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Röttgens Kandidatur:Einer, der alles über den Haufen werfen kann

Norbert Roettgen, CDU, aufgenommen vor einer Pressekonferenz, anlaesslich der Kandidatur fuer den CDU-Vorsitz in der Bun

Er könnte den anderen gefährlich werden: Norbert Röttgen

(Foto: imago images/photothek)

Dieser Bewerber lässt die Konkurrenten im CDU-Wettstreit schlecht aussehen. Röttgen taktiert nicht, er argumentiert inhaltlich. Und er will Veränderungen, ohne mit Merkel abzurechnen.

Eines scheint sicher zu sein: Mit Norbert Röttgen haben in der CDU nur wenige gerechnet. Und seine Ab-sofort-Mitbewerber schon gar nicht. Längst hatten sich Armin Laschet, Jens Spahn und Friedrich Merz auf einen Konflikt untereinander eingerichtet, mit den ewiggleichen Konfliktlinien. Aus diesem Grund wuchs in der CDU-Führung denn auch die Sehnsucht, man möge zwischen den dreien vermitteln, um aus diesem Kampf um die Macht mit Spaltungspotenzial herauszukommen.

Mit Norbert Röttgens Kandidatur, der ersten, die offiziell erklärt worden ist, dürfte diese Absicht gescheitert sein. Röttgen bricht nicht nur in das verklebte Gefüge des zerstrittenen Trios ein. Er könnte alle bisherigen Pläne über den Haufen werfen. Für die beteiligten Personen, aber auch für eine Partei, in der viele eine offene und inhaltliche Auseinandersetzung gefürchtet haben.

Die CDU könnte einen Wettbewerb der Ideen erleben

Wenn der frühere Bundesumweltminister nicht durch einen Deal zwischen den anderen dreien aus dem Feld gestoßen wird, steht der CDU von nun an ein Wettbewerb der Ideen und Argumente bevor. Und nichts könnte für die Christdemokraten besser sein, als endlich über die Frage zu diskutieren, wer sie in Zukunft sein wollen.

Das hat Röttgen nun eingefordert, in scharfem Kontrast zu Spahn, Laschet und Merz, von denen bis heute größere und vor allem präzisere programmatische Aussagen fehlen. Während die anderen drei noch über taktische Winkelzüge nachdenken, hat Röttgen sich in Berlin anderthalb Stunden vor die Journalisten gesetzt und erklärt, wie er sich die CDU und die Politik der Zukunft vorstellt. Er zeigt, wo die anderen bis jetzt große Lücken lassen.

So hat Röttgen unter anderem abgeleitet, warum es für die CDU aus ihrem innersten Selbstverständnis heraus ausgeschlossen ist, mit einer ausgrenzenden AfD auch nur eine Sekunde an irgendeiner Stelle zusammenzuarbeiten. Er hat ausgebreitet, dass die Gründe für eine Abgrenzung zur Linkspartei andere sind - und dass sie für ihn gleichwohl höchste Relevanz haben. Zum einen, weil die Linkspartei bis heute die Rolle, Bedeutung und Schuld der SED im Unrechtsstaat DDR nicht aufgearbeitet habe. Zum anderen, weil sie außenpolitisch bis heute kein Wort sage zur verbrecherischen Politik Russlands, ob in der Ostukraine oder im syrischen Idlib, wo "bis heute Menschen verbrecherisch getötet werden". Deshalb komme diese Partei für ihn nicht in Frage.

Dazu hat er weitere Themen aufgegriffen: Warum es für Deutschland und Europa existenziell sei, in dieser Welt der Trumps und Putins mehr Verantwortung zu übernehmen und enger mit den EU-Partnern zusammenzuarbeiten. Warum ein Deutschland-Dialog fehle und die CDU als Partei der deutschen Einheit diesen organisieren müsse. Und warum dieser nur gelingen könne, wenn Schluss sei mit den Belehrungen der Ostdeutschen durch die Westdeutschen. Röttgen macht sich kenntlich - und dürfte damit einen Prozess ausgelöst haben, dem sich auch die anderen kaum entziehen können. Er erreicht das nicht durch Tricksereien, sondern durch ein offenes Visier, mit dem er sie in der Sache herausfordert.

Wo Merz provoziert, gibt Röttgen den Gentleman

Röttgen kann für alle drei bisherigen Konkurrenten zu einem Problem werden. Für Laschet, weil er inhaltlich leidenschaftlicher wirkt als der Regierungschef in Nordrhein-Westfalen; für Spahn, weil Röttgen deutlich jünger ist als Merz und damit Spahns Image als Mann der Zukunft zumindest abschwächt. Und für Merz, weil Röttgen ähnlich scharf argumentiert wie der Ex-Fraktionschef, ohne so viele Verletzte zurückzulassen. Wo Merz durch Provokationen auffällt, schafft es Röttgen, wie ein Gentleman aufzutreten.

Das gilt selbst im Umgang mit Angela Merkel. Beide sehen Merkels mangelnde Leidenschaft in den Debatten und ihren geringen Mut, politisch voranzugehen, als gravierende Schwäche für die CDU und für Deutschland an. Trotzdem muss die CDU bei Merz bis heute den großen Bruch befürchten, während Röttgen erklärt, dass die Kanzlerin gewählt sei, eine Koalition führe und deshalb selbstverständlich bis zum Ende der Legislatur im Amt bleibe. Röttgen vereinigt viele Stärken von Merz in sich - ohne dessen Schwächen.

Ob er gewinnen kann? Das ist völlig offen. Auch, weil nicht entschieden ist, ob er aus seiner Niederlage 2012 in Nordrhein-Westfalen tatsächlich so viel gelernt hat, dass daraus in der eigenen Partei eine Stärke erwachsen könnte. Sollte Röttgen am Ende trotzdem verlieren, dann hätte er seiner Partei gleichwohl einen großen Gefallen getan: Er hat sie gezwungen, aus dem gefühligen in einen inhaltlichen Wettbewerb überzugehen.

© SZ.de/kit
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