Rot-Rot-Grün in Thüringen:Ist ein linker Ministerpräsident eine Schande?

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Ist es eine Schande, dass jetzt Bodo Ramelow in einem ostdeutschen Bundesland Ministerpräsident werden soll? Das Wort von der Schande hat ein CDU-Politiker in den Mund genommen. Kai Wegner, Generalsekretär der Berliner CDU. Er hat gesagt: Rot-Rot-Grün in Thüringen, das sei eine "Schande für Deutschland". Also auch für mich.

Wegner ist Jahrgang 1972, ein Jahr jünger als ich. Zur Wende war er 17 Jahre alt. Er ist in West-Berlin geboren. Er dürfte in seinem persönlichen Umfeld keinen Kontakt mit der Stasi gehabt haben. Er durfte reisen, wohin er wollte. Er war bestimmt näher dran am Leben in der DDR, als einer wie ich, aufgewachsen nahe der holländischen Grenze.

Aber warum sagt er Schande?

Es geht um den Verlust von Ehre, wenn es um Schande geht. Den Verlust von Anstand und Würde. "Alles, was nach Schande kommt, ist ein Fall für die Unterlassungsklage oder gleich den Straftatbestand der Volksverhetzung", schreibt die Zeit-Online-Kolumnistin Mely Kiyak. Schande, ein schwieriger Begriff.

Es ist bezeichnend, dass vornehmlich in Westdeutschland sozialisierte Politiker mit solchen Begriffen hantieren, wenn es darum geht, die Linke zu kritisieren. Oder SPD und Grüne dafür, dass sie mit der Linken zusammen regieren wollen. So, als wollten sie unbedingt katholischer sein als der Papst.

Respekt vor jedem ostdeutschen SPD-Mitglied, das selbst Opfer von Bespitzelung war und nun gegen einen linken Ministerpräsidenten protestiert. Dieses SPD-Mitglied weiß, auf welcher Seite es stand, als das DDR-System ihm noch das Leben zur Hölle gemacht hat. Doch das Wort Schande ist von denen nicht zu hören.

Aber weiß ein Kai Wegner auf welcher Seite er gestanden hätte? Mitläufer, Mittäter, Täter. Die Unterschiede verwischen manchmal in repressiven Staaten. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, mich dem System entgegenzustellen. Oder ober ich so opportunistisch geworden wäre, dass ich bei der Stasi gelandet wäre. Ich hatte Glück. Ich stand nie vor so einer Entscheidung.

Kai Wegner vermutlich auch nicht.

Ob es eine Schande ist, wenn ein Mitglied der heutigen Partei Die Linke Ministerpräsident in Thüringen wird - ein solches Urteil überlasse ich lieber denen, die dort aufgewachsen sind. Die unter der DDR gelitten haben. Ich maße mir dieses Urteil nicht an.

Es war gut, dass Berlin auch von der Linken mitregiert wurde

Schon deshalb nicht, weil ich all jene schmähen würde, die Mitglied der Linken sind oder diese Partei wählen. Wo fängt da die Schande an? Oder ist schon die pure Existenz dieser Partei eine Schande? Was ist dann mit den Tausenden Menschen, denen sie eine politische Heimat bietet?

Es war gut, dass Berlin fast zehn Jahre lang auch von der Linken mitregiert wurde. Die Stadt konnte zusammenwachsen. Nicht die West-SPD und West-CDU haben sich die Macht geteilt wie in den Jahren davor.

Es mag schmerzlich für die CDU sein, wenn links von ihr Bündnisse möglich werden. Aber das ist ein politisches Problem. Kein moralisches. Keines, dem mit Begriffen wie Schande begegnet werden könnte. Schon gar nicht, wenn sich West-Politiker zu moralischen Instanzen erheben.

Kein Raum für Diskussionen

Mein Onkel in Cronskamp hat mir in jenem Winter eine alte Trompete geschenkt. Ich war sehr stolz. An der Grenze zur BRD haben die DDR-Beamten uns rausgewunken. Totalkontrolle. Das einzige, was sie gefunden haben, war die alte Trompete. Sie haben sie behalten. Das sei DDR-Kulturgut. Keine Ahnung, ob die DDR-Gesetze das hergaben. Aber an der innerdeutschen Grenze war kein Raum für Diskussionen über Recht und Unrecht.

Es gab viele an meiner Schule, die mit der DDR gar keine Berührung hatten. Keine Verwandten, keine Pakete, keine seltsamen Telefonate. Das waren meist auch die, die am lautesten geschimpft haben auf die DDR. Vielleicht tue ich ihm Unrecht. Aber Kai Wegner und sein Satz von der Schande erinnern mich stark an diese Mitschüler.

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