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Sozialismus:Marxistische Theorie und anrührende Liebeserklärungen

"Freiheit", lautet Rosa Luxemburgs meistzitierter Satz, "ist immer Freiheit der Andersdenkenden." Piper dokumentiert, dass und wie dieses Prinzip - durchaus anders als im heutigen, am Gängelband von Effizienz- und Exzellenz-Planern hängenden Bildungssystem - damals auch für die Universitäten galt. Rosa Luxemburgs Zürcher Doktorvater Julius Wolf war ein erklärter Gegner des Marxismus; er plädierte, so Ernst Piper, "für eine staatliche Sozialpolitik, um der revolutionären Sozialdemokratie das Wasser abzugraben".

Was passiert, wenn eine glühende Marxistin so jemandem eine Dissertation über die industrielle Entwicklung Polens vorlegt? "Der Arbeit", urteilt Wolf, "ist nachzurühmen volle Beherrschung des Gegenstandes, große Sorgfalt, großer Scharfsinn." Sie "legt Zeugnis ab ebenso von theoretischer Begabung wie von praktischem Blick". Zwar: "Die Verfasserin ist Sozialistin und steht zu der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung." Aber: "Das tut der Tüchtigkeit der Leistung keinen Abbruch, welche weit darüber hinausgeht, was von einer Dissertation gefordert werden muss."

Schreiben und schreibend denken lässt sich, möglicherweise, lernen. Verlernen lässt es sich nicht. Rosa Luxemburg hat eine schier unüberschaubare Menge von Büchern, Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Briefen verfasst.

Auf Anordnung der PiS-Regierung wurde die Gedenktafel am vermeintlichen Geburtshaus in Zamosc 2018 entfernt.

Foto:OH mit Credit

Auf Anordnung der PiS-Regierung wurde die Gedenktafel am vermeintlichen Geburtshaus in Zamosc 2018 entfernt.

(Foto: Nowy Kurier Zamojski)

Es ist mehr als bewundernswert, wie viele dieser Texte Piper in seiner Biografie nicht nur zitiert, sondern auch erläutert und in ihren jeweiligen Kontext einordnet: Weiterentwicklungen der marxistischen Theorie, Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Parteien und Funktionären, aber auch anrührend heftige Liebeserklärungen an ihren Jugendfreund und Kampfgenossen Leo Jogiches (aus dessen privat wie politisch ziemlich kontrollsüchtiger Verfügungsgewalt sie sich nur unter großen Mühen befreite), an den heiß geliebten, 15 Jahre jüngeren Kostja Zetkin, den Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, oder an Paul Levi, der sie in vielen Strafverfahren verteidigte und zugleich die letzte große Liebe ihres Lebens war. Und auch wenn selbstverständlich nicht allen Texten die gleiche Bedeutung zukommt, so bestätigen doch so gut wie alle das zitierte Urteil ihres Doktorvaters.

Der Öffentlichkeit ist Rosa Luxemburg in erster Linie durch ihre Reden bekannt, ja zur Berühmtheit geworden. Sie hatte, staunte sogar das bürgerlich-liberale Hamburger Abendblatt, "etwas Faszinierendes in ihrem Wesen, sie verfügt über eine zündende Beredsamkeit, sie versteht es, für jede ihrer Ausführungen selbst dem nicht sozialistischen Zuhörer das regste Interesse einzuflößen, und gerade gestern wurde es dem rein objektiven Zuhörer klar, dass es einer Frau wie ihr gelingen muss, die Arbeitermassen mit sich fortzureißen".

Kritischer Geist in den Reihen der SPD

Kein Wunder also, dass die SPD als damals mit Abstand größte sozialistische Partei Europas Rosa Luxemburg sofort für sich einspannte, nachdem diese - nicht zuletzt wegen der SPD - durch eine Scheinehe die preußische Staatsbürgerschaft erworben hatte und nach Berlin umgezogen war.

Die beiden großen Männer der Partei, der Vorsitzende August Bebel und der Cheftheoretiker Karl Kautsky hielten zwar, jedenfalls bis zur endgültigen Selbstdemontage der SPD 1914, stets loyal zu ihr, auch wenn sie sich oft kompromissbereiter als ihre scharfzüngige Freundin gaben. Doch schnell bekam die mit ihren zunehmenden Wahlerfolgen immer behäbiger und bürokratischer gewordene SPD (Piper redet bündig und, schlimmer, bis heute kaum widerlegbar von "bürokratischer Sklerose") zu spüren, welch kritischen Geist sie da in ihre Reihen aufgenommen hatte.

Ausführlich verfolgt Piper, wie sich Rosa Luxemburgs Grundpositionen bereits in ihrer polnischen Untergrundarbeit bildeten und sich dann weiterentwickelten - in ständiger Auseinandersetzung mit selbstgenügsamen, um ihre bürgerliche Anerkennung wie um ihre Privilegien als Abgeordnete oder Inhaber von Parteiämtern besorgten SPD-Funktionären auf der einen und mit doktrinären Bolschewisten auf der anderen Seite.