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Rudolph Chimelli:"SZ-Korrespondent in Kairo in Haft"

Nur selten beeinflusst ein Journalist durch das, was er schreibt, den Gang der Geschichte. Aber mit Glück wird er Zeuge historischer Ereignisse oder kleiner Episoden an ihrem Rand, die für den Hintergrund bezeichnender sind als das grelle Licht der Aktualität. Gelegentlich sind Risiken dabei. Aber wenn sie überstanden sind, findet sie der Autor eher amüsant als gefährlich.

Wir hatten uns am Suezkanal verfahren. In normalen Zeiten kein Problem, aber der Sechstagekrieg lag erst eine Woche zurück, und am anderen Ufer standen die Israeli. Ihre Waffen zielten herüber zu den geschlagenen Ägyptern, die mutlos herumstanden. Über den Stellungen jenseits wehte die Fahne mit dem blauen Stern. Die Fahrt hatte das Kairoer Informationsministerium organisiert, um Journalisten die neue Front zu zeigen. Man sollte im eigenen Wagen kommen, denn die paar Busse reichten nicht. Aber wir verloren die Kolonne und fuhren erst nach Suez, dann am Kanalufer Richtung Ismailia, statt umgekehrt.

Misstrauische Offiziere verscheuchten uns. Einer der vier im Wagen hatte die verwegene Idee, wir könnten von Suez ein Stück das Rote Meer nach Süden fahren und baden. Der Strand war einsam, das Wasser fabelhaft. Bis ein Militärkommando anpreschte und uns Maschinenpistolen unter die Nase hielt, die Finger am Abzug. Ein Zwei-Sterne-General kontrollierte misstrauisch unsere Papiere und wies uns an: "Ohne Halt bis Kairo!"

Die Geheimpolizei durchsuchte das Zimmer

Den Abend verbrachte ich auf einem Gartenempfang, bis gegen 23 Uhr die Frau meines Quartiergebers per Telefon Alarm schlug: "Komm sofort! Die Polizei ist da." Sechs Mann warteten auf der Treppe. Eine Wohnung, in der eine fremde Frau allein war, betraten aus islamischer Scheu sogar Geheimpolizisten nicht. Jetzt durchsuchten sie mein Zimmer, sammelten Dokumente und Fotoapparat samt Filmen ein und nahmen mich mit. Im Vernehmungslokal trafen in der nächsten halben Stunde auch die anderen Teilnehmer des Ausflugs ein. Man hatte sie aus ihren Hotels geholt.

Eine Nacht lang beteuerten wir unsere Harmlosigkeit, verweigerten Essen und verlangten Freilassung. Im Morgengrauen brachte ein Motorradfahrer unsere Filme. Sie enthielten nichts Belastendes, und der Ton des Verhörs wurde fast freundschaftlich. Aber heraus kamen wir nicht. Denn unerwartet traf an jenem Morgen der sowjetische Präsident Nikolai Podgorny ein, um zu erkunden, wie die Schlappe der Ägypter gemildert werden konnte. Kein Oberer im Geheimdienst, der unsere Entlassung anordnen konnte, war verfügbar. Erst um 14 Uhr kamen wir frei. Für ein Mal war ich nicht Autor, sondern Gegenstand einer Meldung auf Seite eins meiner Zeitung: "SZ-Korrespondent in Kairo in Haft."

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