Ruanda Eine Stiftung stiftet Unruhe

Das "Westerwelle Startup Haus" will Jungunternehmer fördern, doch heimische Mitbewerber werfen der deutschen NGO vor, sie zu verdrängen.

Von BERND DÖRRIES, Kapstadt

Bei Ruanda denkt die Welt meistens an die vielen Hunderttausend Toten des Völkermords von 1994. Was seitdem passierte, ist den meisten entgangen, das Land entwickelt sich so schnell wie kaum ein anderes in Afrika. Die Hauptstadt Kigali ist moderner und sauberer als manche Metropole in Europa, auf einem Hügel der Stadt thront das neue Kongresszentrum, ein riesiges buntes Ei, das neue Wahrzeichen der Stadt und Symbol für die Entwicklung des Landes.

Die möchte auch die Westerwelle-Foundation unterstützen, die 2013 vom ehemaligen Außenminister und Ralph Dommermuth gegründet wurde, dem Chef von United Internet. Nach dem Tod Westerwelles hat sein Lebenspartner Michael Mronz den Stiftungsvorsitz inne. Am Montag eröffnete er in Kigali das "Westerwelle Startup Haus": Gegenüber dem Kongresszentrum bietet die Einrichtung auf 1200 Quadratmetern Büroräume für junge Unternehmen an, 21 Mieter sind bereits eingezogen. Zur Eröffnung kam auch Malu Dreyer, Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz, das sich seit Langem in Ruanda engagiert. "Ziel des Programms ist es, Jungunternehmer in Afrika zu unterstützen, um so zur Schaffung wirtschaftlicher Perspektiven beizutragen", so die Stiftung, die in Kigali einen "marktwirtschaftlichen Ansatz" verfolgen will, "um den lokalen Mittelstand zu fördern".

Genau der ist aber nicht einhellig begeistert von den Aktivitäten der Stiftung. "Sie kommen und bringen das wirtschaftliche Umfeld durcheinander, sie untergraben die Konkurrenzfähigkeit", sagt Ephraim Rwamwenge. Er ist gerade Mitte zwanzig und steht für eine der Erfolgsgeschichten des Landes: Seine Unternehmen sind im Finanzgeschäft tätig, im Handel mit Rohstoffen und in der Immobilienbranche. Auch Rwamwenge vermietet Räume an junge Start-ups aus Ruanda, was ihm zufolge sehr erfolgreich gelaufen sei - bis die Westerwelle-Stiftung nach Kigali kam, die seine Mieter mit Kampfpreisen abwerbe. Während bei ihm 250 Dollar pro Schreibtisch und Monat fällig sind, sei es im Westerwelle-Haus gerade mal die Hälfte, zudem gebe es drei Gratismonate. Die Stiftung möchte sich auf Anfrage nicht zu den genauen Mieten äußern, teilt lediglich mit, dass das Haus nach einer Startphase kostendeckend arbeiten müsse. Unternehmer Rwamwenge kritisiert aber, dass die Westerwelle-Stiftung einen Wettbewerbsvorteil habe, weil sie nicht als Unternehmen registriert ist, sondern als Nichtregierungsorganisation (NGO).

Anders als er müsse die Stiftung daher keine Steuern zahlen, obwohl sie wie er Miete für Büroflächen verlange. Zudem wird das Projekt mit einer Million Euro von der Evonik-Stiftung unterstützt. Für den lokalen Unternehmer Rwamwenge ist das eine Wettbewerbsverzerrung. Die Westerwelle-Foundation sagt hingegen, ihr Angebot gehe über die reine Vermietung der Büroräume hinaus, sie biete Workshops und Veranstaltungen an, um junge Firmen zu vernetzen. Die Frage ist, warum das lokale Anbieter nicht leisten könnten? "Wir haben die Stiftung angesprochen, ob wir die Flächen vermarkten können und wollten ein Programm entwickeln, das Start-ups hilft, die Unterstützung benötigen. Das wurde abgelehnt. Stattdessen hat man sich entschieden, unsere Kunden ins Visier zu nehmen", sagt Rwamwenge der SZ. Er habe mehrere Mieter verloren.

Als Evonik-Arbeitsdirektor Thomas Wessel das Projekt im Februar 2017 vorstellte, lobte er das Vorhaben, weil es Fluchtursachen an der Wurzel im Ausland bekämpfe. Bekämpfung der Fluchtursachen ist derzeit ein großes Thema in der Entwicklungshilfe, es gibt kaum eine Organisation, die kein entsprechendes Projekt hat. Nur flüchten aus Ruanda kaum Menschen, im Gegenteil, das Land ist eines der größten Aufnahmeländer Afrikas.

Diese Geflüchteten wolle man unterstützen, teilt die Stiftung nun mit, unabhängig davon, ob sie einmal nach Deutschland kommen werden. In Ruanda fragt sich Unternehmer Rwamwenge, wie lange die Mode der NGOs wohl andauern werde, die ins Land kommen und Fluchtursachen bekämpfen, um irgendwann wieder zu verschwinden. Als Präsident Paul Kagame kürzlich eine Bürgersprechstunde abhielt, sprach Rwamwenge das Thema an: Ein Umfeld, in dem NGOs Geld für wohltätige Zwecke dafür ausgeben, die Preise der lokalen Konkurrenz zu unterbieten, sei "nicht nachhaltig". Diese Organisationen zerstörten einheimische Betriebe und verließen dann wieder das Land. Die New Times berichtete nach der Veranstaltung, es gebe in anderen Branchen ähnliche Beschwerden. Die Westerwelle-Foundation betont dagegen, sie habe durch die Beauftragung lokaler Handelsbetriebe und die Anstellung eines einheimischen Management-Teams bereits jetzt Arbeitsplätze geschaffen und wolle das langfristig tun. Ephraim Rwamwenge sagt, die Regierung habe ihm zugesichert, den Status und die Aktivitäten ausländischer Nichtregierungsorganisationen untersuchen zu wollen.