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Romney-Strategie:Erst knochenhart rechts, jetzt immer weicher

Beim zweiten Anlauf 2012 war die Lage noch schwieriger: Die Rechtspopulisten der Tea Party trieben die Partei vor sich her, scheinbar war dies nicht die Zeit für einen Moderaten aus Massachusetts. Also rückte Romney noch weiter nach rechts. Anders als in der Fernsehdebatte mit Obama gab er noch Anfang dieses Jahres den knochenharten Rechten: Er werde die Steuern für alle senken, auch für die Reichsten, sagte er, er befürworte die radikale Kürzungsagenda des Haushaltsexperten und Tea-Party-Idols Paul Ryan. Und in Massachusetts habe er als "stramm Konservativer" heldenhaft die Demokraten eingedämmt.

Romney gewann die Vorwahlen, weil seine Rivalen lächerlich waren. Und er gewann um den Preis, dass er in jedem Sachthema weiter rechts stand als vorher - bei Waffen, Abtreibung, Einwanderung, Iran. Dies ist, zum einen, ein Systemfehler: Schon der Vorwahl-Auftakt im ländlichen Iowa verlangt Kandidaten einen solch drastischen Schwenk nach Rechts ab, dass der Gewinner für das landesweite Publikum kaum mehr vermittelbar ist.

Andererseits hätte ein charismatischer, von der Partei geliebter Kandidat viel früher in die Mitte zurückkehren können. Romney hingegen galt vielen Rechten als schlecht verkleideter Linker, als Wendehals oder "Flip-Flopper". Statt also in seine strategische Heimat, die Mitte, zurückzukehren, verbrachte Romney den Sommer damit, sein rechtes Herz zu zeigen. Er nahm den jungen Sanierer Ryan zum Vize- Kandidaten und spielte außenpolitisch den Neokonservativen. Es wirkte seltsam, denn jeder wusste, dass Romney kein Radikaler war. Aber er stand unter Beobachtung. Mäßigte sein Vize Ryan den Ton, meckerte die Basis, dass Ryan romneysiert werde, statt Romney zu rayanisieren.

Weil Romney sich selbst nicht überzeugend definierte, tat es Obama: Den ganzen Sommer über malte er ihn in unzähligen Werbespots als herzlos, gierig, berechnend. Am Ende schien das 47-Prozent-Video alles zu bestätigen.

Am Abend der Fernsehdebatte schließlich hatte Romney nichts mehr zu verlieren. Er gab sich als Republikaner mit Herz und dem Willen zum Kompromiss. Er werde - verkehrte Welt - die Senioren vor Obamas Kürzungsplänen bewahren, er werde den Studenten helfen, den Kranken, der ganzen Mittelschicht. Obama wirkte wie gelähmt, unfähig, die Widersprüche zwischen dem alten und dem neuen Romney zu zeigen. Es ist unklarer denn je, was Romney als Präsident tun würde, ob er sich von den radikaleren Strömungen im Kongress lösen oder ob er den Einfluss der Tea Party bis ins Weiße Haus zulassen würde.

Medienschau zum TV-Duell zwischen Obama und Romney

"Frustrierende Nacht für Liberale"

Zurzeit ist Romney eher damit beschäftigt, seine weichere Seite zu zeigen. Seit der Debatte teilt er erstmals sehr persönliche Anekdoten aus seinem Leben. So erzählte er jüngst von der Begegnung mit einen gelähmten Bekannten: "Ich legte meine Hand auf seine Schulter und flüsterte: Billy, Gott segne dich. Ich liebe dich . . . Er starb am nächsten Tag." Oder Romney berichtete, wie er als Amtsträger in der mormonischen Kirche einem todkranken Jungen half, seinen letzten Willen aufzuschreiben. Romney hat es immer als Tugend verkauft, nichts über sich zu verraten; er wolle nicht mit seiner Mildtätigkeit hausieren gehen. Auch das hat er jetzt geändert.

Obamas Kampagne hat schnell auf den Debattenaussetzer des Chefs reagiert. In einem Werbespot zeigt sie Romney, wie er in der Fernsehdebatte bestreitet, mit massiven Steuersenkungen auch die Reichen begünstigen zu wollen. "Schockierend unehrlich", heißt es. Obama scherzte am Tag nach seinem Fernsehdebakel, ihm sei auf der Bühne "ein geistreicher Kerl begegnet, der behauptete, Mitt Romney zu sein". Welches der richtige Romney war? Obama hat noch Gelegenheit, das in zwei Fernsehdebatten herauszufinden.