Rückeroberung Hilflose Helfer

Baschar al-Assad holt sich die letzten Gebiete im Süden Syriens zurück - und lässt Weißhelme, die nicht fliehen konnten, als Terroristen jagen.

Von Dunja Ramadan

Die Bilder der 422 syrischen Weißhelme und ihrer Angehörigen, die vor mehr als einer Woche von israelischen Soldaten in Sicherheit gebracht wurden, gingen um die Welt. Es waren Szenen, die sich wohl gerade in das Gedächtnis vieler Menschen im Nahen Osten einprägen. Eine israelische Soldatin läuft durch die Sitzreihen eines Busses und reicht einem syrischen Kind etwas zu Trinken. "Wasser?", fragt sie das Kind auf Arabisch, so zeigen es Videobilder des israelischen Militärs. Das Kind nimmt einen Schluck, am Handgelenk trägt es ein Armband, das ihm kurz zuvor umgeschnallt wurde. Doch nur die Hälfte der rund 827 Weißhelme hat den Sammelpunkt am Grenzübergang bei Quneitra rechtzeitig erreichen können: Etwa 400 Weißhelme sitzen noch in den Kriegsgebieten fest, die Straßen sollen von vorrückenden Regierungstruppen und islamistischen Kämpfern blockiert gewesen sein. Andere sagen, ihre Namen hätten nicht auf der Rettungsliste gestanden.

Während die geflohenen Mitglieder der Hilfsorganisation nach Deutschland, Kanada und Großbritannien gebracht werden sollen, fürchten die Verbliebenen angesichts des Vormarschs der Armee um ihr Leben. Die Grenzen sind mittlerweile dicht. Sollten die Weißhelme in die Hände syrischer Soldaten geraten, droht ihnen das Schlimmste. Damaskus nannte die Evakuierung eine "kriminelle Operation". Syriens Präsident Baschar al-Assad sagte vergangene Woche, die Weißhelme würden wie Terroristen behandelt. Entweder sie legten ihre Waffen nieder, machten von ihrem Recht auf Amnestie Gebrauch oder würden getötet. Die syrische Armee hat in den vergangenen Wochen große Teile der an Jordanien und die israelisch besetzten Golanhöhen grenzenden Provinzen Daraa und Quneitra erobert. Der IS hat fast alle Gebiete in Syrien verloren, er ist noch in der Badija-Wüste sowie in einem kleinen Gebiet im Osten des Landes präsent. Derzeit geht die Armee gegen die IS-Bastion nahe Daraa vor. In der Provinz Suweida hat der IS, nach seinem verheerenden Anschlag vergangene Woche mit 250 Toten, am Montag 36 Frauen und Kinder verschleppt, mehrheitlich wohl Drusen.

Seit Jahren werfen Syrien und Russland den Weißhelmen vor, die Rebellen zu unterstützen und Agenten ausländischer Feinde zu sein. In der Evakuierung durch Israel sehen sie sich bestätigt. Assad betonte, die Weißhelme seien ein Deckmantel von al-Nusra. Jabhat al-Nusra, zu Deutsch "Unterstützungsfront für das syrische Volk", ist der offizielle Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida in Syrien. Eine Karikatur, die von Assad-Anhängern im Netz verbreitet wird, zeigt einen israelischen Soldaten Arm in Arm mit einem bärtigen Mitglied der Weißhelme, der einen Karren hinter sich herzieht mit der Aufschrift "White Helmets Studios", in dem eine Kamera, eine Flasche Kunstblut, Make-up und eine Al-Qaida-Flagge mit Herz zu sehen ist.

Die Weißhelme bergen in den Rebellengebieten nicht nur Verwundete und Tote, sondern bestimmen seit ihrer Gründung 2013 auch das Narrativ des Syrienkrieges mit. Übers Internet verbreiten sie Fotos und Videos nach Luftangriffen oder mutmaßlichen Chemiewaffenangriffen. Das ist der Hauptgrund für den russisch-syrischen Propagandakrieg gegen sie. Der einzige dokumentierte Fall für eine Inszenierung der Weißhelme ereignete sich im November 2016. Damals stellten Helfer in der sogenannten "Mannequin Challenge" eine fingierte Rettungsaktion nach. Später entschuldigte sich die Gruppe dafür. Ein Mitglied wurde 2017 ausgeschlossen, nachdem es bewaffneten Kämpfern bei der Beseitigung verstümmelter Leichen von Assad-Kämpfern geholfen hatte. Andere wurden mit Waffen fotografiert, obwohl die Gruppe versichert, unbewaffnet zu sein.

Die Mehrheit der rund 3000 Helfer hat eigenen Angaben zufolge mehr als 114 000 Menschen aus den Trümmern des Bürgerkrieges gerettet und betont immer wieder ihre Neutralität. Für ihre Arbeit wurden sie 2016 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Die Weißhelme werden von Großbritannien, den USA, Kanada, Deutschland, Dänemark und Japan finanziell unterstützt. In den Rebellengebieten leben unterschiedlichste Gruppen auf engstem Raum zusammen. Die Grenzen zwischen gemäßigten, konservativ-islamistischen oder gar extremistischen Gruppen sind teilweise fließend. Doch russische und syrische Propagandakanäle setzen die Weißhelme mit ihnen gleich. Dass sich die Helfer mit diesen Gruppen arrangieren, ist wohl vor allem Teil der Überlebensstrategie.