Süddeutsche Zeitung

Heidenheim:Auf Rommels Denkmal fällt nun ein Schatten

In seiner Geburtsstadt erinnert ein Gedenkstein an Hitlers Lieblingsgeneral. Jetzt steht ihm eine Skulptur gegenüber - sie erinnert an die Opfer jener Minenfelder, die Rommel in Afrika anlegen ließ.

Von Claudia Henzler, Stuttgart

Seit Jahren wird in Erwin Rommels württembergischer Geburtsstadt Heidenheim darüber diskutiert, ob das Denkmal für Hitlers Lieblingsgeneral entfernt werden soll. Nun wurde ein Kompromiss gefunden: Auf das Rommel-Denkmal fällt ein Schatten. Der Heidenheimer Künstler Rainer Jooß konnte den Gemeinderat von seiner Idee überzeugen, den Gedenkstein unangetastet zu lassen, ihm aber ein Gegendenkmal entgegenzusetzen und ihn damit in einen neuen Kontext zu stellen.

Am Donnerstag hat Jooß die Skulptur offiziell übergeben. Sie zeigt die Silhouette eines Landminenopfers, die einen Schatten wirft. Die Figur soll daran erinnern, dass Millionen nicht geräumter Minen aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute Opfer unter der Zivilbevölkerung fordern. Als Kommandeur des deutschen Afrikakorps hatte Rommel an der ägyptischen Nordküste Labyrinthe aus Minenfeldern anlegen lassen, als er sich 1942 auf die zweite Schlacht um al-Alamein vorbereitete. Er verlor und musste sich bis nach Tunis zurückziehen. Die Landminen aber blieben.

"Was hatte die Wehrmacht in Nordafrika zu suchen?", fragte der Historiker Wolfram Wette bei der Übergabe des erweiterten Denkmals im Gemeinderat rhetorisch. "Sie führte dort einen imperialistischen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg." Wette skizzierte, wie die Nazi-Propaganda das Bild vom unerschrockenen Draufgänger und listigen Strategen schuf, vom "Wüstenfuchs", der selbst seinen Feinden Respekt abnötigte, und wie Rommel damit zum Helden stilisiert wurde. Der Verein "Deutsches Afrikakorps" hatte das Rommel-Denkmal 1961 in einem kleinen Park im Stadtteil Zanger Berg aufstellen lassen. Die Dimension des Gedenksteins, zwei mal vier Meter groß, spiegelt die Größe des Mythos wider, der den Generalfeldmarschall noch in der Nachkriegszeit umgab. Auf der Rückseite des Steinquaders ist vermerkt: "Aufrecht, ritterlich und tapfer bis zu seinem Tode als Opfer der Gewaltherrschaft".

Einige Bürger wollten Rommels Denkmal komplett abbauen. Gefunden wurde ein Kompromiss

Inzwischen sehen Historiker Rommels Rolle in der NS-Zeit deutlich kritischer. Er war zwar nie Mitglied der NSDAP, galt aber als begeisterter Anhänger von Adolf Hitler, und er hat dessen Regime und Kriegspläne gestützt. Dass er nach dem Attentat des 20. Juli 1944 zum Suizid gezwungen wurde, weist ihn nicht zwingend als Widerstandskämpfer aus. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags schrieb 2019, "dass Rommel möglicherweise über das Attentat informiert worden war und diese Erkenntnis nicht verraten hat. Diese These bildet aber schon die am weitesten reichende mögliche Beteiligung Rommels am Widerstand ab, weitergehende Aktivitäten konnten bislang nicht nachgewiesen werden."

Während sich die Stahlsilhouette des Minenopfers vor allem mit den Folgen kriegerischer Gewalt und der Heroisierung des Militärs auseinandersetzt und weniger mit der Person Rommels, dekonstruierte Wette den Mythos Rommel und ging dabei auch auf die Frage ein, ob dieser heute noch zu einem Vorbild und Namensgeber für Bundeswehreinrichtungen tauge. Seine Prognose: "Die verbliebenen zwei Rommel-Kasernen werden sich nicht halten lassen." Aus Wettes Sicht wird Rommel jedoch "den Status einer markanten Persönlichkeit der Zeitgeschichte auch zukünftig behalten". Aber die Bewertung seines Handelns werde sich weiter ändern. Wettes wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rommel wird im Internet präsentiert und ist integraler Bestandteil des Umgestaltungskonzeptes, mit dem Jooß die Heidenheimer überzeugen konnte. "Die Webseite ist an der Silhouette eingraviert", erklärt Jooß (rommel-denkmal.de).

In Heidenheim hatte sich vor sieben Jahren eine Initiative für den Abbau des Denkmals gegründet, fand dabei aber wenig Unterstützung. Die meisten Leute gingen ohnehin achtlos an dem Denkmal vorbei, sagt Oberbürgermeister Bernhard Ilg (CDU) noch heute. "Das Thema Rommel, der große Sohn Heidenheims, das sehe ich als maßlos übertrieben." Als Jooß aber angefangen habe, sehr sachlich und unaufgeregt Unterstützer für seine Idee zu suchen, habe ihn dies überzeugt. Ilg will sich zu Rommel nicht positionieren, er findet es aber richtig, "dass man den wenigen, die sich dahin verirren", sage: "Es gibt verschiedene Meinungen."

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SZ vom 24.07.2020/mane
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