bedeckt München 30°

Rohstoffe:Drohgebärden

Turkey's Drilling Vessel Sails to the Black Sea

Pompöser Auftritt: Das türkische Bohrschiff Fatih, hier auf dem Weg durch den Bosporus, soll Öl und Gas aus dem Meeresgrund fördern.

(Foto: Burak Kara/Getty Images)

Die Türkei beansprucht Öl- und Erdgasvorkommen im Mittelmeer. Der Konflikt mit anderen Staaten erscheint unausweichlich.

Von Tomas Avenarius

Wie auf einem Laken liegt das Schiff auf dem Wasser, vor der Brücke bauscht sich eine rot-weiße Flagge, maßgeschneidert für den Zeremonienhof eines Giganten. Und während die gemächlich drehenden Schiffsschrauben die Fatih gegen die Strömung des Bosporus stemmen, schieben sich ein paar Schlepper heran, lassen aus Wasserkanonen Fontänen in den Himmel schießen. Es fehlt nur noch Marschmusik. Dazu der Rumpf des Schiffes: alles rot-weiß. Der Halbmond mit dem Stern auf der Bordwand, der weiße Schwung quer über die rote Breitseite. Das Schiff ist eine einzige türkische Fahne.

Maritime Salutschüsse, Flaggen, Wasserspiele - der Regisseur der Bosporus-Show hat Sinn für symbolsatte Arrangements. Das Schiff ist nicht irgendein Schiff, der Ort nicht irgendein Ort, der Tag nicht irgendein Tag. Mit der Fatih schickt Ankara ein weiteres seiner modernen Gas- und Ölbohrschiffe ins Mittelmeer. Am 29. Mai, dem 567. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Und welcher Ort könnte die einstige Vormacht im Mittelmeer, in Kleinasien, Nordafrika und Teilen Europas besser symbolisieren als der Zusammenfluss von Bosporus, Goldenem Horn und Marmara-Meer, über dem der Topkapı-Palast thront?

Das Erkundungsschiff soll nach einem Abstecher ins Schwarze Meer im Mittelmeer mit seinem Schwesterschiff Yavuz nach Rohstoffen suchen - eskortiert von Fregatten. Ankara erhebt Ansprüche im östlichen Mittelmeer, vor allem auf das, was unter dem Grund liegt: Öl und Gas. Die Erdgasvorkommen werden heute schon auf 3,5 Billionen Kubikmeter geschätzt, die Öllagerstätten auf eineinhalb Milliarden Fass. Die Frage ist, wem sie gehören.

Die Türkei muss derzeit drei Viertel der fossilen Brennstoffe importieren

Ankara jedenfalls fordert einen Anteil. Türkische Geostrategen haben vor Längerem den Ausdruck vom "Blauen Vaterland" ins Spiel gebracht. Knapp einhundert Jahre nach Gründung der Republik spiegelt er die Ansprüche auf jene Gewässer wider, in denen die Osmanen das Sagen hatten. Und in diesen sieht sich die heutige Türkei als entscheidender Player. Aber Griechenland, die Republik Zypern und andere Anrainer bis hin zu Ägypten, Israel und Libanon erheben ebenfalls Ansprüche. Vor deren Küsten liegen Teile der Rohstoffe. Das Gezerre geht um die Reichweite von Hoheitsgewässern, den Festlandssockel, exklusive Wirtschaftszonen. Im Hintergrund steht der geplante Bau einer "Euromed"-Pipeline. Auch Europas Energiebedarf soll gestillt werden, die Europäer wollen sich aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas befreien.

Ankara fühlt sich dabei an den Rand gedrängt und gegenüber potenziellen Energiegroßmächten wie Ägypten benachteiligt. Die Türkei hat eine Bevölkerung von 83 Millionen Menschen, das Land muss sich modernisieren. Doch es ist ein Rohstoffzwerg, der den größten Teil des Energiebedarfs durch fossile Brennstoffe abdeckt, die zu drei Vierteln importiert werden. Irgendwie muss Ankara seinen Energiebedarf für das 21. Jahrhundert also absichern. Die Rohstoffe dafür lagern im östlichen Mittelmeer. Die Türkei stellt daher vor allem die Ansprüche Griechenlands infrage. Die Griechen haben mehr als 3000 Inseln und Inselchen, sie ziehen um ihr zersplittertes Staatsgebiet unter Berufung auf das Seerecht Sperrzonen, sichern sich mit zwischenstaatlichen Abkommen über exklusive Wirtschaftszonen ab, wie vor wenigen Tagen erst in einem Pakt mit Italien. Hinzu kommt Zypern, der alte Zankapfel zwischen Ankara und Athen. Auch vor der seit 1974 geteilten Insel liegen beträchtliche Rohstoffe. Die Ansprüche zwischen der Republik Zypern, einem EU-Mitglied, und dem nur von der Türkei als Staat anerkannten Nordzypern sind ebenfalls umstritten. Da Ankara sich als Schutzherr Nordzyperns versteht, ist auch hier weiterer Streit programmiert.

Ankara steckt daher eigene Grenzen ab; völkerrechtlich sind diese fragwürdig. So hat die Türkei im November 2019 einen Vertrag mit dem Bürgerkriegsstaat Libyen geschlossen. Das Abkommen markiert nun eine Seegrenze zwischen der Türkei und dem von den türkischen Küsten weit entfernten nordafrikanischen Staat. Deshalb unterstützt Präsident Recep Tayyip Erdoğan immer stärker die international anerkannte Regierung in Tripolis: Im Streit um das Mittelmeer ist die Türkei Kriegspartei geworden. Mit dem Einsatz modernster Waffen hat sie den libyschen Alliierten jüngst zur Wende im Konflikt verholfen.

Brüssel hat Ankara wegen "illegaler" Bohrungen im Meer bereits mit Sanktionen belegt

Doch das hemdsärmelige Auftreten der Türken, deren Außenpolitik sich zunehmend militarisiert, stößt auf den Widerstand der anderen Anrainer. Sie stehen inzwischen fast alle offen oder halbherzig verdeckt auf der anderen Seite im Bürgerkrieg; Ägypten ist ohnehin längst Partei.

Die rüde Art Ankaras sorgt zudem für Streit mit der EU. Sie steht in der Frage der Seegrenzen hinter Griechenland und Zypern und hält das türkisch-libysche Abkommen für unvereinbar mit dem geltenden Seerecht. Wegen "illegaler" Bohrungen im Mittelmeer wurde Ankara bereits mit kleineren Sanktionen belegt. Über die Lage im östlichen Mittelmeer beraten die EU-Außenminister am Montag per Video mit ihrem US-Kollegen Mike Pompeo.

Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis mahnt bereits, der Streit im Mittelmeer werde "nicht nur zu einer griechisch-türkischen Krise, sondern auch zu einer umfassenden Krise in den Beziehungen zwischen der EU und der Türkei" führen. Der Ton zwischen den Nato-Staaten Griechenland und Türkei wird jedenfalls schärfer. So drohte Athens Verteidigungsminister Nikos Panagiotopoulos, man sei "gerüstet für einen militärischen Konflikt mit der Türkei". Sein türkischer Amtskollege Hulusi Akar büffelte zurück: "Ich verweise mit mathematischer Sicherheit darauf, dass Griechenland kein Interesse an einem Krieg gegen die Türkei haben kann." Bei den martialischen Worten des Griechen handele es sich wohl "um einen Versprecher". Fürs Erste wiegelte Premier Mitsotakis ab: Das Mittelmeer bleibe "ein Hotspot", aber weder sein Land noch die Türkei wollten einen "heißen Zwischenfall". Er schlage Ankara "einen Dialog" über die umstrittenen Seegrenzen vor.

Am Ende aber steht Ankara trotz aller Teilerfolge allein. "Die Türkei hat derzeit keine nationale Strategie für das östliche Mittelmeer, wo ihre lebenswichtigen geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen liegen", urteilte der Ex-Diplomat Şükrü Elekdağ schon vor Monaten. Man könne den Zugriff auf die Rohstoffe besser durch pragmatische Bündnispolitik mit den Nachbarn und der EU sichern. Dafür aber scheint Ankara noch nicht bereit zu sein. Wie um das zu unterstreichen, hielt die Türkei jetzt ein größeres Manöver von Marine und Luftwaffe ab - direkt vor der libyschen Küste.

© SZ vom 15.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite