Rückkehr in die Klassen nach Corona:Sachsen geht bei der Schulöffnung aufs Ganze

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Von diesem Montag an wieder in voller Besetzung: Leeres Klassenzimmer in einer geschlossenen Schule in Sachsen. (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Die Regierung in Dresden öffnet Kitas und Grundschulen ohne Mindestabstand - nicht trotz, sondern wegen der Hygienevorschriften. Kann das Massenexperiment ein Vorbild für andere Länder sein?

Von Paul Munzinger, München

Niemand kann erwarten, dass kleine Kinder sich an strenge Abstandsregeln halten - darüber herrscht selbst im föderalen Deutschland Einigkeit. Und die große Mehrheit der Bundesländer ist sich auch einig darin, dass Kitas und Grundschulen aus diesem Grund besonders vorsichtig wieder geöffnet werden müssen, Schritt für Schritt. Ein Land aber zieht eine ganz andere Schlussfolgerung: Sachsen. Dort öffnen an diesem Montag Kitas und Grundschulen wieder ihre Türen, für alle Kinder, jeden Tag. Und zwar nicht trotz der besonderen Schwierigkeit, Hygienevorschriften in diesen Einrichtungen durchzusetzen, sondern deswegen.

Bei jüngeren Kindern, sagte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) vergangene Woche in einem Interview mit dem Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda, ließen sich Abstandsregeln "de facto nicht realisieren, so ehrlich sollte man dann schon sein". Die Politik habe daher zwei Möglichkeiten: Entweder sie verzichtet auf die Kita-Betreuung und weitgehend auf den Unterricht an den Grundschulen - und zwar womöglich noch für lange Zeit. Oder sie verzichtet auf die Abstandsregeln. So macht es Sachsen.

Die Grundschüler lernen von Montag an in ihrer normalen Klasse, Kitakinder gehen in ihre normale Gruppe. Es wird nicht geteilt oder gestaffelt, es gibt weder Mindestabstand noch Maskenpflicht. Die Gruppen sollen strikt voneinander ferngehalten werden, etwa durch zeitlich versetzte Pausen. Eltern müssen täglich schriftlich versichern, dass weder bei ihrem Kind noch bei anderen Personen im Haushalt Covid-19-Symptome vorliegen.

Von diesem Kurs will die sächsische Landesregierung sich nicht abbringen lassen - weder von dem heftigen Widerstand vieler Lehrer und Eltern, noch von einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Leipzig. Das Gericht hatte den Eltern eines 7-jährigen Grundschülers aus Leipzig Recht gegeben, die per Eilantrag gegen die Wiederöffnung der Schule ohne den Mindestabstand von 1,5 Metern vorgegangen waren. Das Kultusministerium verkündete daraufhin am Samstag, dass Eltern selbst entscheiden können, ob ihre Kinder in der Schule oder zu Hause lernen. Am sächsischen Konzept aber "wird festgehalten".

Piwarz begründet die radikale Öffnung mit dem Wohl der Kinder. Sie dürften "in der Krise nicht unter die Räder kommen". Kleinere Kinder leiden laut Experten besonders darunter, dass Schulen und Kitas geschlossen sind. Sie benötigen die Betreuung dringender als ältere Schüler, digitaler Unterricht ist bei ihnen nur eingeschränkt möglich. Das betonen auch die Koalitionspartner der CDU in Sachsen. Die Grünen sprechen von einem "wichtigen Schritt für mehr Bildungsgerechtigkeit", weil die Coronakrise "vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien" treffe. Die SPD lobt die Maßnahme als große Erleichterung für Eltern, gerade Alleinerziehende.

Die Gewerkschaft der Lehrer protestiert heftig gegen die Öffnung

Doch der sächsische Sonderweg ist, das weiß auch Piwarz, ein medizinisches wie politisches Wagnis. Es basiert auf der keineswegs unstrittigen Annahme, dass Kinder nicht nur weniger schwer an Covid-19 erkranken, sondern das Virus auch kaum weitertragen. Die sächsische Regierung beruft sich in dieser Einschätzung auf den Infektiologen Reinhard Berner von der TU Dresden. Andere Wissenschaftler halten sich dagegen auffallend zurück mit einer Bewertung der Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen. Darauf weist auch die sächsische Linke hin, die Piwarz ein "Spiel mit dem Feuer" vorwirft.

Heftiger Gegenwind schlägt dem Kultusminister auch von Lehrern und Erziehern entgegen. Von "Unverständnis, Wut und Angst" spricht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen. Auf ihrer Homepage veröffentlicht sie Protestnoten von Lehrern und Erziehern, von einer "groben Verletzung der Fürsorgepflicht" ist dort die Rede, von einem "Massenexperiment". Das sächsische Konzept gehe zu schnell zu weit, sagt die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse, und werde deshalb "an der konkreten Umsetzung scheitern". Es gebe nicht genügend Räume, um die Gruppen zu trennen, und nicht genügend Personal. Über 60-jährige Lehrer, auch das kritisiert die GEW, müssen künftig Vorerkrankungen durch ein Attest belegen; bislang wurden sie auf Wunsch vom Unterricht in der Klasse freigestellt.

Und selbst diejenigen, die vom Öffnungskurs profitieren sollen, tragen ihn nicht unbedingt mit: die Eltern. "Wir bringen unseren Kindern seit Wochen bei, dass sie Abstand halten sollen", sagt Nadine Eichhorn, Vizevorsitzende des Landeselternrats. "Und jetzt plötzlich sollen wir ihnen sagen: In der Kita und der Schule ist das egal?" Am Samstag formulierte der Landeselternrat seinen Protest in einer Mitteilung. Dass es dafür mehr als eine Woche brauchte - den neuen Kurs verkündete Piwarz am 8. Mai -, zeigt aber, dass die Meinungen auch unter den Eltern auseinandergehen. Bei aller Kritik, sagt Eichhorn, gebe es eben auch viel Erleichterung.

"Seien Sie versichert: Wir wissen, was wir tun", sagte Piwarz vergangene Woche. Und er prophezeite, dass die anderen Länder genau beobachten werden, wohin Sachsen sein Alleingang führt. Zumindest mit der zweiten Vorhersage dürfte er in jedem Fall Recht behalten.

© SZ vom 18.05.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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