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Rückkehr der Seuche:Warum das Virus in Europa wieder auf dem Vormarsch ist

In vielen Ländern grassiert das Virus so stark wie im Frühjahr, fast ein Drittel aller Neuinfektionen entfällt auf den Kontinent. Doch nicht alle Länder sind gleichstark betroffen. Was sagt das über den Umgang mit Corona aus?

Von Kathrin Zinkant

53,000 Flags In Madrid Park Honor Spain's Coronavirus Dead

Mahnung zur Vorsicht: Fahnen in einem Park in Madrid erinnern an die Zehntausenden Corona-Opfer, die Spanien bereits betrauern musste.

(Foto: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images)

Deutschland ist eine Insel. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls beim Blick auf die Pandemie-Debatten gewinnen, die in der Bundesrepublik gerade geführt werden. Es gibt Streit um Beherbergungsverbote, verlängerte Weihnachtsferien, Sperrstunden und überhaupt den Kampf gegen Corona, der im Herbst nun wieder verschärft werden soll, obwohl der Sommer fast normal war. Zumindest hier, auf der vermeintlichen Insel.

Doch Deutschland ist keine Insel. Das Land ist ein Teil Europas, und in diesem Europa lässt sich derzeit sehr gut erkennen, wie schmal der Grat zwischen einem wirkungsvollen Kampf gegen das Virus ist und der Gefahr, die Pandemie dramatisch zu unterschätzen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO wurde in der zweiten Oktoberwoche fast ein Drittel der weltweiten Neuinfektionen aus der europäischen Region gemeldet. Das Virus verbreitet sich demnach in Spanien, Großbritannien und Frankreich explosionsartig. In Polen haben sich die Zahl der Virus-Positiven und der Covid-Todesfälle binnen einer Woche verdoppelt. Die Niederlande geben derzeit die Kontaktverfolgung auf, weil die Zahl der Fälle ihre Kapazitäten sprengt. Vielerorts ist die Kurve der neuen Ansteckungen sogar über den Peak des Frühjahrs hinaus geklettert - was zum Teil durch mehr Testungen erklärt werden kann, so werden mehr Infektionen gefunden.

Aber das ist eben nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Der größere Teil lautet, dass das Virus wieder auf dem Vormarsch ist. Das unterschiedlich starke, oft doch sehr erschreckende Aufflammen der Pandemie in Europa sagt dabei auch viel über den sehr verschiedenen Umgang mit Corona aus - vor allem was die Frage angeht, ob und welche Maßnahmen ergriffen und auch umgesetzt werden. In manchen Ländern, wie etwa Spanien, klappte es bis zuletzt eher schlecht. Häufig versandeten die Anordnungen, die tatsächlich viel strenger waren als anderswo, in den kommunalen Strukturen. Zudem vermittelte die Regierung mit ihrem Weg in die "neue Normalität" bereits im Juni, dass man die Sache praktisch überwunden habe. Nicht wenige halten das jetzt für einen Fehler.

EU-weite Karte

Eine rote Ampel ist eine rote Ampel. Das soll künftig auch für die Corona-Ampel gelten, mit der in der EU Regionen je nach Infektionsgeschehen in verschiedene Risikoklassen eingeordnet werden. Am Dienstag haben sich die EU-Länder darauf geeinigt, künftig nach gemeinsamen Kriterien zu entscheiden, welche Region als Risikogebiet gilt. Grundlage soll die Zahl der neu gemeldeten Fälle pro 100 000 Einwohner in den letzten 14 Tagen sein, dazu kommen die Quote positiver Tests sowie die Anzahl vorgenommener Tests pro 100 000 Einwohner. In den kommenden Tagen soll eine entsprechende Karte auf der Webseite reopen.europa.eu online gehen, die dann fortlaufend aktualisiert werde. Die Absprache werde "mehr Ordnung in die derzeit unübersichtliche Situation" bringen, lobte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Einigung. Eine große Erleichterung für Reisende bringt die Karte allein jedoch nicht. Denn welche Regeln für die so ausgewiesenen orangenfarbenen oder roten Gebiete gelten, bestimmt weiterhin jeder Mitgliedstaat für sich. EU-Bürger müssen also bei Auslandsreisen weiterhin recherchieren, ob und wie lange sie sich nach der Einreise in Quarantäne begeben müssen oder ob sie einen negativen Corona-Test brauchen. Die EU-Kommission hatte darum ursprünglich noch eine weitere Harmonisierung vorgeschlagen. Auf die wollten sich die EU-Länder aber nicht einigen. kmb

Gesellschaftliches Engagement macht viel aus

Doch nicht allein die Politik bestimmt, ob der Kampf gegen Corona Erfolg hat. "Noch wichtiger ist das Verhalten der Bevölkerung vor Ort", sagt Sandra Ciesek, die an Uniklinik und Universität in Frankfurt die Bereiche für medizinische Virologie leitet. Was das gesellschaftliche Engagement ausmachen kann, hat die Ärztin im Sommer selbst erlebt, und zwar im einstigen Coronahotspot Europas, nämlich Italien. "Ich habe gesehen, wie diszipliniert sich die meisten Menschen dort an die AHA-Regeln halten", sagt Ciesek. Abstand, Hygiene und Alltagsmasken sind in dem Urlaubsland selbstverständlich. Und so gibt es in Italien nun einen Wellenbrechereffekt. Die zweite Welle kommt zwar an. Sie erreicht das Land aber nur mit einem Bruchteil der möglichen Wucht.

In anderen Ländern sind dagegen weder eine solche Disziplin noch ihr Effekt zu erkennen. Und so wünschen sich manche stärkere Impulse aus Brüssel. Aber die EU-Kommission hat in Gesundheitsfragen praktisch keine Kompetenzen. Bisher hat sie vor allem Impfstoffe bestellt - 700 Millionen Dosen dreier Vakzine, von denen zwei Probleme in den entscheidenden Wirkstoffstudien haben und das dritte noch am Anfang der Prüfung steht. Vor dem Impfstoff wird also der Winter kommen. Und mit ihm die Ansteckungsgefahr.

Ciesek jedenfalls warnt davor, die Rückkehr des Virus zu unterschätzen. "Die Gefahr, dass sich in den nächsten Wochen eine große Anzahl von Menschen infizieren wird, ist leider sehr hoch", sagt die Expertin. Man müsse nur in die Niederlande schauen, wo sich jetzt schon mehr Menschen anstecken als noch im März und April. Es gelte jetzt, die AHA-Regeln durchzusetzen und Zusammenkünfte in schlecht belüfteten Räumen zu vermeiden. Und nicht nur das: "Die Versorgung der vielen schwer erkrankten Menschen, mit denen wir leider rechnen müssen, verlangt eine gute Koordination und Verteilung der Ressourcen auf dem gesamten Kontinent."

© SZ vom 14.10.2020/pak
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