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Dem Geheimnis auf der Spur:Robinson Crusoes Eiland

Ein Name, der viel verspricht: Die Robinson-Crusoe-Insel gehört zu Chile.

(Foto: Mauritius images)

Wo mag die Insel des Schiffbrüchigen liegen, auf dem er angeblich 28 Jahre allein verbrachte? Auf den Spuren des Romanautors Daniel Defoe, der Generationen von Lesern inspiriert hat.

Von Harald Eggebrecht

Von den zahllosen großen und kleinen Inseln dieser Welt gibt es drei, die nahezu jeder zu nennen weiß: die Schatzinsel, die Osterinsel und Robinsons Insel. Erstere und letztere sind reine dichterische Erfindung, nur die Osterinsel ist ein echtes Eiland im Pazifik. Sie liegt so einsam und weit draußen vor der Küste Chiles, dass mehr als dreitausend Meilen im Umkreis nur der Stille Ozean in langer Dünung wogt.

Auf ihr entstand die bis heute geheimnisumwitterte Kultur der Rapa Nui mit ihren sagenhaften riesigen Moai-Statuen. Die Schatzinsel unser aller Träume fabulierte der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson ausgehend von einer selbstgezeichneten Karte so intensiv und genau aus, dass daraus einer der besten Abenteuer- und Piratenromane aller Zeiten wurde.

Die Insel aber, die beispielhaft wurde für alle einsamen Inseln als Schule moralischer, belehrender, weiterbildender Entwicklung des eigenen Charakters, ist jene, auf der der englische Kaufmannssohn Robinson Crusoe einst strandete und sich dort selbst helfen musste, um zu überleben. Dass er sich dabei auch als eine Art potenzieller Kolonialherr aufführte im Umgang mit dem Indigenen Freitag, ist eine andere Geschichte.

Daniel Defoe hieß der geniale Schöpfer dieses unfreiwilligen Einsiedlers auf einer exotischen Insel, auf der er in 28 Jahren das einsame Leben und sich selbst kennen lernt. Robinsons Insel wurde für sein Jahrhundert und dann weiter im 19. Jahrhundert die pädagogische Insel schlechthin. Es gab und gibt zahllose Bearbeitungen für die Jugend in nahezu allen Sprachen, damit sie am Beispiel des aufrechten und sich selbst optimierenden Robinson ihre eigene Tugend-und Wesensbildung studieren und betreiben könnte.

Aber gab es ein Vorbild für diese Insel oder ist sie so frei erfunden wie Stevensons Piratenparadies aus dem 19. Jahrhundert? Das hat Jugendlichen seit jeher mindestens genauso imponiert, wenn es sie nicht noch viel mehr und wilder inspiriert hat als Robinsons Eiland.

Daniel Defoe, von Haus aus Geschäftsmann mit Reiseerfahrungen etwa in Frankreich, Italien und Spanien, verstand sich daneben auch als aufklärerischer Intellektueller. Das zeigen seine wirtschaftspolitischen, religions- und kulturkritischen Essays und Schriften, von denen eine Attacke gegen die Anglikanische Kirche ihn sogar zeitweise ins Gefängnis brachte. Um sich aus finanziellem Ruin zu retten, arbeitete er nach der Freilassung als Journalist und gab zwischen 1703 und 1714 die Zeitschrift The Review heraus.

Daniel Defoe erhielt für den war der Roman nur 50 Pfund

Erst spät jedoch schrieb er seinen ersten Roman, der erschien, als Defoe 59 Jahre alt war: "Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der achtundzwanzig Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Orinoco; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen.

Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst." Bei Erscheinen gab's 50 Pfund und auch an weiteren Auflagen war Defoe nur bescheiden beteiligt.

Hinter Robinsons literarischem Schicksal schimmerte aber schon in der Entstehungszeit ein anderes, ganz reales hindurch: Die Geschichte des schottischen Seemanns Alexander Selkirk (1676-1721), der tatsächlich zwischen 1704 und 1709 für viereinhalb Jahre auf einer der Juan-Fernández-Inseln vor der Küste von Chile leben musste, absichtlich zurückgelassen von den eigenen Leuten, denn Selkirk war ein zänkischer Raufbold, der sich mit allem und jedem anlegte.

Der Freibeuter und spätere Gouverneur der Bahamas, Woodes Rogers, nahm Selkirk 1709 an Bord. Der Einsiedler hatte nahezu das Sprechen verlernt. Ganz im Gegensatz zum redseligen, predigenden und mahnenden Robinson!

1712 veröffentliche Rogers seine Memoiren "A Voyage Around the World", in der er Selkirks Geschichte schilderte. Dieser Text und eine weitere Selkirk-Story, aufgezeichnet vom irischen Schriftsteller Richard Steele und 1713 in der eigenen Zeitschrift The Englishman publiziert, könnten Defoe für seinen Robinson inspiriert haben. Es soll sogar ein nicht stichhaltig belegtes Treffen zwischen ihm und Selkirk gegeben haben.

Wie dem auch sei: Heute trägt die Insel, die bis 1966 Isla Más a Tierra, die dem Festland näher gelegene Insel, hieß, nicht Selkirks Namen, sondern den des fiktionalen Robinson. Stattdessen ist eine viel weiter westlich gelegene, meist unbewohnte Insel, auf der Selkirk nie war, nach ihm benannt worden.

2010/11 haben Andreas Mieth und Hans-Rudolf Bork, Geoarchäologen am Institut für Ökosystemforschung der Universität Kiel, die jene Isla Robinsón Crusoe erforschen, einiges von dem, was vermeintlich von Alexander Selkirks Inselzeit zeugte, als irrig erwiesen. 2005 waren nämlich David Caldwell und Daisuke Takahashi sicher, bei ihrer Grabungskampagne auf der Suche nach Selkirk-Überbleibseln seinen Lagerplatz am Berghang in 300 Meter Höhe entdeckt zu haben. Unter anderem fanden sie den Teil eines Stechzirkels, der Selkirk gehört haben könnte.

Doch die Kieler Wissenschaftler stellten fest, dass diese angeblichen Überreste von Selkirk die eines spanischen Stützpunkts sind. Die Höhle am Strand, in die sich Selkirk anfangs flüchtete, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von englischen Seeleuten in den Felsen gesprengt worden.

Wer also wirklich Robinsons Insel kennenlernen will, muss in Defoes Roman eintauchen. Dann wird er gewiss dies einmalige Eiland in der eigenen Fantasie finden.

© SZ vom 12.12.2020
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