leben. Cornelius Pollmer

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Grundreinigung im Fußball

Extraordinary FIFA Executive Committee Meeting

Quelle: Getty Images

Die zwei bedeutendsten Ämter im Fußball? Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Und Präsident der Europäischen Fußball-Union Uefa. Der Fifa stand seit 1998 der Schweizer Joseph "Sepp" Blatter vor, der Uefa seit 2007 der Franzose Michel Platini. Beide Ären endeten am 21. Dezember dieses Jahres. Die hauseigene Ethikkommission der Fifa befand: Die beiden obersten Fußball-Führer haben foul gespielt. Platini hatte im Februar 2011 von Blatter zwei Millionen Schweizer Franken erhalten. Blatter und Platini hatten unisono behauptet, das Geld sei für Leistungen geflossen, die der Uefa-Chef dem Fifa-Chef zwischen Januar 1999 und Juni 2002 erbracht habe - also viele Jahre zuvor. Die Ethikrichter um den deutschen Vorsitzenden Hans-Joachim Eckert fanden das nicht überzeugend. Sie sperrten "Blattini" für jeweils acht Jahre. So lange dürfen die beiden kein Amt begleiten. Noch nicht einmal ein Stadion dürfen sie offiziell besuchen. Rot für die obersten Fußball-Chefs. Von den von ihnen selbst berufenen Schiedsrichtern. Deutlicher lässt sich nicht zeigen, wie tief der Sport in der Korruption versunken ist. René Hofmann

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Demokratie für Myanmar

AFP PICTURES OF THE YEAR 2015

Quelle: AFP

Es gab in diesem Land eine unverrückbare Gewissheit: Hier ändert sich nie etwas. Jahr für Jahr regierten die Generäle Myanmar mit eiserner Hand, sperrten die größte Gefahr für ihr Regime weg: Aung San Suu Kyi, unbeugsame Kämpferin gegen die Junta, Friedensnobelpreisträgerin, Hoffnungsträgerin einer ganzen Nation. Das Jahr 2015 hat endgültig unter Beweis gestellt, dass auch im einstigen Pariastaat der Wandel möglich ist. Mutige Schritte in diese Richtung hatte es schon gegeben, doch nun hat Aung San Suu Kyis Partei bei den Wahlen einen triumphalen Sieg errungen. Und dieser Sieg wird ihr nicht weggenommen wie es schon einmal passiert ist. Präsident und Ex-General Thein Sein gibt sich als fairer Verlierer und will den Übergang ermöglichen. Reibungslos ist das nicht, die Regierungsübernahme wird noch einige Monate dauern und die "Lady", wie ihre Landsleute Aung San Suu Kyi nennen, darf offiziell nicht Präsidentin werden. Die alten Kräfte sind ebenfalls noch Teil des politischen Systems, doch Myanmar hat trotzdem etwas bemerkenswertes geleistet: unverrückbare Gewissheiten abgeschafft. Tobias Matern

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Ebola besiegt

Ebola in Liberia

Quelle: dpa

Wenn eine Seuche mehr als 11 000 Menschen getötet hat, ist das kein Anlass zum Feiern. Doch vor gut einem Jahr erschien die Situation in Westafrika noch sehr viel dramatischer. Experten gingen davon aus, dass Ebola mehr als eine Million Opfer fordern würde. Und jetzt, im Dezember 2015, ist die Epidemie tatsächlich vorbei. Es hatte lange gedauert, bis sich die Nationen zur gemeinsamen Hilfe für Guinea, Liberia und Sierra Leone aufraffen konnten. Aber sie haben es geschafft. Am vergangenen Dienstag gab die Weltgesundheitsorganisation bekannt, dass die Infektionskette nun auch in Guinea, dem letzten der drei Länder, unterbrochen ist. Das hätte vor 12 Monaten niemand zu hoffen gewagt. Auch ein Schutz vor dem gefährlichen Virus erschien fast unerreichbar. Normalerweise dauert es zehn Jahre, so ein Mittel zu entwickeln. Die nötigen Tests sind langwierig. Im Fall von Ebola wuchsen alle Beteiligten über sich hinaus. Seit Juli gibt es einen Impfstoff. Und obwohl er die Opfer der Seuche nicht wieder lebendig macht: In Zukunft kann er viele Menschen vor einer tödlichen Krankheit schützen. Kathrin Zinkant

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Kubas neue Normalität

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Quelle: Yamil Lage/AFP

Zweimal im Jahr tritt Kubas Präsident Raúl Castro vor die Nationalversammlung in Havanna. Am Dienstag war es wieder so weit, Castro zog Bilanz des Jahres, und die fiel positiv aus. Kuba habe sich vor der Welt neu positioniert, sagt er, und werde auf diesem Weg weitergehen. Fast genau ein Jahr ist es her, dass er und US-Präsident Barack Obama verkündeten, die Beziehungen ihrer Länder werde sich nun normalisieren. "Normal" war in den fünfzig Jahren davor Blockade, Abschottung und erbitterte ideologische Feindschaft. So was überwindet man nicht in 365 Tagen. Doch es ist 2015 nicht bei der Ankündigung geblieben. In Rekordzeit wurde die Wiederaufnahme von Telefonverbindungen und des Postverkehrs vereinbart, auch direkte Linienflüge von den USA nach Havanna sind wieder möglich, Reisen wird leichter. Die wichtigste Geste aber war die Wiedereröffnung von Botschaften in Washington und Havanna. In Kuba freuen sich die meisten Menschen über diese neue Normalität, denn fast jede Familie hat Verwandte in den USA. Sebastian Schoepp

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Weniger Kindersterblichkeit

Millenniums-Entwicklungsziele laufen in einem Jahr aus

Quelle: SOS-Kinderdörfer weltweit/Hermann-Gmeiner-Fonds

Der Tod eines kleinen Kindes ist das Schlimmste, was Eltern erleben können. Noch im Jahr 1990 ereilte dieses Schicksal 12,7 Millionen Väter und Mütter auf der ganzen Welt. Und in den meisten Fällen wäre der Verlust nicht unabwendbar gewesen: Bis heute zählen Unterernährung, vermeidbare Krankheiten und Versorgungsmängel zu den häufigsten Todesursachen kleiner Kinder und Säuglinge. Zur Jahrtausendwende setzten sich die Vereinten Nationen daher ein Ziel. Sie wollten den Anteil der Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben, bis zum Jahr 2015 um zwei Drittel gegenüber 1990 senken. Im vergangenen September wurde die Bilanz bekannt: Die Todesziffer ist unter den Kleinsten tatsächlich um mehr als die Hälfte auf 5,9 Millionen gesunken. Das heißt, dass heute fast sieben Millionen Kindern ein vorzeitiger Tod erspart bleibt. Und ihren Eltern der Schmerz. Das entspricht zwar noch nicht ganz dem gesteckten Ziel. Doch ein Detail der Statistik gibt Anlass zur Hoffnung: Die Zahl der kleinkindlichen Opfer nimmt immer schneller ab. Kathrin Zinkant

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Guter Weltklimagipfel

French President Francois Hollande and UN Secretary-General Ban Ki-moon react during the final plenary session at the World Climate Change Conference 2015 (COP21) at Le Bourget

Quelle: Stephane Mahe/Reuters

Zwanzig Jahre lang hatten Weltklimagipfel ihre eigene Dynamik. Dem einen Staat schmeckte dieses nicht, dem anderen jenes - und meistens einigten sich am Ende alle darauf, sowohl auf dieses als auch auf jenes einfach zu verzichten. So wurde der kleinste gemeinsame Nenner zum Schrittmacher der Klimapolitik - bis zur Konferenz Nummer 21, in Paris. Nach langen Vorbereitungen vereinbarten die Staaten erstmals einen Klimavertrag jenseits der Einzelinteressen - in der Einsicht, dass sich das Großproblem Klimawandel nur durch Kooperation lösen lässt. Damit liegen alle Werkzeuge bereit, den Ausstoß an Treibhausgasen einzudämmen. Ob sich alle daran halten, bleibt dahingestellt. Nur wird, wer die Atmosphäre weiter belastet, ab sofort vertragsbrüchig: Das macht Druck. Eine entscheidende Rolle bei diesem Erfolg spielte ein kleiner grüner Holzhammer. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius ließ ihn in letzter Minute fallen und besiegelte den Vertrag. Unter den versammelten Staaten regten sich da erste Widerworte. Michael Bauchmüller

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Die Kraft von Frau Reker

Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Quelle: dpa

Die Gewinner, sie danken normalerweise den Wahlhelfern, den Sonnenschirmen an den Wahlkampfständen in der Fußgängerzone und dann noch ihrer Partei. Henriette Reker dachte erst einmal nur an sich selbst, als ihr klar wurde, dass sie zur neuen Oberbürgermeisterin von Köln gewählt worden war. "Ich fand das schön, aber nicht spektakulär, ich hatte so viel mit mir selbst zu tun." Reker wachte erst Tage nach der Wahl aus dem Koma auf, zur Amtseinführung konnte sie die schwere Kette nicht tragen, wegen der Wunde am Hals, die ihr ein rechtsradikaler Attentäter zugefügt hatte. Er wollte sie töten. Reker überlebte, sie ist eine zierliche Frau, die nach dem Attentat aber ein paar sehr erstaunliche Auftritte hingelegt hat, die größer wirkt als davor. "Die Gewalt von außen hat meine Werte und Geschlossenheit noch gefestigt." Köln hatte viel Pech mit seinen Oberbürgermeistern in den vergangenen Jahren, der eines starb nach ein paar Monaten, beim anderen war bald klar, dass das alles etwas zu viel sein könnte. Reker wird nun vieles zugetraut. Bernd Dörries

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