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Sozialismus:Rosa Luxemburg - die große Ruhestörerin

Rosa Luxemburg und Clara Zetkin

Freundinnen des Marxismus: Rosa Luxemburg (rechts) und Clara Zetkin bei einem Spaziergang im Jahr 1910.

(Foto: SZ Photo)
  • Eine neue Biografie zeichnet den Lebensweg der vor 100 Jahren ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg nach.
  • Ihr Leben lang kämpfte sie gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
  • Die glühende Marxistin überzeugte mit fundierten Schriften selbst Antimarxisten.
  • Historisch relevant ist auch ihre Dauerauseinandersetzung mit der SPD.

Wie oft kann man einen Menschen um sein Leben bringen? 1931 brandmarkte Josef Stalin die zwölf Jahre zuvor, am 15. Januar 1919, von deutschen Soldaten umgebrachte Rosa Luxemburg wegen ihres Konzepts der "permanenten Revolution" als Feindin des einzig wahren, nämlich des sowjetischen Kommunismus. Damit, schreibt der Historiker Ernst Piper in seiner jetzt vorgelegten Biografie, habe Stalin Rosa Luxemburg "zum zweiten Mal ermordet".

Piper meint das wörtlich. Der zweite Mord besteht nicht in der berechtigten Vermutung, dass Rosa Luxemburg den Großen Terror in der Sowjetunion nicht überlebt hätte; er besteht in Stalins Satz. Es kommt auf die Sprache an. Auch die dumpf fanatisierten Soldaten der Berliner Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Anführer der aus der SPD ausgeschlossenen "Spartakusgruppe" und Gründer der KPD, ermordeten, führten nur aus, was andere gesagt hatten.

Als die im November 1918 gebildete Regierung unter der Führung Friedrich Eberts (SPD) nach dem sogenannten Januar-Aufstand 1919 beschloss, mit Waffengewalt gegen die vermeintlichen Rädelsführer vorzugehen, sagte der Militärbeauftragte Gustav Noske: "Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!" Der Satz hätte in die zu jener Zeit entstehende dramatische Montage von Reden und Zeitungsartikeln gepasst, mit der Karl Kraus vorführte, dass und wie Sprache tötet. Das Stück heißt: "Die letzten Tage der Menschheit".

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Spartakusaufstand Januar 1919

Als in Berlin der Bürgerkrieg tobte

Die SPD will zur Jahreswende 1918/19 die Revolution in Deutschland beenden - für die Linksradikalen geht es erst richtig los. Rückblick auf einen blutigen Winter.   Von Robert Probst

In Wahrheit dachten die Spartakisten damals nicht an einen Putsch. Rosa Luxemburg, die immer die Ansicht vertreten hatte, eine Revolution könne man nicht "machen", sie passiere einfach, lehnte ihn sogar dezidiert ab. Dennoch hingen wenig später in ganz Berlin rote Plakate, auf denen zu lesen stand: "Arbeiter, Bürger! Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen. Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot!"

47 Jahre alt ist die im polnischen Zamość als Tochter eines begüterten jüdischen Holzhändlers geborene Rosa Luxemburg geworden. Ein Hüftleiden fesselte sie als kleines Mädchen für ein ganzes Jahr ans Bett. Auch darum las und schrieb sie unentwegt, und spätestens mit 13 war ihr klar, wogegen sie fortan vor allem anschreiben würde: gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Zum Studium in die Schweiz? Als Frau? Als Marxistin? Ja.

Natürlich muss so eine Sozialistin werden, und da Sozialisten im vom zaristischen Russland kontrollierten Polen hart verfolgt werden, schloss sie sich bereits als Gymnasiastin einer marxistischen Untergrundorganisation an. Ihr Biograf Piper zeichnet das sorgfältig und - in seltenen Glücksfällen gibt es so etwas - mit objektiver Empathie nach. Mit 17 machte Rosa als Klassenbeste das Abitur; kurz darauf floh sie vor der russischen Geheimpolizei nach Zürich und beginnt dort ihr Studium.

Studium in der Schweiz? Als Frau? Als Marxistin? Ja. Ausgerechnet die Schweiz hatte bereits 1840 Frauen zum Universitätsstudium zugelassen, anders als Deutschland und Österreich, wo das erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts geschah. Und: In Schweizer Universitätsstädten, so der ebenfalls dort studierende Chaim Weizmann, der 1949 Israels erster Staatspräsident wurde, trafen sich damals "die revolutionären Kräfte aus ganz Europa".

Geburtshaus Rosa Luxemburg

Die Tafel mit der Aufschrift: "In diesem Haus wurde im Jahr 1871 Rosa Luxemburg geboren, die herausragende Aktivistin der internationalen Arbeiterbewegung. Zamość 1979" hing bis März 2018.

(Foto: dpa/SCHROEWIG/RD)