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Rheinisches Revier:Im Wald verirrt

In Zeiten des Hambi-Protests haben Polizisten dort mehr zu tun als Förster.

(Foto: Christophe Gateau/AFP)

Der Kohlekonzern RWE irritiert mit Aussagen über den Hambacher Forst - und korrigiert sich erst Tage später. Zumindest ein wenig.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident war um zwei Uhr morgens einer der Ersten, der dem blauen Planeten Grünes verkündete: "Kohleausstieg ist beschlossen", twitterte Armin Laschet (CDU) vorigen Donnerstag, "Hambacher Forst bleibt erhalten." Nur, seither wachsen die Zweifel, ob Deutschlands wohl umkämpftester Wald wirklich gerettet ist.

Denn prompt ließ Rolf Martin Schmitz, Vorstandschef von Deutschlands größtem Braunkohle-Verstromer RWE, wissen, dass seine Schaufelradbagger in den nächsten Jahren am Rande des Forstes noch Millionen Tonnen Erde ausheben müssten. Nicht nur wie bisher im Norden, sondern auch im Osten und Süden der Stileichen und Hainbuchen werde gegraben, zudem würden die beiden Dörfer Manheim und Morschenich "weiterhin abgebaggert". Auf der Grundlage dieser Aussage fertigte obendrein die Aachener Zeitung eine Karte an, die den "Hambi" künftig von drei Seiten umzingelt zeigte. Die Grafik machte im Internet Furore. Umweltschützer schlugen Alarm: Der Wald drohe als Insel inmitten einer Mondlandschaft zu veröden.

Die schwarz-gelbe Landesregierung sah sich am Montag zur Klarstellung gezwungen. Sein Haus sei von den Berichten "überrascht worden", sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart. "Solche Planungen gehen weit über das hinaus, was uns aus Gesprächen von RWE und der Bundesregierung bisher vermittelt wurde", sagte der FDP-Politiker. In einem derartigen Szenario wäre fraglich, ob der Erhalt des Walds mit seinem Wasserhaushalt gewährleistet wäre, "da der Forst praktisch von allen Seiten durch Abbauflächen umgeben wäre".

Am Montag korrigierte der Konzern Aussagen seines Chefs vom Donnerstag

Das Ministerium ließ stattdessen eine andere Karte aushändigen, in welcher der Konzern den Stand seiner Verhandlungen mit dem Bund vorige Woche zusammengefasst hatte. Demnach wolle RWE weder im Westen noch im Süden des Walds baggern, die Abrissbirnen würden "gegebenenfalls den Ort Manheim berühren, nicht aber Morschenich", sagte Pinkwart. Der Minister zeigte sich irritiert und ließ im Hinblick auf RWE wissen, dass er "ein frühes Dementi nicht für unpassend erachtet" hätte.

Während Pinkwart noch sprach, distanzierte sich RWE von jener Grafik, die zu dem Zeitpunkt drei Tage lang unwidersprochen kursierte. Die Karte in der Zeitung stamme nicht von RWE, teilte der Konzern auf Twitter mit, und stimme auch nicht mit laufenden Planungen überein. "Der Hambacher Forst wird erhalten, aber nicht in einer Insellage." Auch gehe RWE derzeit davon aus, dass man den Ort Morschenich nicht in Anspruch nehmen werde, korrigierte der Konzern am Nachmittag die vier Tage alten Ausführungen des Vorstandschefs. Der Kohleabbau in Hambach ende zwar 2022; doch man brauche die Erde, um die bislang zu steilen Böschungen abzuflachen und zu stabilisieren.

Die Bundesregierung hatte sich vorige Woche mit den betroffenen Bundesländern und Energiekonzernen auf einen Plan geeinigt, wie Deutschland bis 2038 aus der klimaschädlichen Kohleverstromung aussteigen soll. Im Gegenzug soll alleine RWE 2,6 Milliarden Euro Entschädigung erhalten. Der Bund will einen entsprechenden Gesetzentwurf noch im Januar vorlegen.

Nordrhein-Westfalen wolle bis zur Sommerpause den Entwurf einer neuen Leitentscheidung für den Braunkohletagebau im Rheinischen Revier vorlegen, kündigt Minister Pinkwart an. "Wenn wir sagen, der Hambacher Forst bleibt erhalten, dann müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass das wirklich erreicht wird", so der FDP-Politiker.

© SZ vom 21.01.2020
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