Rita Süssmuth:"Mangelnde Perspektiven sind das Kernproblem"

sueddeutsche.de: Und das Ergebnis? Ihre Parteifreundin, die Kanzlerin Angela Merkel, erklärt Multikulti für gescheitert.

Süssmuth: Wer das sagt, muss aufpassen, welche Aussage gemacht wird. Im Ausland kommt die Botschaft an, wir wollten nichts Multikulturelles - als lehnten wir das ab. Dabei wollen wir weg vom Nebeneinander hin zu einem Miteinander. Dass wir eine bunte und multikulturelle Gesellschaft sind, das ist eine Tatsache. Wir wissen aber zu wenig übereinander. Das Bild, das wir von Türken haben, ist geprägt von unseren Vorstellungen über Südostanatolien. Das Bild der Muslime ist geprägt von den Taliban. Wir hätten uns viel früher mit den Kulturen vertraut machen müssen, die heute Teil unserer Gesellschaft sind. Wir akzeptieren inzwischen, dass wir ein Einwanderungsland sind - wenn auch weitgehend ohne Einwanderung. Aber wir verweigern uns - vor allem in der Bildung - der Tatsache der multikulturellen Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Was sind die Kernprobleme der Integration heute?

Süssmuth: Mit einem Wort: mangelnde Perspektiven. Zu viele, auch begabte Kinder von Migranten verbleiben auf der Hauptschule oder der Sonderschule. Die Zahl der Abiturienten unter ihnen steigt nur langsam. Aber wer bekommt von ihnen einen Ausbildungsplatz? Wer besucht tatsächlich eine Universität? Es sind viel zu wenige. Wie soll ich einen Hauptschüler zu guten Leistungen motivieren, wenn jeder sagt: "Du bekommst ohnehin keinen Job"? Warum sollte jemand an die Uni gehen, wenn er weiß, danach wird fast immer der deutsche Mitbewerber um eine Stelle bevorzugt? Am besten gelungen ist Integration am Arbeitsplatz. Da haben wir kaum Probleme. Integration gelingt immer da, wo jemand gebraucht wird.

sueddeutsche.de: Was löst es in Migranten oder Migrantenkindern aus, wenn die Politik ihnen das Gefühl gibt, im Grunde unerwünscht zu sein?

Süssmuth: Die einen werden sich trotzig hinstellen und sagen: "Jetzt erst recht!" Das kann aber nicht jeder. Wenn sie immer wieder gesagt bekommen, du bist "dümmer" als die anderen, deine Kultur und deine Gruppe ist "dümmer" als andere, dann wirkt das über die Jahre prägend. Ein Teil der Migranten hat auf diese Weise verlernt, an sich zu glauben, Vertrauen und Selbstvertrauen zu entwickeln.

sueddeutsche.de: Buchautor Sarrazin erklärt, wer Leistung bringt, wird auch gebraucht.

Süssmuth: Natürlich müssen sich auch Kinder von Migranten anstrengen. Aber in manchen Schulen sprechen zu viele Schüler kaum oder nur schlecht Deutsch. In solchen Brennpunkten muss mehr investiert werden. Wir bräuchten dort mehr und besser qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer, mehr Sozialarbeiter, mehr Projekte, um die Kinder und Jugendliche zu gewinnen. Wo wir das tun, da haben wir erhebliche Erfolge.

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