Romney auf Wahlkampftour in Ohio:"Mitt, zeig uns dein Herz"

Lesezeit: 4 min

Nach dem Sieg in Michigan ist vor der Schlacht von Ohio: Mitt Romney wirkt beim "Townhall Meeting" nicht ganz so steif wie im Fernsehen. Doch als die Zuhörer versuchen, mit freundlichen Fragen dem Menschen im Kandidaten nahezukommen, scheitern sie. Beim Thema Waffen allerdings zögert der Republikaner nicht.

Matthias Kolb, Bexley, Ohio

Mitt Romney, Ann Romney

Mitt Romney beim "Townhall Meeting" in Bexley: mit Sicherheitsabstand zu den Bürgern.

(Foto: AP)

An diesem Nachmittag scheint alles zu passen. Mitt Romney steht auf einer kleinen Bühne im Hauptsaal der Capital University in Bexley, Ohio, umgeben von Fans und Freunden. Ausgiebig feiern die Vorredner seine Erfolge von Michigan und Arizona und nicht nur Ehefrau Ann kündigt ihn als "nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika" an.

"Townhall Meeting" nennen die Amerikaner diese Wahlveranstaltungen, bei denen der Kandidat inmitten der Bürger steht und, nach einer kurzen Rede, Fragen aus dem Publikum beantwortet. Schnell wird deutlich, worum es den etwa 300 Zuhörern geht: Sie wollen vor dem Super Tuesday, bei dem am Dienstag in Ohio und in neun weiteren Bundesstaaten Vorwahlen stattfinden, mehr über die Person Mitt Romney erfahren. "Wie sollen dich die Menschen in Erinnerung behalten?" lautet die Frage eines Mädchens namens Madeleine an den Multimillionär.

Er denke da an seinen Vater, der 88 Jahre alt geworden sei, berichtet Romney. Vor seinem Tod habe George Romney, der Ex-Gouverneur von Michigan, gesagt, es sei ihm am wichtigsten gewesen, ein guter Vater für seine vier Kinder gewesen zu sein. Dieses Ziel habe er auch, erklärt der 64-jährige Romney und fährt fort: "Und wenn ich Präsident werde, dann hoffe ich, dass die Leute später sagen: Er hat dem amerikanischen Volk geholfen, es stärker gemacht und in eine leuchtende Zukunft geführt."

Er hat es versucht, immerhin. Aber so richtig durchdringen, zu den Herzen seiner Zuhörer, kann er damit nicht. Es will einfach nicht so richtig menscheln bei Romney.

Nächster Versuch aus dem Publikum: Die Medien beschrieben ihn stets als kalten Kapitalisten, der kein Herz habe. "Können Sie uns nicht erzählen, wie Sie sich für andere engagiert haben, damit die Menschen merken, dass Sie die Amerikaner lieben?", bittet ein Mann.

Romney, der vor einer riesigen Stars-and-Stripes-Flagge steht, nimmt sich Zeit für die Antwort, genau vier Minuten und 38 Sekunden. Die wichtigste Person in seinem Leben sei seine Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt sei, doch gemeinsam hätten sie die Krankheit in den Griff bekommen, erzählt er. Wie er Ann tatsächlich beistand, darauf geht Romney nicht ein. Auch die Liebeserklärung an die 16 Enkel fällt eher unpersönlich, nichtssagend aus: "Es ist aufregend, meine Söhne zu besuchen und von den Kindern umarmt zu werden." Keine Anekdote, kein Erlebnis, nichts.

Da es in "meiner Kirche" keine bezahlten Geistlichen gebe, seien Mitglieder der Gemeinde gefordert, das Amt des Pastors zu übernehmen, berichtet Romney weiter. Zehn Jahre lang habe er in Boston diese Position innegehabt und sich ehrenamtlich um Glaubensbrüder aus allen Teilen der Welt und aus allen Schichten gekümmert. "Eine tolle Erfahrung", schwärmt der frühere Gouverneur von Massachusetts, ohne Näheres zu verraten - und das Wort "Mormone" spricht er nicht aus.

Auch dass er in seiner Zeit bei Bain Capital mit der ganzen Belegschaft nach New York fuhr, um drei Tage lang die vermisste Tochter eines Kollegen zu suchen, erwähnt er - zur Überraschung der Journalisten - nicht. Dabei haben seine Berater dazu sogar Werbespots anfertigen lassen. (Die Videos sind in diesem Blog-Beitrag zu sehen.)

Wahlkämpfe in den USA werden extrem personalisiert geführt. Für Romney ist das ein Problem. Denn für seine Landsleute bleibt es eine Herausforderung, dem Menschen Mitt Romney näher zu kommen. Auch wenn der alte und neue Favorit der Republikaner bei dem "Townhall Meeting" weniger roboterhaft als im Fernsehen wirkt. Die meisten Antworten sind schlagfertig und er muss nur selten sein typisches, meckerndes "Hehehe"-Lachen erklingen lassen, mit dem er oft unangenehme Situationen überspielt.

Vor den Publikumsfragen hatte er eindringlich vor einer Atommacht Iran gewarnt und Präsident Obama für dessen "gescheiterte Amtszeit" gescholten, die eigene Wirtschaftskompetenz gepriesen und auf den "Währungsmanipulator" China geschimpft. Für solche Aussagen gibt es in Ohio, wo in den vergangenen Jahren Hunderttausende Jobs verlorengegangen sind, viel Applaus.

Ich glaube an das Second Amendment

Relativ verhalten war die Kritik an den Mitbewerbern, vor allem an Rick Santorum, der noch vor einer Woche die Umfragen in Ohio anführte: "Rick ist ein netter Kerl, aber er ist ein wirtschaftliches Fliegengewicht." Man brauche langjährige Erfahrung und keine Stichwörter, die Berater für einen notiert hätten, lästerte Romney. Er sei sich sicher, dass er der einzige Bewerber sei, der Präsident Barack Obama besiegen könne.

Dann wird dem Kandidaten doch noch eine Frage gestellt, die nichts mit seiner Persönlichkeit zu tun hat. Ob ein US-Präsident Mitt Romney es ihm gestatten werde, weiterhin Waffen zu besitzen, um seine Familie gegen eine Regierung zu beschützen, die immer tyrannischer werde, will ein Mann wissen. Waffen gegen die Regierung? Romney zögert keine Sekunde und bekennt sich eindeutig zum Recht auf Waffenbesitz: "Ich glaube an das Second Amendment und werde es schützen. Ich besitze selbst Pistolen und ich finde, dass jeder in diesem Land das Recht haben sollte, Waffen zu tragen."

Kurze Zeit später ist die Fragerunde beendet. Mitt Romney posiert für Fotos, gibt Autogramme und schüttelt unter den wachsamen Augen der Bodyguards Hunderte Hände. Zumindest in diesen Momenten kommen einige Republikaner ihrem Favoriten richtig nahe.

Linktipp: Die Antwort Mitt Romneys auf die Frage nach dem Recht auf Waffenbesitz ist auch als Video verfügbar.

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