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Rheinland-Pfalz:Der leise Liberale

FDP-Wahlplakate

Die Bilder im Pop-Art-Stil waren Wissings Idee - abstehende Ohren inklusive. So hofft er, im Wahlkampf in Rheinland-Pfalz mehr aufzufallen.

(Foto: dpa)

Ja, es gibt sie noch: Volker Wissing will die FDP zurück in den Landtag in Rheinland-Pfalz führen - ohne Sprücheklopferei.

Von Susanne Höll, Mainz

Es ist dunkel an diesem Februarabend in Bitburg, Schneeregen, die Straßen sind leer. Das Untergeschoss der Stadthalle ist erleuchtet, kleine Grüppchen steuern auf das Gebäude zu. Sie wollen einem Mann zuhören, der gerade an einem ganz großen Projekt arbeitet. Volker Wissing, Spitzenkandidat der rheinland-pfälzischen FDP für die Landtagswahl am 13. März, wirbt nicht nur um Stimmen. Er sagt: "Ich arbeite an der Rettung einer freiheitlichen Idee."

Das sind pathetische Worte für einen Mann, der ein nüchterner Mensch ist und zu seinem Leidwesen oft als dröge bezeichnet wird. Aber falsch sind sie nicht. Gelingt den Freidemokraten an Rhein und Mosel, einem einstigen Stammland, der Wiedereinzug in den Mainzer Landtag, womöglich auch in Baden-Württemberg, dann kann die Bundes-FDP auch auf eine Rückkehr in den Bundestag im nächsten Jahr hoffen. Wissing, der Wegbereiter einer liberalen Renaissance.

Die knapp 200 Leute, die sich in der Stadthalle eingefunden haben, sind fast allesamt FDP-Anhänger. Man kennt sich, man umarmt sich, um deren Stimmen muss Wissing vermutlich nicht mehr werben. Aber vorstellen muss er sich schon, der 45 Jahre alte Jurist ist in seiner Heimat nicht sonderlich bekannt.

Kein Wunder, zwischen 2003 und 2014 saß er im Bundestag, war Finanzexperte und ein respektierter Mann. Einer der wenigen, der in den von Führungsquerelen dominierten Regierungszeiten nicht gegen eigene Leute intrigierte. "Wissing hat nicht geschmutzelt", formuliert es einer, der es wissen muss. Hätten seine Oberen auf ihn gehört, hätte es das für die FDP desaströse Hotelsteuer-Privileg nie gegeben.

Diese Zeiten sind vorbei, Wissing machte nach dem Ende der Bundestagskarriere eine Anwaltskanzlei auf und bemühte sich, die FDP in Rheinland-Pfalz am Leben zu halten. Keine einfache Sache, wenn man nur zwei feste Mitarbeiter in der Geschäftsstelle hat und auch kaum Geld. Jahrelang fiel es kaum auf, dass es die Liberalen noch gab. Bis vor einigen Monaten hätte fast jeder gewettet, dass es die FDP am 13. März wieder nicht schafft. Jetzt aber sehen die Demoskopen die Partei bei sechs Prozent. Nicht üppig, aber beruhigend.

Wissing pflegte in den vergangenen Jahren den Kontakt zur traditionellen FDP-Klientel. Handwerk, Mittelstand, Verbände. In deren Reihen fanden etliche gar keinen Gefallen an der grünen Wirtschaftsministerin Eveline Lemke und deren Begeisterung für Windkraft und Öko-Projekte. Man brauche die FDP, hörte Wissing. Und empfahl sich dort als der richtige Mann. "Wenn man keine ministrablen Leute an der Spitze präsentiert, interessiert sich die Wirtschaft nicht für eine Partei." Der Spitzenmann ist er.

Die Betonung liegt dabei auf Mann. In Hamburg und Bremen hatten die Liberalen mit Spitzenfrauen Erfolg, der rheinland-pfälzische Wahlkampf ist eine ziemliche Damenrunde: Ministerpräsidentin Malu Dreyer, deren CDU-Herausforderin Julia Klöckner und die grüne Listenführerin Lemke. Der Liberale aus Landau machte aus der vermeintlichen Not eine Tugend. Er wirbt nicht mit Wahlfotos für sich, auf den FDP-Plakaten ist er im Pop-Art-Stil porträtiert, mitsamt der leicht abstehenden Ohren. Fällt auf. Es war seine Idee.

Wolfgang Kubicki kommt bei der Wahlkampfhilfe etwas besser an

Der Winzer-Sohn ist keineswegs dröge, hat Witz und Sinn für Ironie. Das aber zeigt er lieber in kleinen Runden. Bei öffentlichen Auftritten wirkt er, nun ja, überaus seriös. Auf der Bühne der Bitburger Stadthalle hält er eine sehr wohltemperierte Grundsatzrede. Bildung von Kindesbeinen an, effizientere Wirtschaftsförderung, sorgsamer Umgang mit dem Geld, mehr Investitionen in Straßen und das Digitalnetz, ein Zuwanderungsgesetz. Er redet sich nicht in Rage, vermeidet Kritik an anderen Parteien und deren Personal. "Kanzlerin Merkel kommt beim Thema Zuwanderung 20 Jahre zu spät", ist die schärfste Rüge, die ihm über die Lippen kommt. Nach ihm spricht sein Kollege Wolfgang Kubicki aus Kiel. Der lässt, auf manchmal amüsante Weise, kaum gute Haare an der politischen Konkurrenz. So kennt man die FDP, so hat man sie in den vergangenen Jahren oft gefürchtet. Kubicki kommt in Bitburg etwas besser an als Wissing.

Der Kandidat sagt von sich selbst, er sei kein Showmann. Er glaubt, dass sein Stil der Partei nutzt: "Gut möglich, dass Leute begeistert sind von Sprücheklopfern. Aber werden die auch gewählt?" Wissing will nicht nur gewählt werden, er würde gern auch regieren. Wirtschaftsminister wäre sicher etwas für ihn.

Wenn es denn reichen sollte, wäre Schwarz-Gelb ein Modell für ihn und auch die CDU. Aber glaubt man den Umfragen, wird es dafür nicht reichen. Wissing meint dennoch, es sei zu schaffen. Und wenn nicht? Eine Jamaika-Koalition unter CDU-Führung mit den Grünen lehnt er nicht grundsätzlich ab, nennt dieses Modell "reine Spekulation". Er sagt auch nicht kategorisch Nein zu einer Ampel mit einer SPD-Regierungschefin. Allerdings klingt er wenig angetan von dieser Idee. "Eine Ampel ist äußerst unwahrscheinlich, rechnerisch und politisch auch."

Eines aber steht für ihn fest. Sollte es eine wie immer geartete Zusammenarbeit mit der CDU geben, wird sich Klöckners Wahlkampf-Forderung nach Wiedereinführung von Kita-Gebühren nicht erfüllen: "Gebühren für Kitas gehen mit uns überhaupt nicht. Das ist für mich eine Glaubensfrage."

© SZ vom 17.02.2016

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