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Rhetorik in der Krim-Krise:Was die Formel vom "Kalten Krieg" so beliebt macht

Warum ist dann zurzeit trotzdem so oft vom "Kalten Krieg 2.0" oder dem "neuen Kalten Krieg" zu lesen?

  • Er passt so gut zu Wladimir Putin: Es ist eine These, die sich schwer belegen lässt, aber trotzdem sehr plausibel ist. Wäre Dmitrij Medwedjew noch russischer Präsident und hätte exakt gleich gehandelt, gäbe es wohl trotzdem nicht so viele Vergleiche mit dem Kalten Krieg. Wladimir Putin kalkuliert nicht nur eiskalt - seine Biografie (KGB-Ausbildung, Stationierung in der DDR), seine Äußerungen über den Zerfall der Sowjetunion ("größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts"), sein Macho-Gehabe und die ständige Inszenierung mit Kriegsgerät und Tieren machen es leicht, ihn als "Kalten Krieger" zu bezeichnen.

Fazit: Zurzeit wird der Begriff "Kalter Krieg" in all seinen Variationen viel zu oft und viel zu unpräzise verwendet - in Überschriften und Teasern, in Statements von Politikern und Experten. Oft geht es nur darum, die angespannte Lage in der Ukraine, den Einsatz von Militär und das Verhalten des russischen Präsidenten zu verbinden.

Das Beispiel von Wladimir Putin illustriert, dass es unter Umständen natürlich legitim sein kann, den Terminus "Kalter Krieg" zu verwenden. Das Weltbild des russischen Präsidenten ist durch die alten Kategorien geprägt ( wie in vielen Analysen herausgearbeitet wurde). Gerade weil Putin nach den vermeintlich alten Mustern agiert und reagiert, fällt es EU, den USA und Japan schwer, eine richtige Antwort zu finden. Gerade weil Putin nach den vermeintlich alten Mustern agiert und reagiert, fällt es EU, den USA und Japan schwer, eine richtige Antwort zu finden.

Sinnvoll verwendet hat den Begriff kürzlich Nicolas Richter, SZ-Korrespondent in Washington, der das Gefährliche an der Denkart des Kalten Kriegs beschrieb, die bis zum heutigen Tag existiert: "Auch etliche Wortführer in der US-Hauptstadt folgen noch immer seiner Logik. Es ist die Logik des Nullsummenspiels: Bekommen die Russen etwas, verlieren die Amerikaner. So gesehen sind die USA auf der Krim jetzt Wladimir Putin bitter unterlegen."

Hier zeigt sich die womöglich klarste Parallele zum "Kalten Krieg" zwischen 1945 und 1991. Dem Historiker Bernd Stöber zufolge schaukelte sich die Auseinandersetzung regelmäßig hoch und führte an den Rand eines Kriegs, weil keine Seite die andere richtig einschätzen konnte: Kontinuierlich habe "die verfehlte Wahrnehmung falsche Entscheidungen produziert".

Linktipps: Unter der Überschrift "Und nun Kalter Krieg?" argumentiert der frühere Chefredakteur der Zeit , Theo Sommer, in einem lesenswerten Text, dass das globale Ringen um Einflusssphären zwischen Russland, den USA, Europa und China nie aufgehört hat. Über die Herausforderungen für Journalisten, über die Krim-Krise und Putin zu berichten, hat sich Hannah Beitzer in diesem Text Gedanken gemacht. Alle Berichte und Analysen von SZ und Süddeutsche.de rund um die Krim-Krise und deren globale Folgen finden Sie auf dieser Übersichtsseite. Alles über die aktuellen Entwicklungen steht im Ukraine-Newsblog.