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Robotik:Maschinen für mehr Menschlichkeit

Pflegebedürftige Menschen Entscheidungsfreiheit

Halt suchen: eine Seniorin im Pflegeheim. Da Roboter noch immer als Gegenstück zur warmherzigen Zuwendung eines Menschen aufgefasst werden, stellen sich bei ihrem Einsatz auch ethische Fragen.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Pflegeroboter können hilfreich sein, sind aber auch umstritten, da sie als Gegenteil zu menschlicher Zuwendung gelten.

Um den Kollegen um Hilfe zu bitten, genügt ein Tastendruck in einer App auf dem Mobiltelefon. Das Programm zeigt dem Pfleger eine Liste aller Patientenzimmer samt der dazugehörigen Namen: Herr Müller, Frau Schmidt, Frau Bittner. Diesmal ist es Frau Bittner, die Unterstützung braucht. Also drückt der Pfleger auf die Schaltfläche mit ihrem Namen - und Sekunden später steht schon der Kollege in der Tür. Bereit, um kräftig mit anzupacken. Es ist kein menschlicher Pfleger, der da herbeigeklingelt wurde. Sondern ein Roboter, der auf den Namen Elevon hört - gebaut vom Forschungsinstitut Fraunhofer in Stuttgart; gebaut, um zu erledigen, was dem Menschen schwerfällt.

Die Deutschen werden immer älter, die Pflege der Alten und Kranken ist ein riesiger Wachstumsmarkt. Schon heute gibt es nicht genug Pflegekräfte, viele Heime müssen Personal aus dem Ausland rekrutieren. Doch auch das wird immer schwieriger, da auch zum Beispiel in Osteuropa immer mehr Pfleger benötigt werden. Es gibt unterschiedliche Prognosen, wie viele Fachkräfte hierzulande in den nächsten Jahrzehnten fehlen werden. Klar ist, es sind Zigtausende. Was der Mensch nicht mehr leisten kann, wird in Zukunft verstärkt die Maschine übernehmen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens macht auch vor der Pflege nicht halt. Roboter wie der Prototyp Elevon aus Stuttgart werden entwickelt, um den menschlichen Pflegern körperliche Schwerstarbeit abzunehmen.

Sanft hebt der Roboter eine Frau aus dem Bett und rollt mit ihr davon

In dem Video, welches das Fraunhofer-Institut hergestellt hat, passiert Folgendes: Nachdem der Pfleger den Roboter zu Frau Bittner ins Zimmer bestellt hat, führt er den etwa mannshohen Apparat nah ans Bett der alten Dame heran. Dann klappt er zwei Metallarme aus und schiebt die Enden in zwei Schlaufen, die Teil der Spezialmatratze sind; eine am Kopfende, eine am Fußende. Sanft hebt der Roboter die Frau aus dem Bett und rollt mit ihr davon - ob ins Bad oder in ein weit entferntes Behandlungszimmer. Denn es sind genau diese Bewegungen, das Heben und Tragen von Patienten, die so manchem Pfleger den Schmerz in den Rücken treiben und den Beruf zur Qual machen. Bis ins Rentenalter schafft es ohnehin kaum ein Pfleger.

Noch ist Elevon ein Prototyp, weit entfernt vom Serieneinsatz in deutschen Heimen. Doch die Maschine zeigt, wo es hingeht mit der Digitalisierung in der Pflege. Ein zweites Beispiel, ebenfalls aus Stuttgart, ist der Prototyp eines intelligenten Pflegewagens. Der sogenannte Care-O-Bot wurde vor zwei Jahren erstmals vorgestellt. Der Wagen reicht Erwachsenen etwa bis zur Brust und soll eines Tages vollautomatisch hinter Ärzten oder Pflegern herfahren. "Wir möchten den Pflegewagen so weiterentwickeln, dass er mit seinen intelligenten Assistenzfunktionen den Berufsalltag verbessert. Der Wagen soll beispielsweise immer dort sein, wo die Pfleger ihn brauchen und so unnötige Laufwege ersparen", sagt Birgit Graf, Gruppenleiterin für Haushalts- und Assistenzrobotik am Fraunhofer-Institut. In seinem Innern hält der Wagen Materialien wie Verbandszeug oder Spritzen bereit - wird ein Gegenstand entnommen, kann der Pfleger den Verbrauch mittels iPad-Eingabe rasch dem Patienten zuordnen und so die Behandlung gemäß den Vorschriften dokumentieren.

Durch den Einsatz der Technik bleibt mehr Zeit für persönliche Zuwendung

Weil Roboter noch immer als das Gegenstück zur warmherzigen Zuwendung eines Menschen aufgefasst werden, ist mit dem verstärken Einsatz von Maschinen im Gesundheitswesen auch eine ethische Frage verbunden. Deshalb hat sich unlängst auch der Deutsche Ethikrat mit dem Einsatz von Pflegerobotern beschäftigt. Dieser sei nicht grundsätzlich zu verweigern, sagte der Vorsitzende Peter Dabrock. "Wenn Roboter einen Teil der Lasten übernehmen können, ist das nicht von vornherein abzulehnen." So bliebe den Menschen mehr Zeit für persönliche Zuwendung, lautet das Argument. Einer Umfrage zufolge stehen allerdings fast zwei Drittel der über 60-Jährigen in Deutschland Pflegerobotern kritisch gegenüber.

In Japan, wo die Menschen im Durchschnitt noch etwas älter sind als hierzulande, ist die Digitalisierung der Pflege noch einen Schritt weiter. Einen flächendeckenden Robotereinsatz gibt es dort zwar genauso wenig, doch können japanische Prototypen noch viel mehr als ihre hiesigen Pendants. Die Technische Hochschule in Toyohashi, ein paar Autostunden südwestlich von Tokio gelegen, hat den Pflegeroboter Terapio entwickelt. Er folgt dem Chefarzt bei der Visite, kann die Gesichter der Patienten mittels Kamera erkennen und zeigt dem Arzt automatisch die Krankenakte sowie aktuelle Laborwerte auf dem Display an.