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Rudolph Chimelli:Erinnerungen eines einzigartigen Reporters

Rudolph Chimelli

Auslandskorrespondenten Rudolph Chimelli 2010 in Paris.

Rudolph Chimelli erklärte den SZ-Lesern die Sowjetunion, Frankreich und die islamische Welt. Jetzt ist der Gentleman-Journalist gestorben. Sechs Erinnerungen an ein bewegtes Reporterleben.

Nach 60 Reporter-Jahren mangelte es Rudolph Chimelli nicht an Anekdoten. Wer mit Ayatollah Khomeini aus dem Exil nach Teheran flog oder den Beginn des Sechstagekrieges beobachtete, der darf sich Augenzeuge der Geschichte nennen. Chimelli reiste mit Vorliebe in der Region, die heute als islamischer Krisengürtel bekannt ist. Früher freilich fuhren noch Taxis zwischen Beirut und Damaskus, und aus dem bürgerkriegsgeplagten Jemen gelang die Flucht mithilfe des legendären Capitaine Astraud - Champagner und Schinken an Bord inbegriffen. Sechs Erinnerungen an ein bewegtes Reporterleben.

Für das englische Wort "scoop" gibt es keine gute deutsche Entsprechung. "Sensation" deutet auf Zirkus und auf kurzlebige Aufregung hin. Der hässliche "Knüller" weckt den Verdacht krampfiger Enthüllung. "Die große Meldung" ist zu lyrisch für eine Aktualität von Gewicht. Der Scoop aber ist die Sternstunde im Leben eines Journalisten. Wenn der Scoop echt ist, beschreibt er ein Ereignis, das die ganze Welt interessiert und von dem der Autor und sein Medium ebendiese historische Stunde lang exklusiv Kenntnis haben.

Meinen Scoop hatte ich am 5. Juni 1967. Nach einer Pressekonferenz König Husseins von Jordanien, zu der ich nach Amman gekommen war, hatte ich die Nacht im Hotel in Amman verbracht. Beim Frühstück in der Cafeteria lag die Badehose neben mir, denn ich war zuvor im Schwimmbassin gewesen. Ein verstörter Kellner näherte sich. "Please, Sir", sagte er, "gehen Sie jetzt nicht baden." "Aber warum nicht?" "Der Krieg hat angefangen."

Der Erstschlag der Israeli war erfolgreich

Mir war sofort klar, dass ich in Jordanien aufregende Dinge sehen und erleben würde, aber wahrscheinlich kein Wort übermitteln konnte. Also sprang ich zusammen mit einem Kollegen ins Auto, um möglichst schnell zurück über zwei Grenzen in das 300 Kilometer entfernte Beirut, den damaligen Freihafen aller Nahost-Korrespondenten, zu gelangen. Am Berg Hermon vorbei flogen israelische Jagdbomber, während der Umfahrung von Damaskus waren ferne Explosionen zu hören, aus dem Radio kamen arabische Siegesmeldungen über Riesenverluste der Israeli. Die Grenze zum Libanon erreichten wir gerade noch vor ihrer Schließung.

Zwei Stunden später in Beirut suchte ich eilig einen befreundeten Diplomaten auf, der immer schon so gut Bescheid wusste, dass ich in ihm den Geheimdienst-Residenten seines Landes vermutete. "Alles gelaufen", setzte er mir auseinander. "Die Israeli haben in einem Erstschlag die arabischen Luftwaffen am Boden zerstört." Sogar genaue Zahlen hatte er: 200 ägyptische Maschinen (in Wahrheit waren es 300, aber das wusste selbst er noch nicht), 60 syrische, 30 jordanische und zwölf irakische. Die schutzlos gewordene Armee der Ägypter strömte zur Stunde bereits panikartig aus dem Sinai zurück. Von alledem sagten die Israeli kein Wort, denn sie wollten nicht vorzeitig offenlegen, dass sie die Angreifer waren.

Der Scoop, der keiner war

"Krieg in der ersten Stunde entschieden" - so begann ich meinen Bericht über den Ausbruch des Sechstagekrieges. Es folgten sämtliche Einzelheiten und Zahlen, die ich allein hatte. Dann eilte ich mit dem Manuskript im Taxi zur Hauptpost, wo der einzige öffentliche Fernschreiber stand, log mich an der soeben errichteten Militärzensur vorbei, die glücklicherweise kein Deutsch verstand, und stanzte hastig meinen Telexstreifen. "szmuenchen" kam die Bestätigung, als er durch die Maschine gelaufen war, gerade noch vor Redaktionsschluss.

Für die SZ und mich hatte eine Sternstunde geschlagen. So meinte ich. Die Flugverbindungen waren wegen der Kämpfe eingestellt. Es gab noch kein Fax und noch lange kein Internet, also keine Zeitungen aus Europa. Als mit zehn Tagen Verspätung die SZ vom 6. Juni eintraf, war ich fassungslos: Kein Wort von meinem Bericht, stattdessen der arabische Bombast aus Agenturmeldungen in Schlagzeilen und Texten. Bald darauf, beim nächsten Besuch in München, sagte man mir, etwas verlegen, in der Redaktion: "Wir haben gedacht, Sie als Einzelkämpfer würden die Lage nicht so überschauen. Da haben wir lieber Agentur genommen." Gegenüber eigenen Leuten neigte die SZ gern zur der Haltung: Der ist einer von uns, mit ihm kann es nicht weit her sein.

"SZ-Korrespondent in Kairo in Haft"

Nur selten beeinflusst ein Journalist durch das, was er schreibt, den Gang der Geschichte. Aber mit Glück wird er Zeuge historischer Ereignisse oder kleiner Episoden an ihrem Rand, die für den Hintergrund bezeichnender sind als das grelle Licht der Aktualität. Gelegentlich sind Risiken dabei. Aber wenn sie überstanden sind, findet sie der Autor eher amüsant als gefährlich.

Wir hatten uns am Suezkanal verfahren. In normalen Zeiten kein Problem, aber der Sechstagekrieg lag erst eine Woche zurück, und am anderen Ufer standen die Israeli. Ihre Waffen zielten herüber zu den geschlagenen Ägyptern, die mutlos herumstanden. Über den Stellungen jenseits wehte die Fahne mit dem blauen Stern. Die Fahrt hatte das Kairoer Informationsministerium organisiert, um Journalisten die neue Front zu zeigen. Man sollte im eigenen Wagen kommen, denn die paar Busse reichten nicht. Aber wir verloren die Kolonne und fuhren erst nach Suez, dann am Kanalufer Richtung Ismailia, statt umgekehrt.

Misstrauische Offiziere verscheuchten uns. Einer der vier im Wagen hatte die verwegene Idee, wir könnten von Suez ein Stück das Rote Meer nach Süden fahren und baden. Der Strand war einsam, das Wasser fabelhaft. Bis ein Militärkommando anpreschte und uns Maschinenpistolen unter die Nase hielt, die Finger am Abzug. Ein Zwei-Sterne-General kontrollierte misstrauisch unsere Papiere und wies uns an: "Ohne Halt bis Kairo!"

Die Geheimpolizei durchsuchte das Zimmer

Den Abend verbrachte ich auf einem Gartenempfang, bis gegen 23 Uhr die Frau meines Quartiergebers per Telefon Alarm schlug: "Komm sofort! Die Polizei ist da." Sechs Mann warteten auf der Treppe. Eine Wohnung, in der eine fremde Frau allein war, betraten aus islamischer Scheu sogar Geheimpolizisten nicht. Jetzt durchsuchten sie mein Zimmer, sammelten Dokumente und Fotoapparat samt Filmen ein und nahmen mich mit. Im Vernehmungslokal trafen in der nächsten halben Stunde auch die anderen Teilnehmer des Ausflugs ein. Man hatte sie aus ihren Hotels geholt.

Eine Nacht lang beteuerten wir unsere Harmlosigkeit, verweigerten Essen und verlangten Freilassung. Im Morgengrauen brachte ein Motorradfahrer unsere Filme. Sie enthielten nichts Belastendes, und der Ton des Verhörs wurde fast freundschaftlich. Aber heraus kamen wir nicht. Denn unerwartet traf an jenem Morgen der sowjetische Präsident Nikolai Podgorny ein, um zu erkunden, wie die Schlappe der Ägypter gemildert werden konnte. Kein Oberer im Geheimdienst, der unsere Entlassung anordnen konnte, war verfügbar. Erst um 14 Uhr kamen wir frei. Für ein Mal war ich nicht Autor, sondern Gegenstand einer Meldung auf Seite eins meiner Zeitung: "SZ-Korrespondent in Kairo in Haft."

Eine abenteuerliche Rettung

Die Lage schien hoffnungslos zu sein. Tiefe Wolken hingen über den jemenitischen Bergen. Kein Flugzeug wagte sich Mitte Dezember mehr nach dem in 2300 Meter Höhe liegenden Sanaa, denn elektronische Hilfen gab es dort vor 40 Jahren nicht. In Tais, 400 Kilometer und zwei Reisetage südlich, endete auch der Versuch, auf dem Landweg ins damals britische Aden zu entkommen. Durch den Bürgerkrieg zwischen den Stammesleuten des Imam und der revolutionären Republik war die Schüttelpiste unpassierbar geworden

"Vielleicht kommt der Capitaine Astraud", machte mir ein ansässiger Ausländer Hoffnung. Wer? "Dem Capitaine gehört Air-Djibouti, und er fliegt einmal in der Woche herüber." Astraud war wettergegerbt und gab sich als Abenteuerflieger à la Antoine Saint-Exupéry. Auch sein astraler Name klang nach "Wind, Sand und Sternen". Tatsächlich hatte er die Hälfte seines Lebens als Mechaniker in Lille verbracht und so lange gespart, bis er seinen Traum verwirklichen und eine zweimotorige Beechcraft, Baujahr 1947, kaufen konnte: Air-Djibouti.

Am Samstag stand Astraud tatsächlich in der winzigen Zoll-Baracke des Flugfeldes Tais. Auf einem Holztisch hatte er Einkaufstaschen aufgebaut. Ausländer umdrängten ihn und zahlten. "Haben Sie einen Platz für mich?", fragte ich aufgeregt. "Es gibt Platz", antwortete er beruhigend. Gleichzeitig nahm er Bestellungen für die nächste Woche auf. "Zwei Kilo gemischten Käse oder nur Camembert? Leberpastete? Oliven?"

Im dichten Nebel durchs Gebirge

Zusammen gingen wir zur Maschine. Sie war mit einem Vorhängeschloss versperrt. Als einziger Passagier kam ich auf den Copilotensitz. Gleich darauf ging Astraud in Steigflug in Richtung auf die Dreitausender, die unsichtbar in dichten Wolken lagen. "Die sucht sich ihren Weg schon selber", versicherte er und klopfte auf den Steuerknüppel. Zwischen Nebelfetzen huschten wir so dicht über Felszacken und vereinzelte Terrassen-Bauern, dass das Weiße in ihren Augen zu sehen war.

Ich fotografierte ohne Unterlass - wie ich befürchtete, für die Nachwelt. Als wir die letzte Kette hinter uns hatten, klatschte Astraud in die Hände und rief: "Champagner!" Sein Helfer brachte zwei Gläser, die wir auf das Instrumentenbrett stellten. "Rohen Schinken oder gekochten?", fragte Astraud, als Sandwiches aus frischem Baguette folgten. "Brauchen Sie ein Billett für die Abrechnung?", wollte er wissen. Er angelte eine Aktentasche hervor, hielt den Knüppel mit den Knien und stellte das Ticket aus. Ich habe es noch. Es trägt die Nummer 00023.

Einige Jahre danach ist Astraud beim Transport von Waffen für irgendwelche südarabischen Bürgerkriege abgestürzt.

Als vermeintliche DDR-Journalisten im Sudan

Es war Afrika wie aus dem Bilderbuch vor hundert Jahren. Die Nacht war mondlos, Elektrizität gab es in der sudanesischen Provinzhauptstadt Juba im äußersten Süden des Landes noch nicht. Wir saßen auf der Terrasse eines Bungalows, der als Gästehaus der Regierung diente, schauten und horchten. Von Horizont zu Horizont leuchteten die Lagerfeuer. Ihr Schein spiegelte sich im Weißen Nil, der ruhig floss. Nah und fern, lauter oder leiser rollten die Buschtrommeln.

Zusammen mit einem Kollegen war ich gekommen, um mehr über den Aufstand der Südsudanesen gegen das arabisch-islamische Regime in Khartum zu erfahren. "Anya-Nya" (Schlange im Gras) nannten die christlichen oder animistischen Schwarzafrikaner ihre Bewegung. Der Krieg schwelte seit 1964, wurde mehrmals durch Waffenruhe unterbrochen und flammte immer wieder auf. Die Medien kamen nicht recht heran. Nur auf Seiten der Aufständischen erhielten Reporter gelegentlich auf Dschungelpfaden bruchstückartig Einblick.

"Welcher Aufstand? Es gibt keinen Aufstand. Hier ist alles ruhig", behauptete energisch der Gouverneur von Juba. "Überzeugen Sie sich selber. Ich gebe Ihnen einen Hubschrauber." Der Kommandeur am Flugplatz war wenig begeistert. "Hast du einen Russen?", raunte er einem Kameraden zu. Der führte uns zur russischen Mannschaft eines Kampf-Helikopters sowjetischer Bauart, der aber sudanesische Abzeichen trug.

Die Russen schossen aus allen Bordkanonen

Wir flogen 200 Kilometer bis Maridi an der Grenze zum Kongo: Steppe, Urwald, Tiere, Laubhütten. Zeitweise schossen die Russen aus allen Bordkanonen. Aber wir hatten keine Logenplätze und konnten die Ziele nicht erkennen. Auf dem Rückflug war der Boden voll von Geschosshülsen. Langsam kamen wir uns näher. "Auf was schießt ihr eigentlich", fragten wir vorsichtig. "Auf Elefanten", feixten die Soldaten.

Allmählich dämmerte uns, dass wir für DDR-Journalisten gehalten wurden, also für Freunde. Dass die Russen schon 1971 für den Diktator Dschaafar Numeiri Kampfeinsätze gegen die Rebellen flogen, sollte durch uns gewiss nicht offenbar werden. Wenn herauskam, wer wir waren, musste das skrupellose Regime in Khartum für uns eigentlich einen Unfall arrangieren.

Während der Restzeit im Sudan zeigten wir allerniedrigstes Profil. Unsere Berichte schickten wir erst aus Beirut.

Spargelessen im Kreml

Im Kreml feierte man einen Sieg. Der Regierungschef des kommunistischen Vietnam, Pham Van Dong, wurde im Frühling 1973 mit allen Ehren empfangen, als die Niederlage der Amerikaner und der spätere Zusammenbruch Südvietnams durch das Pariser Abkommen besiegelt waren. Zum Triumph des Vietnamesen war Moskaus hohe Nomenklatura eingeladen, ebenso die Chefs der Bruderparteien und kurioserweise auch einige Korrespondenten. Wir standen in der größten Halle des Kremls, dem 60 Meter langen Georgssaal, dessen Pracht die Zaren einst dem Schutzheiligen Russlands gewidmet hatten. Eine schmale Gasse durch die Gäste war für die Träger der Sowjetmacht und ihre Verbündeten freigehalten.

Und da kamen sie, an der Spitze Parteichef Leonid Breschnew, der sich auf der Höhe seiner politischen Potenz und seines internationalen Ansehens befand. Hinter ihm schritten der untersetzte Glatzkopf Nikolai Podgorny, formell Staatsoberhaupt der UdSSR, und Premierminister Alexej Kossygin mit seinem faltigen Jagdhundgesicht. Dann folgten im Gänsemarsch alle Mitglieder des Politbüros: der grämliche Außenminister Andrej Gromyko, der verkniffene Partei-Ideologe Michail Suslow, KGB-Chef Juri Andropow, der Usbeke Scharaf Raschidow, schon vom erschwindelten Baumwollreichtum belastet, der ewige Kandidat Boris Ponomarjow, der nie zum Vollmitglied aufstieg, weil er nicht trank, sondern lieber Tennis spielte, sowie die anderen, zu Recht vergessenen Apparatschiki.

Intellektuelle Ausstrahlung hatten allein die Vietnamesen

Aber wie schauten sie aus? Man hatte Granitgesichter, Betonköpfe erwartet. Hier aber gingen lauter kleine Mafiosi, tückisch, listig, brutal, die meisten vom Alkohol aufgeschwollen und nur mittelhoch gewachsen. Keine großen Mafia-Bosse wie Lucky Luciano, sondern eher Provinz-Gewaltige der Organisation wie Big Nose Salvatore.

Nach einer Stunde gingen sie von der erhöhten Tafel, die für sie hinter dem Buffet aufgebaut war, wieder zurück. Nie zuvor und nie danach hatte ich Gelegenheit, ihre Visagen so ausgiebig und aus nur einem Meter Entfernung zu studieren. Gute Köpfe und intellektuelle Ausstrahlung hatten allein die Vietnamesen.

Das Buffet war für sowjetische Verhältnisse nicht schlecht. Zum einzigen Mal in sieben Jahren Moskau wurde mir Spargel vorgesetzt. Er war kleingehackt und in einer weißen Mehlsauce aufbereitet.

Carpe diem

Ich wäre gern älter, viel älter, mehr noch, als es biologisch empfehlenswert ist. Denn dann hätte ich meine jungen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg verbracht, in der Belle Époque, in der guten alten Zeit. Ich hätte Opern sehen können, wie deren Komponisten sie sich gedacht hatten, nicht so, wie Regisseure, die auf Originalität versessen sind, sie heute inszenieren.

Im Theater hätte ich nicht erleben müssen, dass, wenn ich eigentlich den Reden Wilhelm Tells oder Hamlets lauschen wollte, der Herausgeber der Wochenzeitung Der Stürmer Julius Streicher auf der Bühne onaniert. Männer lösten damals Lebenskrisen, indem sie sich duellierten oder auf den Großen Krieg als Ausweg hofften, Frauen, indem sie dekorativ in Ohnmacht fielen. Es war eine heile Welt.

Fürs Altern prädestiniert

Wer im Jahrzehnt nach ihrem Zusammenbruch geboren wurde, in Deutschland, in der Weimarer Republik, in München, für den waren die nostalgischen Reden der Elterngeneration über die noch nahe Vergangenheit ein prägendes Leitmotiv. Auf mich jedenfalls wirkte es dauerhaft. Vielleicht bin ich nie ganz und gar jung gewesen, wofür es auch andere Indizien gab: Ich spielte als Bub nicht Fußball und später nicht Tennis. Offenbar war ich von jeher fürs Altern prädestiniert. Alt zu sein schien mir sozusagen der Normalzustand des Menschen - und die Übergänge erwiesen sich als fließend. Schließlich wurde Hegel, dem ich mich sonst nicht gleichsetzen möchte, schon zu seinem 50. Geburtstag als "ehrwürdiger Greis" gefeiert. Lange merkte ich kaum, wie sich die Jahresringe ansetzten.

Die große Frage, wie ich mich im Alter einrichten soll, habe ich bewältigt, indem ich ihr konsequent auswich. Ich trage die gleichen Kleider, gehe in dieselben Restaurants und mache ähnliche Reisen, mit Vorliebe in "Spannungsgebiete". Unverändert interessiere ich mich für Politik, Kunst, Literatur und Geschichte. Die Freunde freilich machten sich zunehmend rar, doch schritt ich rüstig vorwärts.

Nur flüchtig dachte ich manchmal darüber nach, wo ich meine alten Tage verbringen wollte - bis es für konstruktive Entscheidungen zu spät war. Das war kein Unglück, denn da ich in Paris mehr Jahre meines erwachsenen Lebens verbracht habe als an irgendeinem anderen Ort der Erde, meine Heimatstadt eingeschlossen, bleibe ich einfach sitzen. Das ist keine schlechte Lösung, wenn man in einem Haus mit Lift in einem schönen Teil des Zentrums wohnt, alles Wichtige in Gehweite hat und medizinisch gut versorgt ist.

Alt werden ist das einzig sichere Mittel dagegen, jung zu sterben

Vor allem habe ich nie aufgehört zu arbeiten. Wann immer ich an eine mögliche Pensionsgrenze stieß, fragte ich mich: Sollst du Schluss machen? Obwohl keine Langeweile drohte, ergab sich daraus sofort die nächste Frage: Was wirst du denn tun als Ruheständler? Und gleich darauf die realistische Antwort: nach dem Aufwachen im Bett Radionachrichten hören, im Bad auf andere Sender umschalten, dann ausgehen und Zeitungen kaufen, mit Gleichgesinnten über das Gehörte und Gelesene diskutieren, einschlägige Literatur lesen. Da ich das unverschämte Glück habe, mich seit Jahrzehnten beruflich mit genau den Fragen zu beschäftigen, die mich faszinieren, lag der Schluss nahe: Das kannst du auch für Geld machen.

Bisher ist alles gut gegangen. Aber das sagte auch jener Mann, der von einem Wolkenkratzer stürzte, während er am 20. Stock vorbeifiel. Gleichaltrige trösten sich mit schlauen Sprüchen der Art: Alt werden ist das einzig sichere Mittel dagegen, jung zu sterben. Solch krampfiger Fröhlichkeit setzten schon im 18. Jahrhundert philosophisch gebildete Franzosen mit resignierender Weisheit entgegen: Wenn Jugend wüsste, wenn Alter könnte. Im Bewusstsein, dass bei Super-Senioren kleine Wehwehchen normalerweise nur größer werden können, halte ich mich im Abendrot des Lebens an die Maxime carpe diem - genieße den Tag.

© SZ.de/sih

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