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Ruanda:Der Held, der störte

Rusesabagina is detained and paraded in front of media in handcuffs in Kigali

In Handschellen wurde Paul Rusesabagina in Kigali auf einer Pressekonferenz vorgeführt. Seine Frau spricht von einer Entführung.

(Foto: Clement Uwiringiyimana/REUTERS)

Paul Rusesabagina rettete Hunderte vor dem Genozid. Hollywood verfilmte sein Leben mit "Hotel Ruanda". Nun wurde der 66-Jährige in seiner Heimat verhaftet.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Vor vielen Jahren hat Paul Rusesabagina einmal gescherzt, dass ihn die Regierung von Ruandas Präsident Paul Kagame nicht einmal mehr kochen würde, sondern gleich roh verzehren, sollte er jemals in sein Heimatland zurückkehren. So sehr hasse ihn der Staatschef.

Am Montag ist Rusesabagina nach Jahrzehnten im Ausland wieder in Ruanda gelandet, er wurde in Handschellen auf einer Pressekonferenz vorgeführt, selbst sprechen durfte oder wollte er nicht. Ihm werde Terrorismus, Brandstiftung und Entführung sowie Mord in zwei Fällen vorgeworfen, sagte ein Sprecher des Ruandischen Ermittlungsbüros (RIB). Die Verhaftung habe durch "internationale Kooperation" gelingen können, sagten die Ermittler.

Die in Belgien und den USA lebende Familie von Rusesabagina spricht hingegen von einer "Entführung", seine Ehefrau berichtete, ihr Mann habe sich auf dem Weg nach Dubai befunden. "Eigene Gedanken zu haben, ist in manchen Ländern ein Verbrechen", sagte sein Sohn nach der Verhaftung. "Er ist ein regelmäßiger Kritiker der Menschenrechtsverletzungen in Ruanda, und die Regierung dort legt regelmäßig falsche Beschuldigungen gegen alle Kritiker vor, um sie zum Schweigen zu bringen."

Paul Rusesabagina galt in Ruanda einmal als Held, auf den auch Staatschef Kagame stolz war. Hollywood verfilmte das Leben des heute 66-Jährigen mit "Hotel Ruanda", das Werk wurde für den Oscar nominiert wurde. Im wahren Leben heißt das Hotel "Tausend Hügel" und steht in der Hauptstadt Kigali.

Während des Genozids 1994 war Rusesabagina dort Geschäftsführer und rettete 1268 Menschen sehr wahrscheinlich das Leben, Tutsi und moderaten Hutu, die er vor den Schlächtern in Sicherheit brachte. Den mordenden Hutu-Milizen bot er Geld und Whisky, damit sie sein Hotel verschonten. Er wurde zu einer Art Oskar Schindler Ostafrikas.

Ruanda hat sich seit dem Völkermord zu einem wirtschaftlichen Musterland entwickelt

Nach dem Völkermord zog er nach Belgien, fuhr Taxi, schrieb Bücher und hielt auf der ganzen Welt Vorträge. US-Präsident George H. W. Bush zeichnete ihn aus, Hollywood verfilmte sein Leben. Rusesabagina, später belgischer Staatsbürger, wurde in der Welt gefeiert, machte sich aber zu Hause zunehmend unbeliebt. Denn nachdem ihn der Film berühmt gemacht hatte, äußerte er sich regelmäßig zu den politischen Entwicklungen in seiner Heimat, rief die Europäer auf, stärker auf die Einhaltung der Menschenrechte in Ruanda zu achten. Mal nannte er Präsident Kagame einen "Diktator", mal prophezeite er, dass sich der Genozid in umgekehrter Form wiederholen werde. Einige Hinterbliebene beschuldigten ihn, seine Rolle bei der Rettung der Flüchtlinge im Hotel übertrieben und von Hilfesuchenden Geld verlangt zu haben. Rusesabagina konterte, das Geld sei nötig gewesen, um die mordenden Banden zu bestechen.

Ruanda hat sich seit dem Völkermord zum einem wirtschaftlichen Musterland entwickelt, Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung Kagame aber vor, Kritiker einzusperren oder gar umzubringen. Vor sechs Monaten wurde der Sänger und Kagame-Kritiker Kizito Mihigo tot in einer Polizeizelle aufgefunden. Südafrikanische Ermittler fordern von Ruanda die Auslieferung zweier Beschuldigter, die den ehemaligen Geheimdienstchef Ruandas in Johannesburg erschossen haben sollen, der auf Distanz zur Kagame gegangen war. "Jede Person, die noch lebt und sich gegen Ruanda verschwört, wird den Preis zahlen", hatte Kagame einmal gesagt.

Ruandas Präsident Paul Kagame war früher mal stolz auf Paul Rusesabagina, der während des Genozids sehr vielen Menschen das Leben rettete. Nun ließ er ihn wegen Terrorismus verhaften.

(Foto: Peter Klaunzer/AP)

Rusesabagina werfen die Justizbehörden vor, die Gruppe "Ruandische Bewegung für demokratischen Wandel" mitgegründet und -finanziert zu haben, deren bewaffneter Arm FLN immer wieder Anschläge verübe. Ruandas Justiz sieht die Gruppe als eine von vielen Rebellenarmeen, die von den Nachbarländern Burundi und der Demokratischen Republik Kongo aus einen Umsturz planten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP hatte der nun verhaftete Rusesabagina im Jahr 2018 ein Video auf Youtube gepostet, in dem er davon spricht, dass die FLN Ruanda von einer oppressiven Regierung "befreien" wolle. In anderen Interviews und Stellungnahmen hatte er aber bestritten, die FLN mitfinanziert zu haben.

Seine Familie appellierte nun an die belgischen Behörden, sich für die Freilassung von Paul Rusesabagina einzusetzen.

© SZ vom 02.09.2020/dit
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