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Richard von Weizsäcker:Befreiung und Zuwendung

Richard von Weizsäcker 2005

(Foto: Imago Stock&People)
  • Vor 100 Jahren wurde Richard von Weizsäcker in Stuttgart geboren.
  • Ein neues Buch fasst drei wegweisende Reden des 2015 verstorbenen Bundespräsidenten zusammen.
  • Es lohnt sich, Weizsäckers Worte von damals heute zu lesen.

Rezension von Robert Probst

Ein Satz für die Ewigkeit: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

Nicht ganz so bekannt, aber fast ebenso prägnant: "Unsere Verfassung ist kein Werk der Siegermächte, sondern deutsch."

Und fast schon prophetisch: "Sich zu vereinen, heißt teilen lernen."

Richard von Weizsäcker: Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Reden zur Demokratie. Vorwort von Wolfgang Schäuble. Herder-Verlag, Freiburg, 2020. 122 Seiten, 14 Euro. E-Book: 10,99 Euro.

Es lohnt sich, grundlegende Reden zur Bundesrepublik immer wieder mal zu lesen, besonders die von Richard von Weizsäcker. Gerade in diesen Zeiten.

Der Herder-Verlag hat nun drei der bekanntesten Reden des einstigen Bundespräsidenten herausgegeben, flankiert von einem Vorwort von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und einer historischen Einordnung des Zeithistorikers Edgar Wolfrum.

Es geht um die legendäre Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985, eine Festansprache zum 40. Jahrestag des Grundgesetzes am 24. Mai 1989 und die Rede beim Staatsakt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990.

Auf jeweils wenigen Seiten entfaltet sich die Zeit und Sichtweise der späten 1980er- Jahre. Richard von Weizsäcker (1920-2015) verstand es in seinen beiden Amtszeiten stets differenziert und nachdenklich zu formulieren - aber für alle verständlich, wie es Schäuble zusammenfasst.

Die Rede zum Kriegsende von 1985 hat, das kann man ohne Übertreibung sagen, den Blick der Deutschen auf das NS-Regime, seine verbrecherische Politik und die Folgen entscheidend verändert - weg vom Gefühl der Niederlage, hin zur Erkenntnis, befreit worden zu sein. "An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt".

Und ebenso wichtig und immer noch gültig: "Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden. Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit - für niemanden und kein Land!"

Benannt, woran es noch heute hapert

Alle drei Reden sind natürlich im jeweiligen Zeitkontext zu verstehen, einiges klingt heute ein wenig altväterlich und Begriffe wie den der deutschen Nation würde man wohl auch so nicht mehr verwenden.

Andererseits kann das Lesen dieser Reden auch den Blick schärfen für das, was bereits vor mehr als 30 Jahren als Problem erkannt wurde und auch heute noch eins ist, weil weder Politik noch Gesellschaft sich ernsthaft damit auseinandergesetzt haben.

Zentral sind hier "Bewahrung der Schöpfung", die von Weizsäcker als "größte Aufgabe" der vereinigten Deutschen ansah, und der Begriff der "Zuwendung". Er war überzeugt, dass der Mensch sich dem anderen erst wirklich zuwendet, wenn er mit ihm teilt. "Wirklich vereint werden wir erst sein, wenn wir zu dieser Zuwendung bereit sind".

Daran hapert es 30 Jahre später immer noch.

© SZ vom 06.04.2020/odg
Richard von Weizsäcker

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Richard von Weizsäcker war intellektuell, charismatisch und höflich. Eigene Erinnerungen an die Nazi-Zeit prägten sein politisches Wirken - und halfen ihm, Weichen richtig für die Zukunft zu stellen.

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