Rita Süssmuth über die AfD "Es ist wehrhafte Demokratie, wenn wir die Auseinandersetzung suchen"

Die Gruppe ist allerdings heterogen.

Ja, sie hat eine extreme Seite und eine andere, die sagt, dass sie mit dem völkisch-nationalen Gedanken nicht so weitermachen will wie bisher. Weder bei der Wählerschaft der AfD noch bei allen Abgeordneten ist davon auszugehen, dass es sich nur um Rechtsradikale handelt. Darunter sind auch verunsicherte, unzufriedene Menschen mit tiefsitzenden Ängsten, die wir auch ernst nehmen müssen. Mit denen müssen wir gemeinsam nach Antworten suchen, auch wenn es oft keine einfachen Antworten gibt. Es wird also ein dialogischer Suchprozess, bei dem auch im Streit Positionen geklärt werden müssen.

In Ihrer Zeit als Bundestagspräsidentin gab es weniger Parteien im Parlament, nun werden es sechs Fraktionen sein. Macht das das Amt schwieriger?

Natürlich, da man auf sechs Parteien eingehen und Rücksicht nehmen muss. Es wird dadurch auch langwieriger, aber das muss nicht erschrecken. Wir hatten auch in der Anfangsphase der PDS durchaus harte Auseinandersetzungen und haben daraus gelernt. Genauso wie die Abgeordneten in den Landesparlamenten lernen mussten, sich mit der NPD, den Republikanern oder der DVU auseinanderzusetzen, muss dieser Lernprozess nun auch im Bundestag stattfinden.

Ignorieren geht also nicht?

Nein, es ist wehrhafte Demokratie, wenn wir die Auseinandersetzung suchen. Wir dürfen nicht denken, dass sich das schon von selbst gibt. Diese Leute haben ja durchaus einen Resonanzboden, Menschen, die ihnen zustimmen. Wenn die AfD die These vertritt, dass Frauen wieder ihre Familienaufgabe wahrnehmen sollen und Frauenrechte gar kein Thema mehr sind, dann gibt es für solche Positionen Unterstützer. Bis hin zu den Fragen, wie wir mit Gewalt umgehen oder wie wir mit Muslimen umgehen, mit denen wir hier in Deutschland in großer Zahl friedlich zusammenleben und denen vielfach unterstellt wird, dass sie Terroristen seien. Konstruktiv müssen wir darüber reden, wie wir angesichts der rapiden Veränderungen der Arbeitswelt Arbeitsplätze und soziale Sicherungssysteme erhalten können. Oder nehmen wir das große Thema der Bildung, über das wir seit Jahren reden.

Was war Ihre Reaktion zum Abschneiden Ihrer Partei?

Man konnte diesen Schwenk zum Nationalen oder Nationalistischen bereits in den USA und in vielen Staaten in Ost- und Westeuropa sehen, trotzdem war ich erschrocken. Wir müssen uns mit den Ängsten auseinandersetzen, die die Menschen anscheinend überall auf der Welt haben. Aber genauso wichtig ist es, sich darum zu kümmern, dass Menschen Wohnungen zu bezahlbaren Preisen finden, die auch ihrem Platzbedarf zumindest halbwegs entgegenkommen.