bedeckt München 30°

Rituale:Vortanzen und ausziehen

Edelweiß-Kaserne Mittenwald

In der Edelweiß-Kaserne in Mittenwald mussten junge Soldaten nach ihrer Ankunft rohe Schweineleber und Frischhefe essen.

(Foto: Tobias Hase/picture alliance/dpa)

Schikanöse Aufnahmeprozeduren lassen die Bundeswehr immer wieder als Truppe dastehen, in der Willkür zum Alltag gehört. Die Regel sind sie aber nicht.

Von Roland Preuss

Die Vorstellung, andere quälen und erniedrigen zu können, scheint bei manchen Menschen die Fantasie erst richtig zu beflügeln. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt, wer die lange Liste an Aufnahmeritualen und Vorfällen sichtet, die bei der Bundeswehr interne Untersuchungen, Strafmaßnahmen und auch Skandale zur Folge hatten. Es sind oft brutale Rituale, die das Berufsziel Soldat nicht attraktiver machen, die aber auch eine Atmosphäre begünstigen können, die extremistische Gruppen gedeihen lässt.

Einer der bekanntesten Skandale dieser Art sind die Rituale der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald. Dort war es gängig, dass Neulinge beim "Fuxtest" rohe Schweineleber und Frischhefe hinunterwürgen mussten, zudem mussten sie reichlich Alkohol trinken bis zum Erbrechen. Anfang 2010 flog die Praxis auf. Im pfälzischen Zweibrücken machte ein Vorfall von 2006 Schlagzeilen, den ein Angehöriger des dortigen Fallschirm-Bataillons erleiden musste. Dem Mann wurde Obst zwischen die Pobacken gesteckt und mit einem Paddel darauf geschlagen. Ein Hauptmann des Standorts wird später zu 2000 Euro Geldstrafe verurteilt, weil er das "entwürdigende Verhalten" geduldet habe.

Es kommt zu Untersuchungen, Versprechen des Verteidigungsministeriums, solche Praktiken abzustellen, und entsprechenden Anweisungen an die Truppe. Und doch brechen sich solche "Aufnahmerituale", die besser als Missbrauchsrituale charakterisiert sind, an einzelnen Standorten wieder Bahn.

Nach dem Skandal in Pfullendorf wurden zwei Ausbilder zum KSK versetzt

Ein Beispiel ist die Staufer-Kaserne in Pfullendorf in Baden-Württemberg, wo es sadistische und sexuell erniedrigende Aufnahmepraktiken gab. 2017 kam alles ans Licht. Einem Bundeswehr-Bericht zufolge musste eine Soldatin, die 2016 nach Pfullendorf gekommen war, in einer Art Einstellungstest im Aufenthaltsraum an einer Pole-Stange vortanzen, wie man sie sonst aus Striplokalen und Bordellen kennt. Die Ausbilder zwangen ihre Rekruten den Aussagen der Soldatin zufolge dazu, sich im Hörsaal nackt auszuziehen und sich abtasten zu lassen. All das soll von Ausbildern auch fotografiert worden sein, angeblich zu Ausbildungszwecken. Zudem, so ergaben damals interne Ermittlungen der Bundeswehr, soll am Standort regelmäßig hochprozentiger Alkohol getrunken worden sein. In der Folge wurden mehrere Soldaten versetzt, zwei ausgerechnet zum jetzt im Fokus stehenden Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK), drei Ausbilder wurden wegen der quälerischen Rituale aus der Truppe ausgeschlossen, was später auch vor Gericht bestätigt wurde.

Die Skandale vermitteln nach außen das Bild einer Truppe, in der mit sexuellen Übergriffen und Willkür durch Vorgesetzte zu rechnen ist, das Gegenteil des Idealbildes vom Soldaten als Bürger in Uniform - auch wenn solche Vorfälle in der Bundeswehr nicht die Regel sind.

Die Rituale, sagt Jens Warburg, hätten nicht zwingend mit Extremismus zu tun. Der Soziologe Warburg beschäftigt sich seit Jahren mit der Rolle der Soldaten in der Gesellschaft und hält Vorträge beim Sozialwissenschaftlichen Zentrum der Bundeswehr, unter anderen zu Misshandlungen von Soldaten. Zunächst gehe es in solchen Ritualen um "Selbsthärtungen", die Soldaten bereiteten sich so auf Härten vor, die ihnen im Einsatz vermutlich bevorstünden. Es wüchsen Subkulturen heran, die gegen die unmittelbaren Vorgesetzten gerichtet seien, da sie ja eine Regelverletzung darstellten, sagt Warburg. "Die pflegen damit etwas Männerbündnerisches, das mit dem rechten Milieu verknüpft ist", aber nicht mit einer extremistischen politischen Haltung einhergehen müsse. "Beim KSK aber wirkt es so, als gehe es auch darum, gegen die politische Ordnung der Bundesrepublik zu opponieren", sagt Warburg. Dies unterscheide die Spezialkräfte von Vorfällen in anderen Kasernen. Mehrere KSK-Soldaten sollen bei einer Abschlussfeier für einen Offizier den Hitlergruß gezeigt und Rechtsrock gehört haben, zudem fanden Ermittler bei einem KSK-Soldaten Waffen und Sprengstoff.

Die Rituale dienten aber auch dazu, in der jeweiligen Einheit Korpsgeist herauszubilden, sagt Warburg. Rituale wie die berüchtigte Abschlussfeier beim KSK können die Soldaten zusammenschweißen, die inszenierte, gemeinsame Regelverletzung zieht auch bisher Unbeteiligte hinein und soll sie zum Schweigen verpflichten. "Die Soldaten verschwören sich miteinander", sagt Warburg. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) beklagte diese Woche eine Mauer des Schweigens beim KSK.

Die Missstände bei der Elitetruppe waren dennoch öffentlich geworden, ein junger KSK-Hauptmann hatte in einem Brief an Kramp-Karrenbauer eine "toxische Verbandskultur", schwere Mängel in der Ausbildung und rechtsextreme Tendenzen beklagt. Inzwischen, sagt Kramp-Karrenbauer, habe die Mauer des Schweigens Risse bekommen. Die Leute, die diese Subkultur durch offene Kritik aufbrachen, so Warburg, "haben viel Mut bewiesen".

© SZ vom 04.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite