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Roma in Europa:Ein Volk mit vielen Facetten

Von den Roma wird viel geredet und viel behauptet. Doch wer gehört überhaupt zu dieser Volksgruppe? Woher kommen die Roma und wie leben sie wirklich? Antworten auf die wichtigsten Fragen. In Bildern.

Susanne Klaiber

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Roma in Europa:Wer sind Roma und woher kommen sie?

Gypsie

Quelle: Getty Images

Vor etwa 1000 Jahren wanderten Gruppen aus Nordindien aus - wer die Leute waren und warum sie weggingen, ist nicht bekannt. Sie zogen unter anderem nach Europa und fassten spätestens in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Balkanstaaten Fuß. Der älteste schriftliche Beleg für ihre Ankunft in Deutschland findet sich in den Hildesheimer Stadtrechnungen aus dem Jahr 1407.

Im heutigen Sprachgebrauch hat der Begriff Roma zwei Bedeutungen: Im engeren Sinn versteht man darunter nur die Nachkommen jener Auswanderer, die sich in Osteuropa niederließen und erst in den vergangenen 200 Jahren in den deutschen Sprachraum zogen.

Im weiteren Sinn - und oft im internationalen Sprachgebrauch - ist Roma der Überbegriff für die verschiedenen Gruppen, die von den indischen Auswanderern abstammen, darunter die vor allem in Deutschland lebenden Sinti oder die Kalé in Spanien. Viele Gruppen lehnen allerdings Roma als Überbegriff ab, einige halten stattdessen "Zigeuner" als Bezeichnung für Gruppen mit vergleichbarer Lebensweise für geeigneter, andere empfinden das Wort als äußerst diskriminierend. Roma bedeutet eigentlich "Männer", ein Mann heißt "Rom", eine Frau "Romni".

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Roma in Europa:Wie viele Roma leben in Europa?

Roma Balkendiagramm

Quelle: süddeutsche.de/s.kaiser

Der Europarat schätzt, dass es etwa zehn Millionen Roma in Europa gibt. Allerdings variieren die Zahlen zwischen acht und 15 Millionen. Das Land, in dem die meisten Roma leben, ist Rumänien, gefolgt von Bulgarien, Spanien, Ungarn und der Slowakei. In Deutschland leben nach Angaben des Innenministeriums etwa 70.000 Sinti und Roma, dem Europarat nach etwa 105.000. Die Mehrheit von ihnen lebt in den Hauptstädten der alten Bundesländer und in großen Ballungsgebieten. Genaue Angaben gibt es nicht, weil in deutschen Statistiken die ethnische Zugehörigkeit nicht erfasst wird.

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Roma in Europa:Rechtlicher Status der Roma

ROMA-DEMONSTRATION BEI INNENMINISTERKONFERENZ

Quelle: DPA/DPAWEB

Roma, die Staatsangehörige eines EU-Landes sind, können sich aussuchen, wo sie leben möchten. Bis zum Jahr 2013 gelten in einigen EU-Ländern allerdings Übergangsbestimmungen für die Bürger neuer Mitgliedsstaaten, darunter Rumänien: Demnach müssen Einwanderer innerhalb von drei Monaten eine reguläre Arbeit finden, damit sie bleiben dürfen.

Außerdem genießen Roma besondere Schutzrechte in Europa: Der Europarat hat das "Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten" geschlossen, das bisher von 43 Staaten unterzeichnet, von vieren aber noch nicht ratifiziert wurde. Es verpflichtet die Staaten, nationale Minderheiten vor Diskriminierung und Gewalt zu schützen und sie in Bildung, Kultur und Medien zu fördern. In Deutschland ist das Übereinkommen seit 1998 in Kraft. Deutsche Sinti und Roma sind seit 1995 als nationale Minderheit anerkannt, neben den Dänen, Friesen und Sorben.

Der Europarat hat auch die "Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen" eingeführt. Mit ihr werden die jeweiligen Regional- oder Minderheitensprachen geschützt und gefördert. Zum Beispiel müssen die Staaten Gelegenheiten erhalten, bei denen diese Sprachen gesprochen werden können. Die Charta ist bisher von 31 Staaten unterzeichnet, von neun fehlt aber noch die Ratifikation. In Deutschland trat sie 1999 in Kraft, Romanes ist als Minderheitensprache anerkannt.

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Roma in Europa:Sind Roma sesshaft oder nicht?

General view of daily life inside an illegal camp of travelling people in Indre, near Nantes

Quelle: REUTERS

Entgegen hartnäckiger Vorurteile sind die meisten Roma sesshaft, Schätzungen gehen von etwa 95 Prozent aus. Teils entschieden sich die Roma selbst für diese Lebensweise, in den kommunistischen Ländern wurden sie oft dazu gezwungen, um zum Beispiel in landwirtschaftlichen Großbetrieben zu arbeiten. Diese Politik begünstigte die Bildung von Ghettos.

In ihrer Geschichte wanderten die Roma oft nicht freiwillig. Häufig wurden sie brutal vertrieben oder aus Angst vor Konkurrenz daran gehindert, sich niederzulassen und eine Arbeit aufzunehmen. So spezialisierten sich viele Roma auf flexible Berufe wie Schausteller, Messerschleifer oder Musiker und schafften sich innerhalb ihrer Großfamilien berufliche und soziale Netzwerke, die teils noch heute funktionieren und sich unter Umständen auch der staatlichen Kontrolle entziehen.

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Roma in Europa:Welche Sprache sprechen Roma?

Ehemalige Zwangsarbeiter in Rumänien warten auf Entschädigung, 2000

Quelle: AP

Viele Roma sprechen einerseits die Sprache des Landes, in dem sie leben, und außerdem das indogermanische Romanes (oder Romani), das sich aus der altindischen Hochsprache Sanskrit entwickelt hat. Von Romanes gibt es allerdings viele Varianten, weil die Sprecher sie mit den jeweiligen Landessprachen vermischt haben.

Bis ins 20. Jahrhundert wurde Romanes nur gesprochen, nicht geschrieben. Man geht davon aus, dass ungefähr 70 Prozent des Grundwortschatzes des Romanes mit anderen indischen beziehungsweise indoeuropäischen Sprachen verwandt ist.

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Roma in Europa:Was zeichnet die Kultur der Roma aus?

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Quelle: AFP

Roma sind keine homogene Gemeinschaft, weshalb es also "die" Roma-Kultur nicht gibt. Außerdem wurden durch den Völkermord im Dritten Reich bestehende Sozialstrukturen zerstört. Traditionell sind Roma-Familien patriarchalisch organisiert, es gibt enge Bande zwischen Familie, Großfamilie und befreundeten Familien. In vielem orientiert sich die Kultur der Roma-Gruppen an jener der Gesellschaft, in der sie leben. So gehören sie oft der am Ort üblichen Religionsgruppe an, in Deutschland sind also viele Roma Katholiken oder Protestanten.

In ihre Musik haben die Roma ebenfalls die Traditionen ihrer Umgebung eingebunden. Kennzeichnend für Roma-Musik ist allerdings überall, dass viel improvisiert wird. Umgekehrt haben Elemente der Roma-Musik - oder was man dafür hielt - auch ortstypische Musik beeinflusst, in Spanien etwa den Flamenco. Auch viele Komponisten wie Franz Liszt oder Johannes Brahms bedienten sich aus lokalen Motiven der Roma-Musik. Einer der bekanntesten Musiker dieser Volksgruppen ist der französische Sinto und Gitarrist Django Reinhardt, der als Begründer des europäischen Jazz gilt.

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Roma in Europa:Wie sind Roma organisiert?

RNC -  VORWURF GEGEN HOLOCAUST-FONDS

Quelle: DPA

Roma National Congress (RNC) Der RNC ist eine Dachorganisation von mehr als 40 Roma-Menschenrechtsorganisationen. Der RNC nimmt für sich in Anspruch, die Mehrheit der europäischen Roma zu repräsentieren.

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Ende der siebziger Jahre entstanden in Deutschland Interessenverbände der Sinti und Roma. Ein Teil von ihnen hat sich 1982 zum Zentralrat zusammengeschlossen. Er kümmert sich um die politische Gleichstellung dieser Volksgruppen, macht Gesetzesvorschläge und erinnert an die Opfer des Völkermordes in der NS-Zeit und unterstützt die strafrechtliche Verfolgung der Täter.

Sinti Allianz Deutschland Die Sinti Allianz Deutschland wurde im Jahr 2000 von 20 "Stammesvertretern" gegründet, die in Deutschland leben. Ihre Mitglieder vertreten andere politische Auffassungen als der Zentralrat der Sinti und Roma.

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Roma in Europa:Wurden Roma früher diskriminiert?

Hans Bonarewitz auf dem Weg zu seiner Hinrichtung im Konzentrationslager Mauthausen 1942

Quelle: AP

Als die Roma in Mittel- und Westeuropa ankamen, wurden sie dort teils freundlich aufgenommen, erhielten Schutzbriefe von Herrschern und von Gemeinden Almosen und Unterkunft. Doch mit zunehmender Bekanntheit und Anzahl der Roma schlug die Hilfsbereitschaft nach wenigen Jahren in Ablehnung um, die schließlich auch in Verfolgung mündete.

Die Gründe dafür waren Historikern zufolge vielfältig: Die Gastgeber hielten die Roma zum Beispiel nicht mehr wie am Anfang für unterstützungsbedürftige Pilger, der Reiz des Exotischen verflog, die Besuche verursachten Kosten, der Kirche waren Praktiken wie das Handlesen suspekt. Wenn Roma versuchten, ihr Geld durch Handwerksarbeiten zu verdienen, sahen ansässige Zünfte manchmal ihre Stellung gefährdet. Im 16. Jahrhundert verdächtige man sie außerdem, Kundschafter für die Türken zu sein.

Allein im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wurden von 1500 bis 1800 etwa 150 "Zigeuneredikte" erlassen - darunter solche, die die Roma zu Vogelfreien machten, sie des Landes verwiesen oder ihnen den Handel verboten.

In der Zeit des Dritten Reichs versuchten die Nationalsozialisten, Roma als "Artfremde" systematisch zu vernichten. Etwa 500.000 Sinti und Roma wurden ermordet. Die deutsche Regierung hat die rassische Verfolgung der Sinti und Roma erst 1982 anerkannt.

Im Bild: Hans Bonarewitz auf dem Weg zu seiner Hinrichtung im Konzentrationslager Mauthausen im Jahr 1942. Nach Angaben der "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" musste die Häftlingskapelle Bonarewitz mit Musik zu seiner Exekution begleiten. Bonarewitz ist einer der von den Nazis ermordeten Sinti und Roma.

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Roma in Europa:Werden Roma noch heute diskriminiert?

NORDBÖHMISCHE STADT REIßT UMSTRITTENE MAUER AB

Quelle: DPA

Nach dem Ende der Sowjetunion nahmen Nationalismus und Rassismus in Europa zu. Der Übergang zur Marktwirtschaft brachte nicht die erhofften guten Lebensbedingungen, die Enttäuschung darüber entlud sich vielerorts in Form von Gewalt gegen Roma und Sinti. Überall in Europa kam es zu Brandanschlägen und Morden.

Die Diskriminierung hat System: Im Jahr 1999 ließ die Stadtverwaltung der tschechischen Stadt Usti eine Mauer um eine Roma-Siedlung bauen, weil sich andere Anwohner über Lärm und Schmutz beschwert hatten. Allerdings musste die Mauer nach Protesten bald wieder abgerissen werden.

Das European Roma Rights Center (ERRC) hat festgestellt, dass in Tschechien im Jahr 1998 75 Prozent der Roma-Kinder eine Sonderschule besuchten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf eine solche Schule geschickt wurden, lag 27 Mal höher als bei anderen Kindern. Noch 2007 hat der Europäische Gerichtshof Tschechien wegen dieser Praxis verurteilt. Geändert hat sich seither offenbar wenig.

Die beruflichen Perspektiven der Kinder sind entsprechend schlecht. Zwei Drittel der Roma in Zentral- und Südosteuropa sind arbeitslos. Um das zu ändern, bieten mehrere Länder spezielle Ausbildungsprogramme für Kinder aus Roma-Familien an.

In Osteuropa leben viele Roma in Ghettos mit unzureichender Strom- und Wasserversorgung. Die Kindersterblichkeit osteuropäischer Roma ist etwa dreimal so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt, die Lebenserwartung zehn bis 15 Jahre geringer. Um der Armut zu entkommen, zogen Tausende Roma nach dem EU-Beitritt Rumäniens im Jahr 2007 in den Westen, wo sie nicht überall willkommen sind.

Auch außerhalb Osteuropas werden Roma diskriminiert: Als Erster startete Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2008 eine Abschiebekampagne, außerdem mussten alle Roma ihre Fingerabdrücke registrieren lassen. Frankreich hat im vergangenen Jahr mehr als 9000 und in diesem Jahr mehr als 8000 Roma nach Rumänien und Bulgarien geschickt, viele von ihnen lebten in illegalen Lagern, einige wenige sollen in gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt gewesen sein.

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Roma in Europa:Nützliche Links

Gypsie

Quelle: Getty Images

Ausführliche Informationen zur Geschichte, Sprache und Kultur (Seite "Rombase" der Universität Graz) http://romani.uni-graz.at/rombase/index.html

Informationen des Innenministeriums zu Deutschen Sinti und Roma: http://www.zuwanderung.de/cln_156/sid_642A30FBCC5BB75C8F201C0521AD9C29/SharedDocs/Standardartikel/DE/Themen/MigrationIntegration/ohneMarginalspalte/Deutsche_Sinti_und_Roma.html?nn=258014

Politische Entscheidungen auf europäischer Ebene (Seite des Europarats) http://www.coe.int/t/dc/files/themes/roms/default_DE.asp?

Studien zur Situation der Roma in Europa (European Roma Rights Center) http://www.errc.org/index.php

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